Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 27 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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vorgerufen werden soll. Aber die Karlsruher Studentenschaft sei diesmal auf die reaktionären Manöver nicht hereingefallen. (Lebhafter Beifall links und im Zentrum.), * Die Wahlen zur Wiener Knltnsgemeinde. - Bei den am 27. Juni stattgefundenen Wahlen in die Wiener Kultusgemeinde wurden gewählt: 20 Nichtjüdischnationale (bisher 34), 13 Zionisten (bisher 2) und 3 Orthodoxe (bisher 0). Bei dem noch immer in Wien herrschenden rückschrittlichen Wahlrecht waren von zirka 300 000 Juden nur ungefähr 19 000 stimmberechtigt, wovon 10 553 ihr Wahlrecht ausübten, eine im Verhältnis zu der sonst üblichen Beteiligung an den Kultuswahlen recht große Zahl. Stimmen erhielten die Nichtjüdischnationalen 5912, die Zionisten 3714 und die Orthodoxen 878. Gegen 300 Stimmen waren ungültig. * Dev Meitze Terror in Am 20. vorigen Monats ist vom Vorstand des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Amsterdam der Verkehrsbohkott gegen Ungarn verhängt worden als Repressalie gegen die terroristischen Zustände, unter denen die ungarische Arbeiterschaft und auch die ungarische Judenheit zu leiden hat. "Einem Bericht aus Budapest zufolge hatte sich die ungarische Regierung einige Tage vor Eintritt des Boykotts an die englische Regierung gewandt mit der Bitte, vermittelnd einzugreifen. Aus dieses Gesuch hat die e n g l i s ch e R e g i e - rung nunmehr die Antwort erteilt, die ungefähr folgenden Wortlaut hat: Die königlich englische Regierung teilt der ungarischen Re^- gierung mit, daß sie der ungarischen Regierung den Rat gibt, die Abmachung mit Sir Clerk vom Oktober vorigen Jahres durchzuführen, die dahin lautet, eine aus allen Schichten der Gesellschaft, d. h. aus Bürgern, Bauern und Arbeitern, zusammengesetzte Regierung zu bilden. Der englischen Regierung ist bekannt, daß diese Anschauung vom Grafen Apponhi geteilt wird. Die englische Regierung wird, falls diese Bedingung nicht erfüllt wird, nicht in der Lage fein, aus eine Beeinflussung der Boykottbewegung hinzuwirken. Unterdessen fanden in Budapest lebhafte Krmdgebungen gegen den Boykott statt,- bei denen es auch zu Unruhen und Ausschreitungen kam, als Mitglieder des Vereins der erwachenden Ungarn die Menge gegen die Juden aufzuhetzen versuchten. Einige Geschäfte wurden angegriffen. Erst Militärpatrouillen gelang es, die Ordnung wieder herzustellen. Trotz der Erklärungen der Regierung, daß der Boykott mit schärfsten Gegenmaßnahmen beantwortet wird, macht sich in den Kreisen dev Bevölkerung eine lebhafte Unruhe und Erbitterung bemerkbar. * Für die ganz Dummen. In dem führenden Zentrumsblatt, der „Kölnischen Volkszeitung", stand folgendes Telegramm: Wien, 23. Juni 1920. (Eig. Drahtb. der K. V.) Aus Budapest * wird gemeldet: Die durch Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeiterschaft verlangt die Internierung der Juden als Gegenmaßnahme gegen den Boykott. Der Boykott Ungarns ist bekanntlich auf Wunsch der ungarischen Arbeiter erfolgt., um endlich vom weißen Terror erlöst zu werden. Und da sollen ungarische „Arbeiter" zum Protest gegen diesen Boykott die Internierung der — ebenso wie die Arbeiter mißhandelten! — Juden empfohlen haben? * Polen. Der amtliche „Monitor" veröffentlicht eine Verordnung des Ministerrats über Gründung eines Emigrationsamtes, welches dem Ministerium für öffentliche und soziale Flüchtlingsfürsorge angeschlossen ist. Das Emigrationsamt hat u. a. auch die Aufgabe, allen Institutionen im In- und Auslände, welche sich mit der Emigrantenfürsorge befassen, Schutz und Stütze in moralischer und. materieller Hinsicht zu gewähren. Die Leitung des Amtes soll der Emigrationskommissar! in Danzig übernehmen. Besondere staatliche Aemter zur Beschaffung von Arbeit und Hilfe für Emigranten sollen geschaffen werden. In allen Ländern, welche für die Emigration wichtig'sind, wird das Emigrationsamt besondere Beamte haben, welche die Ernigrätionsangelegenheiten bei den polnischen diplomatischen Vertretungen und Konsulaten zu erledigen haben. Das Ministerium, für das frühere posensche Gebiet hat irr Angelegenheiten der für Juden eingeführtien Prozentnorm auf der Universität Posen folgendes Schreiben an den Ministerrat gerichtet: „In Erwiderung auf das Schreiben des Präsidiums des Ministerrates erklärt das Ministerium des ehemaligen preußischen Teiles, daß der Beschluß des Obersten Kommissariats des Bolksrats vom 5. Mai 1919 in Angelegenheit der Beschränkung der Aufnahme von Juden in die Reihe der Hörer der Piast-Universität nur einen temporären Charakter hatte und nicht publiziert war. Wie aus angefügtem Protokoll der Konferenz mit den jüdischen Vertretern des Volksrats in Posen hervorgeht, hat das Ministerium erklärt, daß es dieses Recht nicht ausüben wird, welche Erklärung die jüdischen Vertreter als ausreichend betrachteten. Das Ministerium verständigte davon die entsprechenden, Universitätsbehörden, so daß jetzt keine Ausnahmen zugunsten der Juden gemacht werden. In Anbetracht dieses Standes der Dinge ist das Ministerium dev Ansicht, daß ein Widerruf des Beschlusses seitens des Kommissariats des Obersten Volksrats überflüssig wäre." * Aus Florenz wird uns gemeldet: Dem Professor am Collegio Räbbinico Itäliano und am R. Jstituto die Studi Superiori in Florenz Dr. Umberto C a s s u t o, ist für sein hervorragendes Werk über die Geschichte der Juden in Florenz während des Mittelalters von der R. Academia bei Lincei der Preis für Geschichte und Geographie erteilt worden. Dieses ist die «ehrenvollste Auszeichnung für wissenschaftliche Leistungen in Italien. Professor Cassuto hat sich durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der italienischen Juden und durch seine Bibelforschungen einen Namen erworben. Wir werden auf das Werk noch zurückkommen. * Herbert Samuels Palästina-Programm. Herbert Samuel, der anläßlich, seiner Ernennung zum Oberkommissar von Palästina vom König von England in den Ritterstand erhoben wurde, gibt in der Presse sein Programm für Palästina bekannt: Vollkommene religiöse Freiheit wird in Palästina aufrecht erhalten werden. Die den großen Religionen heiligen Oertlichkeiten werden unter der Aufsicht der Anhänger dieser Religionen bleiben. Eine Zivilverwaltung für das Land wird sofort eingerichtet werden. Die höheren Aemter werden durch britische Beamte von Tüchtigkeit und Erfahrung besetzt werden. Die anderen Aemter werden der Bevölkerung des Landes ohne Unterschied des Glaubens osfenstehen.-— Gemäß der Entscheidung der alliierten und assoziierten Mächte werden Maßnahmen ergriffen werden, nur das jüdische nationale Heim in Palästina zu rekonstruieren. Das Sehnen des jüdischen Volkes durch 2000 Jahre, dessen spätester Ausdruck die moderne zionistische Bewegung ist, wird endlich verwirklicht werden. Die hierfür zu ergreifenden Maßnahmen werden sich mit einer gewissenhaften Achtung vor den Rechten der gegenwärtigen nichtjüdifchen Einwohner vertragen. Das Land hat Raum für eine größere Bevölkerung, als es jetzt enthält; und Palästina, zweckmäßig versehen mit Landstraßen, Eisenbahnen, Häfen und elektrischer Kraft, mit intensiver bebautem Boden, Heranziehung des Oedlandes, Aufforstung und Malariabekämpfung, endlich durch Förderung städtischer und ländlicher Industrie, kann einen großen Bevölkerungszuwachs nicht nur ohne Schaden ertragen, foüoern dieser Zuwachs wird den gegenwärtigen Bewohnern zu reichern Vorteil werden. Die Einwanderung, soweit sie den wünschenswerten Charakter trägt, wird daher in demjenigen.