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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-09 · Heft 27 (9.7.1920) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 27 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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316 Er ist der Ansicht, die Staatsschuld könne zugleich dadurch getilgt werden, daß man das Schuldkapital unter die Bürger austeile, es also in Privatschulden des einzelnen Bürgers verwandelt (Funding System). Sehr scharf sind Ricardos Ausführungen über die Grundrente, die er als Differentialrente definiert. Besitzt jemand Ackerland, das ihm einen gewissen Nutzen abwirft und steigen infolge von Bevölkerungszuwachs mit der regeren Nachfrage nach Bodenprodukten deren Preise, so lohnt sich der Anbau des bisher nicht bebauten minderen Bodens zweiter Klasse, der jetzt ebenfalls einen Gewinn abzuwerfen beginnt. Dieser Gewinn ist natürlich von dem des längst kultivierten Bodens erster Klasse verschieden: Die Differenz ergibt eben jene sogenannte Boden-(Grund-)Rente. Die Grundrente ist demnach der durch die unter günstigeren Bedingungen erzeugten Bodenprodukte erzielte Extragewinn. Daß Ricardo auch unter anderem auf die Lage der Absatzzentren — wie später ausführlicher Thünen — zu sprechen kommt, sei nur erwähnt. Nicht minder interessant und scharfsinnig sind Rioardos Aussührungen über den Freihandel — er begründet die Freihandelstendenz auch durch das bekannte Beispiel von den 80 Portugiesen, die eine bestimmte Menge Wein leichter produzieren als etwa 100 Engländer eine an Tauschwert äquivalente Menge Stoff, so daß der Engländer zweckdienlich den Wein aus Portugal in Tausch beziehen wird —, ebenso über das Bank- und Börsenwesen (seine berühmte Ouantitätstheorie), namentlich aber seine Theorie vom Arbeitslohn. Er führt den Begriff des natürlichen und des Marktarbeitspreises ein und versteht unter dem ersten den Lohn, welcher notwendig ist, damit der Arbeiter sein Existenzminimum bestreite und sein Geschlecht fortpflanze ohne Verunehrung oder Verminderung. Der Marktpreis wird sich jenem immer nähern. Sinkt er unter ihn, so wird mit der finkenden Arbeiterzahl und mit dem damit verbundenen Sinken des Angebotes der Lohn steigen, steigt er über ihn, so wird mit den besseren Lebensbedingungen der Arbeiternachwuchs steigen und das Lohnniveau sinken, es findet also jener Ausgleich statt, der das bekannte — agitatorisch wirksame — eherne Lohngesetz formuliert. In unserem sozialistischen Zeitalter ist es gewiß von Internste, festzustellen, daß Marx die Rioardoschen Lehren fortentwickelt hat, und zwar in einer Weise, daß man wohl kaum von einer Ricardo-Marxschen Lehre sprechen kann. Ebenso hat Lassalle unberechtigt aus seinem Lohngesetz gefolgert, daß unter der Herrschaft des Kapitalismus an eine Besserung der Lage der Arbeiter nicht zu denken sei. Die kritische ftnalyle des übrriiekerten tzwv-Textes^ Von Tr. S. Sonnenschein. n vorliegender Arbeit will der Vevfasser, mit häufigerer » Anivendung und strengerer Durchführung des Formge setze s des Parallelismus, den nach feiner Ansicht ursprünglichen Text des bisher versiegelten Hiob-Buches feststellen, und mit Hilfe einer These, die sich ihm „als sicheres Ergebnis" dieser Arbeit herausstelljt, den „bisher geradezu Verschütteten Sinn der Dialogreden" in Ordnung bringen. lieber die These spricht er sich im Vorwort folgendermaßen aus: „Nicht nur gelegentlich sind einzelne Stücke aus den Reden des Dialogs an die Unrechte Stelle verschlagen worden, sondern die Ein- J) Das Buch Hiob. Eine kritische Analyse des überlieferten Hiob-Dextes von Dr. Harry Torczyner, Privatdozent an der Universität in Wien, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Iiedentnms, 1920. R. Löw-it-Verlag, Wien und Berlin. teilung des Dialogs in Reden stainmt in ihrer überlieferten Ordnung selbst nicht vom Dichter, sondern von einem Sammler oder Abschreiber. Und dieser selbst hatte die Dichtung nicht mehr unversehrt und geordnet, sondern großenteils nur in Fragmenten verschiedenen Umfanges vpr sich. Diese Bruchstücke hat er nach seinem Urteil zusammengestellr und er hat überall dort in seiner Ueberfchrift einen neuen Redner das Wort ergreifen lassen, wo e r die Fortsetzung demselben Redner nicht zumuten zu können glaubte. Wie wenig seine Anordnung das Richtige getroffen, zeigt schon der Umstand, daß, was nach unserem Texte etwa in einer Freundesrede steht, an anderen Stellen bisweilen ausdrücklich als Aeußerung Hiobs zitiert wird (siehe zu 15, 14 ff; 22, 2 ff). Und so stehen an jenen zahlreichen Stellen des Buches, wo unzusammenhängende und Änaüder oft auch widersprechende Sätze aufeinanderzufolgen scheinen, zumeist wirklich Fragmente, oft aus verschiedenen Reden, beisammen, die ursprünglich nicht zueinander gehörten." Aus der Fülle von Fällen, die dem Kritiker zu Gebote stehen, möchte ich nur drei vorsühren, weil sie ganz besonders charakteristisch für die Methode des Verfassers find; sie sollen zeigen, wie der neue Text aussieht und wie er hergestellt wird. Kap. 6, 14 lautet nach dem maforetischen Text.?niHÜ DÜ*? DW ■HIT DKTI “IDn (die geläufige Uebersetzung: Dem Verzagenden werde von seinem Freunde Liebe und dem, den die Furcht des Ewigen verläßt). Aus diesem Verse wird mit Hilfe des Parallelismus der ganz neue: ''TO K“V1 “IDIT IHü “ID t HÜ1? 21V' auf folgende Weise: Da nun ein Verlassen der Gottesfurcht ganz unwahrscheinlich ist, 'TO 7?r<T neben dem Verbum aber wohl das fehlende Subjekt des Satzes enthält, wird es sich wohl um die Behauptung Hiobs handeln, daß der Gottesfürchtige ('TO K“l’) verkästen wird ojjjv. Zu diesem Verbum bildet wohl “iDiT „leidet Mangel" (für TOn+D und zum Gottessürchtigen nach 1, 1. 8; 2, 3; 28, 28; Prov. 3, 7 j?“lü to (für jrva D> „dem Bösen feind" die Parallele; das Vorhergehende £*? ist entschieden nü>> „warum?" in der ursprünglichen Orthographie des Hiob-Buches. Ebenso ist n in, injHü orthographische „Verbesserung" des ursprünglich gelesenen UTü Zum ganzen Satze: „Warum leidet der Makellose Mangel, wird der Gottesfürchtige verlassen?" Ein solcher Vers gehört zu . . . 12, 4, 12, 5s; 21, 7, 24, 1. Ein zweites Beispiel: Kapitel 24, 19—20 lautet nach dem überlieferten Text: isan *?ldw H*TO ’Ü'Ü ON Dl iTSt “ID?' üb mr r?ü"l Ipnüinm 1NNTO' (Iu Dürre wie in Glut rauben sie, im Schneegewässer; in der Unterwelt sündigen sie. Vergesse sein die Mutterliebe! Ihm ist der Wurm süß, werd' er fürder nicht gedacht!) Hierzu der Verfasser: „In Vers 19—20 ist ein Parallelismus zunächst nur Mischen?NNDL>' 20a und TO?' vb 20b feststehend, wodurch zumindest das durch diese Wörter umgrenzte Stück zu einem Vers zusammengeschlossen wird . . . Endlich cvber -scheint es sicher, daß auch ,“?ü“) „Gewürm", im Hiob-Gedicht aber auch so viel wie „Grab" in „Unterwelt", Vers 19, seine Parallele hat und dadurch gesichert wird. Damit verschiebt sich aber auch der Umfang unseres Verses, zu dem auch irrvN *?1iTO aus Vers 19 gehören muß. Und daraus ergibt sich weiter, daß mit Ausscheidung von pfiü cm zusammenzuziehen und zu lesen ist: •‘ÖJ’ «*? *1311? nü“Q NZLt' 1KYY *?182> „In der Unterwelt vergißt er seine Sünde, im Grabe denkt er seiner Schuld nicht." Es bezieht sich dieser Satz somit wieder auf den Sünder . . ., dem Gott bis zu feinem Tode zuwartet. Wann soll dann seine Strafe kommen? Im Tode? Dann hat er selbst Sünde und Strafe längst vergessen. Deutlich zeigt auch dieser Vers den Zusammenhang mit dem Gedankengang von

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