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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-09 · Heft 27 (9.7.1920) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 27 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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m Maße zugelassen werden, wie die Entwicklung den Einwanderern Arbeitsplätze gewähren wird. Vor allem werden erzieherische und geistige Tendenzen (influence) gepflegt werden, in der Hoffnung, daß noch einmal moralische Kräfte zum Wohle der Menschheit vom Heiligen Land« ausströmen werden. Dies sind die Ziele, welche unter der hohen Oberaufsicht des Völkerbundes die britische Regierung, in Ausübung des Mandates für Palästina, zu erreichen sich bemühen wird. Bemerkenswert sind auch die Ausführungen Herbert Samuels in einer Bankettrede bei der ihm zu Ehren veranstalteten Abfchiedsfeier der zionistischen Organisation in London. Sir Herbert Samuel sagte unter anderem: „Grundbücher werden bald geöffnet und Landverkäufe erlaubt werden, so daß das Werk der wirtschaftlichen Entwicklung kräftiger fortgesetzt werden kann. Häuser müssen für die Leute, die kommen, gebaut werden . . . Bei all dieser Arbeit werden die Zionisten eine große, eine führende Rolle spielen — und unter „Zionisten" verstehe ich alle, die Interesse für Zion haben. Jede Gelegenheit sollte der mohammedanischen und christlichen Bevölkerung gegeben lverden, an diesen ökonomischen Entwicklungen teilzunohmen. Sic dürfen sich nicht ausgeschlossen fühlen." * Der Berliner „Jüdischen Rundschau" wird aus London, 21. Juni, gedrahtet: Sir Herbert Samuel, der Oberkommissar für Palästina, hat sich heute morgen eingeschifst, um sich in seinen Wirkungskreis zu begeben. Er wird in Boulogne an den Beratungen teilnehmen, die zwischen Lloyd George und Millerand Wer die Fragen des nahen Orients stattfinden. Bon dort begibt er sich nach Rom, wo er mit dem Vatikan Fühlung nehmen wird, um zu einem Uebereinkommen bezüglich des Schutzes der katholischen Interessen in Palästina zu gelangen. Ein englisches Kriegsschiff wird ihn dann von Toronto nach Jaffa bringen. In Erez-Jsrael werden Vorbereitungen getroffen, um den Oberkommissar feierlich zu empfangen. Bei seinem Amtsantritt wird Sir Herbert Samuel eine Amnestie für die anläßlich der Ausschreitungen verurteilten Araber und Juden erlassen. Unter den ersten, die freigelassen werden, wird Jabotinsch sein. * Empfang Samuels durch den Papst. Paris, 26. Juni. (Telegramm.) Der Papst und der Kardinalsekretär empfingen den britischen Oberkommissar für Palästina, Herbert Samuel. Ser Habbiner. Von Dr. S. Behrens (Göttingen), eitdem S. Maybaüm seine „Homiletik" herausgegeben und mit einem Aufsatz instrrcktiver Art über den Rabbiner versehen hat, sind Jahrzehnte ins Land gegangen, die im Denken und Empfinden der Menschen unleugbar bedeutsame Umwälzungen herbeigesührt haben. Maybaum sprach von der hohen Warte des geistigen Führers einer großen Gemeinde, des Lehrers eines jüngeren Rabbinergeschlechts. Seine Bemerkungen behalten ihre Wahrheit, selbst unter veränderten Aspekten. Sie gelten in starkem Maße der Bildung und der dauernden wissenschaftlichen Arbeit des werdenden Rabbiners, die unumstößlich sind. Aber auf die praktische Betätigung des Rabbiners hat doch der Krieg umgestaltend eingewirkt. Der furchtbare Kampf, der fünf Jahre lang die Welt in Atem hielt, die entsetzliche Hetze, die ihm folgte und gegen die Juden mit unerbittlicher Schärfe sich richtete, hat das jüdische Interesse vertieft und den gegebenen Lehrer der Gemeinde in viel höherem Umfange als je zuvor auf den Plan gerufen. Hatte schon der Kriegsausbruch ihn vor eine Fülle von neuen und ungeahnten Aufgaben gestellt, so sind sie seit dem Friedensschluß keineswegs vermindert worden. Unterricht und Predigt, Vereinswesen und soziale Fürsorge erfordern schon, so sollte man meinen, eine ganze Kraft, erfordern jenes Wissen und jenen Wandel, denen allein die führende Stellung innerhalb unserer Gemeinden gebührt. Sie wachsen bereits weit hinaus über die stille Tätigkeit, die der Rabbiner in der Vorkriegszeit übte, über die wissenschaftlichen Pläne, -die die Frische und die Lebendigkeit seines Wortes verbürgten, die Sicherheit boten für die Entfaltung seiner Persönlichkeit. So verschieden Neigung und Temperament auch sein mag, die lebendige Berührung mit den Ereignissen der Gegenwart, mit den Gliedern seiner Gemeinschaft, mit den Gliedern seiner Umwelt zwingt ihn heute, sich nachdrücklich einzusetzen für die Verteidigung des schwer angegriffenen Judentums. Ob das durch Wort und Schrift geschieht, in großer Versammlung oder in stiller Kleinarbeit, kann im einzelnen nicht festgelegt werden, inrmer aber ist es Pflicht, „im Kampf der erste zu sein und voramzustreben den anderen." Jugend strömt herbei, die nach Belehrung verlangt und das im Krieg erfahrene Erlebnis des Judentums tiefer graben will. Welch ein Feld erschließt sich, welch eine Fülle von Liebe, Begeisterung und hingebendem Idealismus kann da in die empfänglichen Herzen gesenkt werden, die das Erbe der Väter aufs neue sich erstreiten möchten. Ein Zeitalter ist versunken, eine neue Welt tut sich auf, die, wie wir hoffen, neue Gedanken entwickelt und jugendliche Herzen in die Hallen lebendigen religiösen Gefühls eintreten heißt. Diese Arbeit offenbart ihren besonderen Reiz, ob sie nun in den Jugendvereinen sich vollzieht oder — in den zahlreichen Universitätsstädten — in den Reihen akademischer Kreise, die wissenschaftliche Führung und Unterweisung ganz besonders in diesen Zeiten des Umschwungs freudig begrüßen. Damit bleibt der Rabbiner den alten Ueberlieserungen treu, die ihn, wenn auch in neuen Formen, auf seine Wirksamkeit im Dienste des Lehramts verweisen. Eine vielseitige und aufopfernde Tätigkeit harrt seiner, sie stellt ihn immer vor die Pflicht und die Entscheidung, dem Geist des Judentums die Schwingen zu regen. Aber die Eigenart feines Amtes erspart ihm jedes Streben nach Herrschaft, nach Hierarchie. Sein Streben ist nicht mit Macht umkleidet, aber er bedarf der Führerrolle, die nach seiner Persönlichkeit ihm zusteht, seinem Amte gemäß ihm gebührt. Die Gemeinde, die ihren Rabbiner ehrt, ehrt sich im Grunde genommen selbst. Es ist daher ein beklagenswertes Mißverständnis, wenn entgegen dem natürlichen Empfinden der Gemeinden die Gemeindekörperschasten ihn von der Teilnahme an ihren Beratungen ausschließen. Wer ist denn der gegebene Repräsentant des Judentums, wenn nicht der Rabbiner? Gesteht man ihm im besten Falle ''eine repräsentative Stellung zu, ohne ihm dafür die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen? Während der demokratische' Zug alle Gebilde des öffentlichen Lebens ergreift, macht er an der Pforte unserer Gemeinden halt, während der erwachende soziale Sinn Recht und Einkommen der Beamten den Forderungen der Zeit anzunähern versucht, denken unsere Gemeinden gar nicht daran, die Schäden und Nöte des Krieges aus eigenem Antriebe zu heilen, obwohl sie bei geschickter Finanzpolitik dazu ausgezeichnet befähigt sind. Die Vornehmheit und Zurückhaltung der Beamten hat sich bitter gerächt. Man hat es verschmäht, die geistige Arbeit des Rabbiners würdig einzuschätzen, man hat es verlernt, daß die Bewertung des Judentums abhängig ist von der-Wertung des Geisteslebens in seiner eigenen Mitte. An der Erhaltung seiner Höhenlage haben wir ein elementares Interesse, ein

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