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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-09 · Heft 27 (9.7.1920) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 27 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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frommen Weiber, euch segnend, ihre Kinder auf euren Fleiß Hinweisen sollen."! „Laß doch die frommen Weiber!" wehrte der „Sched" ab. „Ohne dich, du Liebliche unter den Schönen, was wären wir, was unser Leben?" „Wir glichen dann," fiel der Dichter ein, „den verdorrten Gebeinen, die der Prophet Ezechiel in einem Tale geschaut." „Mach' mich nicht unglücklich," rief der „Sched", „und reiße mir nicht die Worte aus denr Mund!" Infolge des Geschreis war Jechiel aufgewacht und rief, scheu um sich blickend: „Wer ist da? Was ist, was ist?" Er erhob sich, blieb einige Minuten unentschlossen stehen und näherte sich dann den Genossen. „Wer ist der hier?" fragte die Tochter des Schammes, als sie den Neuangekommenen erblickte. „Es ist unser neuer Kollege; Jechiel lautet sein Name." „Ach, wie traurig er aussieht," raunte das junge Mädchen den Nächststehenden zu. Ein Schatten von Trauer und Furcht lagerte sich über ihr Gesicht, als sie Jechiel etwas aufmerksamer betrachtete. „Ich fürchte mich vor ihm," fuhr sie leise fort. „Du hast recht," pflichtete ihr der „Sched" mit lustigem Augenzwinkern bei, „denn er ist fürchterlich wie ein Löwe in seiner Macht über die unsichtbare Welt. So ist er imstande, alles, Menschen und Tiere zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden; wenn er will, entlockt er einer trockenen Steinwand Wasser, ja sogar Branntwein; er kann auch den umherirrenden, abgeschiedenen Seelen Ruhe und Frieden verschaffen. Nicht wahr, lieber Jechiel?" Dieser antwortete nicht. Wie eine Bildsäule stand er da und starrte mit weit aufgerissenen Augen aus die ihm gegeniiberstehende Jungfrau; große, kalte Schweißtropfen liefen von seiner Stirne herab, und seine mageren, eingefallenen Wangen nahmen eine grünliche Färbung an. Als das Mädchen gleich hieraus das Lehrhaus verlassen hatte, wandten sich die jungen Leute ihm wieder zu und fragten wie aus einem Munde: „Jechiel, was ist dir? Warum bist du so bleich? Hast du etwa wieder ein Bardeles im Traum gesehen?" Als er noch immer mit keinem Laut antwortete, sagte der „Sched": „Die Macht des Bösen hat sich seiner bemächtigt." „Jechiel," scherzte ein zweiter, „wollte in Ruhe sitzen und lernen, da verfiel er der zornstarken Gewalt des Jezer Hora, des bösen Triebes." „Ja, ja," witzelte ein dritter, „die schöne Tochter des Schammes ist ein gewaltiges, verzehrendes Feuer und das Herz des armen Talmudjüngers ein trockenes, dürres Holz." „Eigentlich," apostrophierte ihn der „Sched" mit erheuchelter Strenge, „eigentlich solltest du vor Scham dein Gesichr verhüllen. Warum hast du deinen Platz in der Nähe des Ofens verlassen und bist dem Satan ins Netz gelaufen? Wärest du bei deinen Büchern geblieben, so hätte ihr Blick nicht gleich einem Feuerfunken das Heu und Stroh angefacht, mit dem du dein Gehirn vollgepfropft hast." „Wer ist sie?" fragte Jechiel. „Wer ist dieses Mädchen?" „Schaute!" lachte der „Sched". „Wie oft habe ich heute schon von der Schammes-Tochter gesprochen!" „Ach, sie ist wie eine Lilie", seufzte der Dichter. „Im Tale Saron," ergänzte der „Sched", „und wir gleichen Dornen und Disteln. Sie ist eine hellodernde große Flamme, die wir umflattern wie Motten, bis wir einmal unsere Flügel versengen und ganz Israel die große Feuersbrunst beklagen wird, die dieses Mädchen mit einem ihrer Blicke angefacht hat... Doch Scherz beiseite, Jechiel! Nimm dich ja vor der Tochter des Schammes in acht! „Eher hinter einem Löwen als hinter einem Weibe einhergehen", sagen unsere Weisen, und ich sage dir, noch gefährlicher ist es, einem Weibe ins Angesicht zu schauen." „Sieh dich ja vor," mahnte der Altertumsforscher, „daß du nicht das Schicksal des Simri ben Salli") teilst!" „Und daß ich nicht gezwungen werde," mischte sich bet Dichter ein, „die Rolle des Pinchas zu übernehmen und dir die Augen auszukratzen." „Seid ohne Sorge um mich!" raffte sich Jechiel auf und sprach stolz: „Ich werde nie und nimmer in das Netz des Bösen geraten. Ich schwöre euch, daß ich von heute ab ihre Nähe meiden werde. Wenn sie die Schwelle dieses Hauses betritt, werde ich mich hinter denr Ofen verbergen, nrir die Finger in die Ohren stecken, damit ich fortan ihre Stimme nicht höre, und da mich eine Minute die Macht der Sünde gepackt hat, werde ich Buße tun und durch zweitägiges Fasten mein Vergehen gutzumachen suchen." „Das wird dir kaum helfen, Freund," seufzte der „Sched", „und wenn du auch sechzig Tage fastest, die Erinnerung an die Tochter des Schammes wird aus deinem Gedächtnis schwerlich schwinden. Hast du sie auch nur einmal gesehen, ihr Bild ist nunmehr für alle Ewigkeit auf der Tafel deines Herzens eingegraben. Was nützen alle Vorsätze, wenn die Blicke ihrer Augen einem bleiernen Griffel und unsere Herzen, infolge unserer Sünden, denr Wachse gleichen. Ach!' Wir werden ihr Bild mit ins Grab nehmen, und nicht einmal die Züchtigung der Hölle wird es zerstören." (Fortsetz,m« folgt.) Sprechlsal. A n bi e Redakt i o n bcr „WII gerne inen Zeitung des In d ent ums". Der in Nr. 26 Ihrer geschätzten Zeitung enthaltene Bericht über die letzte Sitzung der Repräsentantenversammlung der Jüdischen (&:meinte bedarf in wesentlichen Momenten der Richtigste llnng und Ergänzung. Entgegen dem WorAant des Berichts ist in denAnsführuingsbeftimmungen zu der neuen Besoldungsordnung nicht nur vorgesehen, daß die Kantoren neben ihrer Tätigkeit in den Synagogen auch Religionsunterricht erteilen sollen, sondern es ist beschlossen worden, dgß ihnen ein Sechstel ihres Gehalts in Abzug gebracht werden wird, wenn sie nicht unentgeltlich eine bestimmte Anzahl von Bureaustunden übernehmen bzw. im Religionsschuldienst tätig sind. Auch sollen ihnen die Gebühren für Trauungen entzogen werden. Da eine große Anzahl von Kantoren bereits seit langer Zeit Unterricht gegen besonderes Honorar erteilt, so würde der Ausfall des Unterrichtshonorars im Zusammenhang mit dem Wegfall der Entschädigung für die Trauungsfunktionen die neuen Gehaltserhöhungen nahezu illusorisch machen. Diese für die Kantoren so einschneidenden Maßnahmen, von denen sie erst in letzter Stunde Kenntnis erhielten, und der Umstand, daß ihnen ein erbetener offizieller Empfang zur Vorbringung ihrer Wünsche, ja selbst eine private Besprechung noch kurz vor der entscheidenden Repräsentantensitzung verweigert wurde, löste begreiflicherweise bei den Beteiligten eine starke Erregung aus, die den Zurückgewiesenen Veranlassung gab, auf der Tribüne des Repräsentantensaales dem Gang der Verhandlungen zu folgen. Wenn in dieser Sitzung vom Vorstandstisch aus das den Gemeindebeamten „bekundete Wohlwollen" besonders betont wurde, so sehen sich die Kantoren veranlaßt, dem Gemeindevorstand folgende Fragen vorzulegen: 1. Ist es wohlwollend., Beamte, -ohne vorherige Rücksprache, plötzlich zu Nebenbeschäftigungen ohne Gewährung von Vergütungen zu zwingen, und zwar unter Androhung, von Repressalien in Form von Gehaltsabzügen für den Weigerungsfalls 2. Ist es wohlwollend, diesen Beamten entgegen, den getroffenen Vereinbarungen Nebenbezüge zu entziehen? 3. Ist es wohlwollend, immer und immer wieder wohlmotivierte ideelle und materielle Forderungen dieser Beamtenkategorie entweder ohne jede Grundangabe kurz „mit Bedauern" abzulehnen oder überhaupt unbeantwortet zu lassen? Ein solches Verfahren schafft Erbitterung und ist nur zu geeignet, den Objekten dieses Wohlwollens die Freude am Berufe zu vergällen. Die so gemaßregelten Beamten erwarten, daß dieser „Aera des Wohlwollens" sehr bald eine „Aera des Rechtes und der Gerechtigkeit" folgen möge, des gleickjeu Rechtes für alle. Berlin, 29. Juni. Die Kantoren der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. ") Siehe Nummer 25, 14.

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