Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 27 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 für das Judentum und seine Wissenschaft nie schwinden werde. Er hat sein Versprechen gehalten. Ehre seinem Andenken. * Der Verband der Deutschen Juden sendet uns mit der Bitte um Abdruck nachstehendes an ihn gerichtetes Schreiben des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung: Der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung G. I Nr. 409 II 1 Berlin W 8, 21. Juni 1920. Durch Beschluß der Preußischen Landesversammlung vom 12. Dezember >1919 ist die Bittschrift des Verbandes der Deutschen Juden in Berlin um Einstellung von Mitteln für die Aufgaben der jüdischen Religionsgesellschaft in den Voranschlag des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung der Staatsregierung zur Berücksichtigung überwiesen worden. Demzufolge hat die Staatsregierung sich einer erneuten Prüfung der Frage unterzogen. Sie ist, wenn auch die für das Eintreten des Staates für leistungsunfähige Kirchengenreinden mit maßgebend gewesenen, aus der Säkularisation des Kirchengutes herrührenden Gründe hier nicht in Betracht kommen, grundsätzlich bereit, die Einstellung von Mitteln für die Shnagogengemeinden in den Haushalt für 1921 zu erwägen. Nur muß zuvor über die in meinem Schreiben vom 9. Oktober 1919 — G. I 982 II — als Voraussetzung staatlicher Leistungen bezeichnete Errichtung einer die Gesamtheit der Shnagogengemeinden umfassenden Organisation Klarbeit geschaffen sein. Eine solche Organisation soll analog der Regelung bei der evangelischen und der katholischen Kirche neben der aushilfsweisen Betätigung des Staates in erster Linie die Kräfte der leistungsfähigen Glieder in den Dienst der Unterstützung für die hilfsbedürftigen Neligionsgemeinden stellen. Würde eine solche Organisation nicht geschaffen, so wären aus der Bereitstellung lediglich staatlicher Mittet für leistunasunfähige Shnagogengemeinden und der darin liegenden erheblichen Bevorzugung vor den christlichen Kirchen berechtigte Berufungen auf evangelischer und katholischer Seite zu befürchten. Dem Vernehmen nach sind Verhandlungen über Schaffung einer solchen Organisation bereits im Gange. Ich kann diesen Bestrebungen nur den besten Erfolg wünschen und würde dankbar sein, wenn ich über den Fortgang — vielleicht durch Benehmen des mir als Sachverständigen bei geordneten Herrn Justizrat Lilienthal — mit meinem Referenten auf dem laufenden erhalten würde. Die Einstellung von Mitteln in den Staatshaushalt für 1920 verbot sich schon deshalb, weil zur Zeit des Eingangs des Beschlusses der Landesversammlung die Vorarbeiten für diesen Staatshaushalt bereits abgeschlossen waren. (gez.) Harnisch. * Antisemitismus an der Universität Königsberg. Es gab einmal eine Zeit, da waren die deutschen Studenten die Vorkämpfer der politischen Freiheit, der Gleichberechtigung, der Volksbefreiung; da waren die Farben der Burschenischasten das Wahrzeichen des jungen, freien Deutschlands. Lang, lang ist's her . . . Jetzt setzt sich die deutsche Studentenschaft lieber für Unfreiheit, Unduldsamkeit, Sonderrechte und Volksverdummung ein. Auch Königsberg, die Stadt der reinen Vernunft, und die Albertina, Kants alma mater, bleiben nicht verschont von dem rückschrittlichen Geist, der sich von jeher zuerst gegen die Juden richtet. — Zunächst begnügten sich diese Zierden der Wissenschaft damit, die Versammlung Andersdenkender zu sprengen, die Hetzzettelchen des Deutschvölkischen Lug- und Trugbundes (wenn's niemand sieht natürlich) überall aufzukleben und in ähnlich edler Weise ihre Gesinnung zu bekunden. Aber der Ruhm anderer, noch judenfeindlicherer Hochschulen ließ die Herren deutschnationalen Studenten nicht ruhen. So mußte Unfriede und Verhetzung in die Universität selbst getragen werden. Mit den ausländischen Juden begann man, die Juden schlechthin meinte man. Die Fülle in -einigen medizinischen Vorlesungen wurde zum Vorwand genommen, die Studierenden fremder Staatszugehörigkeit, deren Immatrikulation doch das Ministerium gestattet hatte, hinauszuwersen. Die Klinikerschaft „beschloß", die Ausländer — lies: Juden -- vom Studium auszuschließen; als der Beschluß nicht anerkannt wurde, drohte man mit Streik, mit Gewalt! Damit ging die zielbewußte Ausschließung jüdischer Studierender ^deutscher Staatszugehörigkeit aus der Klinrkerschqft Hand in Hand. Bei diesen Vorgängen zeichneten sich übrigens einige Damen (!) durch besonders radikale Haltung aus. Die Vorkliniker eiferten dem edlen Beispiel der älteren Semester nach. Als alles nichts half, versuchte man es mit Petitionen. Hatte man vorher die geschmackvolle Begründung gehabt: „Damit nicht schließlich alle Mediziner einen Kaftan tragen", dürfe man keinen Ausländer mehr aufnchmon, so mußten jetzt die hohen Schlagworte von „.Gefährdung der Ostmark", „Schutz vor Polonisierung" «usw. herhalten. Aber damit nicht genug. Der 'Studentenausschuß, das Sprachrohr der deutschnationalen Kreise, berief eine allgemeine Studentenversammlung auf -den 6. Juni geschickt so ein, daß dort zwar die nationalistischen Farbenstudenten geschlossen, die weit zahlreicheren freien Studenten fast gar nicht vertreten waren. Da erstattete dann der Vorsitzende des Asta Bericht über -den Dresdener Studententag. Die Meinung der Dresdener Tagung, zur Studentenschaft hätten Reichsangehörige und „Ausländer deutscher Abstammung und Muttersprache" zu gehören, war diesem Graemium nicht deutschvölkisch genug. Ein stud. Phil. Knappke brachte einen Antrag ein: „Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sind nur im Prozentsatz ihrer Bevölkerugsziffer zum Studium z u z u lassen". Dazu die famose Begründung, an der Universität Jena sei der gleiche ,-Beschluß" angenommen worden! Der Antragsteller begründete seinen würdigen Antrag nicht; der Versammlungsleitende, Vorsitzende des Asta, wies ihn nicht etwa zurück, sondern in schönster Objektivität gab er seinen Zuhörern einige „statistische Angaben" zur Judenfrage, die er aus dein „Deutschen Wochenblatt" zu schöpfen schien. Bedauerlicher war schon, daß -der anwesende Rektor der Universität es nickt für nötig hielt, die Studenten -auf das Gesetz- und Verfassungswidrige ihres, offenbar schon lange verabredeten, Antrages hinzuweisen. Wer was schert deutschvölkische Radaubrüder Bürgerrecht und Reichsversassung?! So wurde der Antrag gegen die Stimmen der wenigen Juden und Revublikaner begeistert angenommen. Ein wahrhaft erbebender Anblick, wie die akademische Jugend hier geschlossen wie ein Mann für dieses hohe Kulturidoal eintrat. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß der Rektor, als ibm dieser „Beschluß" vorgeloqt wurde, die Angelegenheit -mit Zustimmung des Senats als verfassungswidrig at aeta legte. So blieb die Sackte eine Anrempluna. die sich würdig an älrnliche deutschvölkische Demonstrationen schließt. Sunt pueri .... Ein kommendes Geschlecht wird dies zu den übrigen derartigen Kultnrdokumenten legen und -danach das Deutschland unserer Tage und diejenigen, die es da führen wollten, bewerten! Aber die Gründe von alledem? In erster Linie Neid; dann Angst um die Vormachtstellung des Akademikers: Haß gegen das „neue System" und die Regierung; nnßverstandene Schlagwörter. — Und doch ein erfreuliches Ergebnis: Die an der Albertina studierenden Juden aller Richtungen, haben sich zur Abwehr zusammengeschlossen und werden allen Angriffen zu begegnen wissen. * Aus Karlsruhe wird geschrieben: Bei der Beratung des Unterrichtsbudgets in der Landtagssitzung vom 23. Juni kam der deutschnationale Abgeordnete Karl auf die Berufung des Direktors der Auergesellschaft Dr. Mayer an die hiesige Technische Hochschule zurück. Die Angelegenheit hatte damals, wie man sich erinnert, zu einer lebhaften antisemitischen Agitation unter der Studentenschaft und zu einem Konflikt zwischen Studentenschaft und Senat an der Hochschule Anlaß gegeben. Direktor Dr. Mayer hatte schließlich den Ruf abgelehnt. — Karl benutzte heute die Gelegenheit zu einer mit scharfen antisemitischen Ausfällen durchsetzten Rede. Unterrrchtsminister Hummel wies die Angriffe scharf zurück und erklärte weiter, die deutschnationale Fraktion habe eine förmliche Anfrage eingebracht, ob der Regierung bekannt sei, daß in den Kreisen der Studentenschaft sich neuerdings wieder eine starke Erregung geltend mache, die ihre Ursache in den Vorgängen habe, die bei der Besetzung eines Lehrstuhles in der chemischen Abteilung der Hochschule sich abspielten. Die Studentenschaft habe aber in einem Schreiben an das Unterrichtsministerium betont, daß sie mit -dieser Anfrage in keinem Zusammenhang stehe. Er, der Minister, halte diese Anfrage für durchaus unerwünscht. Die Regierung habe festgestellt, daß unter der Studentenschaft überhaupt keine Erregung herrsche und die Anfrage -lasse den Schluß zu, daß eine solche Erregung künstlich her-