Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 27 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die größten Äüsgäben hat die Gemeinde für die „Allgemeine Verwaltung" zu leisten. Die Gehälter für die Beamten sind infolge der teuren Lebensmittel und der gesteigerten Kosten für alle Lebensbedürfnisse in den letztem Jahren wiederholt erhöht worden und wurden in der neuen Besoldungsordnung mit Zustimmung der Beamtenverbände festgelegt. Die darin festgesetzten neuen Sätze werden aber nicht als ausreichend angesehen und werden bald weiter erhöht werden müssen. Zunächst wird den Beamten neben ihrem Gehalt eine neue Teuerungszulage von 2000 Mark für die verheirateten und für jedes Kind 600 Mark, sowie 1500 Mark für die ledigen Beamten gewährt. Die Gesamtausgaben für die Bureaubeamten einschließlich Pensionen sind im Etat festgesetzt auf 2 023 450 Mark, hierzu sind 800 000 Mark für Ausgleichszahlungen und bereits geleistete Gehaltsvorschüsse hinzuzurechnen, so daß im ganzen etatisiert sind: für Gehälter und Pensionen....... Mark 2 823 450,— für Bureanunkosten, Inserate, Material zur Besteuerung sowie sür Dienstreisen .... „ 197 535,— für das Gemeindeblatt. „ 120 000,— für den Dispositionsfonds werden bereitgestellt „ 20 000,— .die Bauverwaltung, einschließlich der Gehälter, sür den Gemeindebaumeister usw., sowie Reparaturen der Gemeindebaulichkeiten erfordern . „ 300 000,— zu denen noch sür Arbeiten auf dem Friedhof in Weißensee, für Schwellenfundamente und Mauer gerechnet werden müssen .... „ 900 000,— und als 1. Rate für das Ehrenseld für die gefallenen jüdischen Soldaten. „ 800000,— Subventionen und Beiträge an wohltätige und wissenschaftliche Vereine sollen gezahlt werden in Höhe von. ,, 172 400,— für gewöhnliche und außergewöhnliche Ausgaben sowie für zu erwartende Ueberschreitungen des Etats wurden eingesetzt . „ 2689850,— so oaß die Schlußsumme dieses letzten Kapitols.Mark 7 523 235,— beträgt. Für unvorhergesehene Ausgaben mußte ein größerer Betrag — über 234 Millionen — in den Etat ausgenommen werden, da die Steuerquote diesmal nach dem Bedarf, wie ihn der Etat ausweist, festgesetzt werden mußte. In früheren Jahren war hierfür der Rachtragsetat mit allen seinen Nachbewilligungen maßgebend. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß sür 1920/21 noch viele große, außergewöhnliche' Ausgaben der Gemeinde erwachsen werden, da die Bedürfnisse aus allen Gebieten sich fortwährend mehr steigern. Namentlich die Besoldung der Beamten wird die weitere Aufwendung großer Summen erfordern. Die Verwaltungsbehörden der Berliner Jüdischen Gemeinde befinden sich einer sehr schwierigen Aufgabe gegenüber. Sie haben die Pflicht, die Steuerkraft der Gemeindemitglieder nicht zu scharf anzuspannen, und Sparsamkeit zu üben, soweit es angängig ist. Auf der anderen Seite können sich der Vorstand und die Repräsentanten nicht den dringlichen Vorstellungen ihrer Beamten verschließen, die unter den obwaltenden schwierigen Verhältnissen ihren Lebensunterhalt kaum oder nur sehr schwer zu bestreiten in der Lage sind. Das Problem, diese Frage zu lösen, beschäftigt im Augenblick alle staatlichen und städtischen Behörden, und es ist leider noch keine Aussicht, einen Ausweg zu finden. Nur dann, wenn die Preise der Lebensmittel fallen, wird es möglich sein, geregelte Verhältnisse wiederherzustellen. Sonst werden große Fehlbeträge bei den nächsten Kässenabschlüssen nicht ausbleiben und das bisher glänzend geordnete Finanzwesen unserer Gemeinde wird in Zukunft arg gefährdet sein. Dsoid Äirsrdü. Zur Hundertjahrfeier feines Funding- Systems. Von Maximilian Blum. ätten wir die Muße Feste zu feiern, so müßten wir dieses Jahr das hundertjährige Jubiläum eines volkswirtschaftlichen Ereignisses festlich "begehen, nämlich der Publizierung von Ricardos: On the funding systein, das 1820 erschienen ist. David Ricardo, einer der geistreichsten Verfechter der klassischen nationalökonomischen Schule, neben Thümen der bedeutendste Nachfolger Adam Smiths, wurde im Jahre 1772 in England als Sohn eines angesehenen Bankiers geboren und entstammte einer portugiesischen Judenfamilie. Die portugiesische Judenheit, die eine so stattliche Zahl glänzendster Denker der europäischen Kultur geschenkt hat, bewies mit diesem ihrem Sohne wieder einmal den Adel ihrer traditionell gepflegten Wissenschaft. Daß David später znm Christentum übertrat — weshalb er sich mit seinem strenggläubigen Vater gründlich entzweite - - mag wohl im Zwange der Verhältnisse begründet gewesen sein. Die Produktivität seines jüdischen Geistes, die sublime Art seiner gründlichen Forschung, die etwas von der Gründlichkeit an sich hatte, mit der seine Vorfahren in Portugal und Spanien sich an die Erforschung schwieriger talmudischer Fragen herangewagt hatten, steht zu seiner Taufe ebensowenig in irgendeiner Beziehung, wie der vergebliche Versuch antisemitischer Buschklepper, uns Juden die wissenschaftliche Originalität auf Grund unseres Rassenplebejertums - - wahrscheinlich im Gegensatz zur ultragermanischen Edelrasfensuperiorität — abzuspvechen. Nach dem Erscheinen seiner vier ersten ökonomischen Schriften, the high price of bullion a proof o! the depreciatiou of banknotes (1810), das die Verhältnisse der Bank von England eingehend behandelt; Ou the iukluenee ok a low price of com on the profits of stock (1815), in dem er die Theorie der Malthusschen Grundrente weiter entwickelt; Proposals for an eeonomical and secure currency (1816), in welcher Abhandlung er sich um die Wiederherstellung der unterbundenen Barzahlung der Bank bemüht, und der berühmten Principles of political ecopomy and taxation; erschien 1820 das bereits angeführte systematische Hauptwerk On the funding System, in welchem er die direkte Belastung der Steuerpflichtigen empfiehlt. Ricardo billigt dem Staate die Steuern als Boden- oder Arbeitsertrag zu und zwar sind die Abgaben zu zahlen vom Kapitaleinkommen, vom Nutzen und vom Bodeneinkommen. Logischerweise seien die Abgaben vom Reingewinn zu erheben, die Rohprodukten- und Luxusgütersteuern treffen in der Regel den Verbraucher, wie die Steuer vom Lohn den Nutzen mindert, den Arbeitspveis erhöht. Steigen alle Güter proportional zur Steuer, dann trifft nach Ricardo die Kapitalgewinnsteuer das Kapital, gehen die Güter kraft des veränderten Tauschwertes des Geldes auf ihren ursprünglichen Preis zurück, trifft die Kapitalgewinnsteuer den Kapitalisten nicht. Er ersteht die Waren zum alten Preise, heimst hingegen die nämlichen Zinsen ein. Wie aktuell mutet der Passus an, in dem von den außerordentlichen Staatsbedürsnissen die Rede ist! Oeffentliche Anleihe oder Steuern? fragt der Volkswirt. Ricardo entscheidet sich für Steuern als die alleinige Deckung der außerordentlichen Staatsbodürfnisse.