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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-09 · Heft 27 (9.7.1920) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 27 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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LngliMÄ. Z. London^ im Juni. Die Ernennung Sir Herbert Samuels zum High Cornnüsfioner' von Palästina hat bekanntlich in weiten jüdischen Kreisen' auch außerhalb Englands große' Freude hervorgerufen. Mit weit weniger Sympathie begrüßt man diese Wahl in einem gewissen Teil der englischen Presse. - Der „Spectator" bemerkt in einem seiner letzten Leitartikel:..Morning Post" hat unserer Nation niemals einen größeren Dienh wiesen als durch ihre klar ausgesprochene Oppösition'gegen Sir Herbert Samuel als Sachverwalter und Autokratenvon Palästina. Das Blatt meint zwar, keine persönlichen oder Nafsevorurteile gegen Herbert Samuel zu haben, dessen hervorragende Fähigkeiten und politisches Geschick es anerkennt: aber einem Juden, und noch dazu einem Zionisten, den gefährlichsten aller siedenden Töpfe anzuvertrauen, Palästina, wo eine, die Juden an Zahl weit übertreffende arabische Bevölkerung gemeinsam mit den dortigen Christen dem Zionismus feindlich gegenübersteht, erscbeint der „Morning Post" ebenso unklug wie bedenklich. „Diese britische Politik", heißt es dort, „soll den Juden, an denen gewiß vieles gutzumachen ist, die Einwanderung nach Palästina und den Privaterwerb von Grund und Boden gestatten. Das schadet niemandem und nützt auch der andersgläubigen Bevölkerung.. Aber nie urtd nimmer dürfe sie mehr als Privaterwe.rb bei dem Ankauf von Grund und Boden erlauben." — Auch gab die Ernennung Sir Herbert Samuels im Parlament zu vielfachen Anfragen Anlaß, die eine gewisse Besorgnis wegen des künftigen guten Einvernehmens unter der palästinensischen Bevölkerung verraten. Auf die Anfrage des Brigadegenerals Surteß im Honse of Commons, ob in Anbetracht der Tatsache, daß Sir -Herbert Samuel indischen Glaubens ist, irgendwelche Maßnahme getroffen sei, um die bei weitem zahlreichere arabische Bevölkerung zu beruhigen, erwiderte Mr. Harmsworth (Untersekretär für ausländische Angelegenheiten): „Wenn eine Versicherung nötig ist, daß Sir Herbert Samuel seine Pflichten mit jener strengen Unparteilichkeit erfüllen wird, welche ein charakteristisches Merkmal der englischen Politik in ^er ganzen Welt ist, so kann sie in der von ihm kürzlich gemachten Erktäruna gefunden werden, die in der Presse veröffentlicht worden ist. Diese Erklärung ist auch nach Jerusalem telegraphiert worden, wo sie der weiten Öffentlichkeit übergeben wurde, und keine weitere Stellungsnahme ist bisher verlangt worden." — Inzwischen hat Sir Herbert Samuel schon längst England verlassen, um nach dem Schauplatz seiner neuen Tätigkeit überzusiedeln. Zahlreiche Ehrungen, Adressen und, Abschiedsfeierlichkeiten wurden dem allseitig beliebten Manne vor seinem Scheiden von England zuteil. Unter den zahlreichen Persönlichkeiten, die vor der Abreise erschienen waren, um Sir Herbert Samuel Lebewohl zu sagen, sah man viele bekannte Gesichter. Es seien nur genannt Mr. und Mrs. Arthur Franklin, Brigadegeneral Haddad Porhu (Oberhaupt der arabischen militärischen Gesandtschaft) und viele andere. Lady Samuel gedenkt tm Herbst ihrem Gatten nach Palästina zu folgen. Mit warmen Worten nahm der neu erwählte Oberkommissar von Palästina von seinen englischen Freunden Abschied, indem er am Schluß seiner Rede bemerkte: „Ein hohes Unternehmen steht uns bevor, und Opfer und Mühen werden nicht fehlen, um es zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Mit Einigkeit lucker denen, die für die Entwicklung Palästinas sorgen, und mit dem guten Willen der arabischen und christlichen Bevölkerung hoffe ich, Palästina eine Zukunft zu sichern, die der Größe seiner Vergangenheit nicht unwürdig fern wird." Von Agh und Fern. - Der L e h r a n st a -l t f ü r d i e W i s s c n s chaft d e s I u d -e ntnms in Berlin ist die behördliche Genehmigung erteilt worden, wieder ihren Namen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu führen, den sie sich bei der Gründung 1872 gegeben hatte. Es gereicht uns zur Genugtuung, daß diese Anerkeni'nng auf die Initiative des verewigten Kuratoriummitgtiedes Geheimrat Ludwig Geiger zurückgeht. — Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums hat Herrn Professor Dr. Moritz Sobernheim (Berlin) zum Vorsitzenden gewählt. Herr Dr. N. M. Nathan (Hamburg) ist in den Ausschuß berufen worden. Das Bureau der Gesellschaft befindet sich fortan Berlin W 35, Steglitzer Straße 9. — Professor Einstein hat in Kristiania'für das große Publikum-mehrere Vorträge gehalten, denen die meisten Professoren der Universität Kristiania beiwohnten. Dem berühmten deutschen Gelehrten wurde von dem Rektor der Universität Kristiania und von den: Bor sitzenden des norwegischen Studentenvereins gehuldigt.' Einstein wurde zum Ehrenmitglied des norwegischen Studentenvereins ernannt. - - Am 21. Juni starb in Berlin Herr Albert B e er, der fett einem Jahrzehnt der Ehrenbeamtenkommission der Jüdischen Gemeinde als eifriges Mitglied angehörte und auch sonst für jüdische Bestrebungen reges Interesse bekundete. - Am 29. Juni verschied im 50. Lebensjahr Herr Handelsrichter Nathan Landsberger. — Aus Insterburg wird uns geschrieben: Der neugewählte hiesige Rabbiner Dr. Neu se lb a^s Briefen wurde beim Gottesdienst am Freitag, den 11. Juniabends, in sein Amt feierlich eingesührt. Der Vorsteher der Gemeinde, Stadtrat Eichelbaum, richtete an ihn eine herzliche Ansprache. Auch stellte der Vorsteher die Mitarbeit des Rabbiners im Vorstande der Gemeinde in Aussicht. Dr. Neufeld hielt darau.f seine Antrittspredigt. — Man schreibt uns aus Pinne: Im 76. Lebensjahre entschlief. hier Herr Benjamin Heh mann. Derselbe war länger als 30 Jahre als Beamter unserer Gemeinde tätig und . hat . sich durch seine treuen, uneigennützigen Dienste ein bleibendes Gedenken bei allen in unserer Gemeinde gesichert. Groß war die Beteiligung bei der Beerdigung dieses braven Gemeindebeamten. — Vor einiger Zeit wurde, wie das .„Hamburger Echo" schreibt, anscheinend von Hand dummer Schnösel das Heine- Denkmal am Barkhof durch Abschlagen einiger Finger stark beschädigt. Jetzt haben neuerdings antisemitische Mistfinken das Gesicht mit Dreck und Teer beschmiert, so. daß das. Gesicht, nun ein schwarzer Punkt ist. Welch ungeheure Verwilderung und Verwahrlosung muß bei diesen teutonischen Jünglingen um sich gegriffen haben, wenn sie glauben, mit derartigen Flegeleien „deutsche Heldentaten" .vollbracht zu haben! Und so etwas fühlt sich berufen, „das Salz der Erde", der „Sauerteig der Völker" zu werden. An diesem, deutschen Wesen wird wohl niemals die Welt. genesen. . —. In Kiel verschied am 9. Juni nach längerem Leiden der langjährige Lehrer und Kantor der Gemeinde, Leopold Katz, im Alter von erst 54 Jahren. Er hat in der Gemeinde seit fast 25 Jahren auf allen Gebieten jüdischen Lebens unermüdlich gewirkt. Er war Gründer und Vorstandsmitglied des Literaturvereins und betätigte sich in selbstloser Weise in allen Angelegenheiten, wo es galt; im jüdischen Interesse zu wirken. Der Beisetzung, die am 11. Juni unter starker Beteiligung der Gemeindemitglieder, sowie zahlreicher Vertreter der Bürgerschaft stattfand, ging eine ergreifende Trauerfeier im Sitzungssaale der Synagoge voran. In Vertretung des Oberrabbinats Altona hielt Herr Rabbiner Dr. Duckes (Altona) eine warmherzige und ergreifende Ansprache, in der er die Verdienste des Verschiedenen eingehend würdigte und die besonderen Leistlingen um' die jüdischen Matrosen und Kriegsgefangenen hervorhob. Für den Vorstand der Gemeinde sprach der Sanitätsrat Dr. rned. Jacob, der besonders aus das segensreiche Wirken des Verstorbenen im Gemeindeleben mit eindrucksvollen Worten hinwies. Ehre seinem Andenken! — Wie rms aus Halle gemeldet wird, erregt dort das rätselhafte Verschwinden . des neunjährigen Oberrealschülers S a l l y Banner größtes Aussehen. Der Knabe, Sohn eines Kaufmanns, war am Sonntag vorrnittag mit . seinen Büchern zur jüdischen Religionsstunde gegangen, ist aber dort nicht eingetrosfen. Von dem Augenblick an, er das Haus seiner Eltern verließ, fehlt jede Spuk von ihm. Die Bemühungen der Kriminalpolizei und von Privatdetektiven waren bisher vergeblich. Die Familie hat eine hohe Belohnung ausgesetzt,. — Die Schweizerischi-deutsche Hilfskommission für notleidende deutsche Kinder hat dem israelitischen Hilfsfonds in der Schweiz den Betrag von 25000 Franken für ein Genesungsheim am Vierwaldstättersee für israelitische deutsche Kinder zur Verfügung gestellt. — Bei -einer Vorstellung im Türkenschanzpark in Wien kam es zu lärmenden. Kundgebungen gegen Alexander Moissi. „Heraus mit dem kommunistischen Juden!" wurde gerufen, und alZ Moissi die Bühne nicht räumte, kam es zu großen Schlägereien. Moissi ist weder Jude noch jüdischer Abstammung. — Holossh, der bekannte Renegat, der durch sein Interview die Verhaftung -des Oberrabbiners Löw von Szegedin veranlaßt bat, ist aus Wien ausgetviesen. worden. — Aus London wird gemeldet: Der Grasschaftsrat hat beschlossen, die hebräische Sprache als Unterrichtsgegenstand in den Londoner Schulen einzusühren. — Verantwortlicher Redakteur: Albert Ä atz in Berlin-Pankow, Florastraße^88. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Zunge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Moffe. .

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