Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 27 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 Unsere vornehmste Sorge ist der Wiederaufbau des zusammengebrochenen Vaterlandes. Diesen auf dem Boden der republikanischen - Staatsform tatkräftig weiterzuführen, ist der einheitliche und feste Wille der Negierung. (Bravo!) Alle Parteien fordern wir auf, in einer Zeit, in der es um Leben und Sterben des deutschen Volkes geht, in der auswärtige, wirtschaftliche und Finanzfragen unsere gesamten Kräfte in Anspruch nehmen müssen, verfassungsrechtliche Kämpfe zurücktreten zu lassen. Wir lehnen jeden Versuch der Aufrichtung einer Klassenherrschaft (Zuruf bei den Unabhängigen: Die besteht ja!) ab. (Lebhaftes Bravo.). Unser Ziel ist eine Politik der Versöhnung und des Ausgleichs. (Zuruf bei den U. Soz.: Der Ausbeutung!) Deshalb bekämpfen wir jeden Klassen- und Rassenhaß, jede soziale und religiöse Vergewaltigung. (Andanernde Unruhe und Zurufe bei den U. Soz.) Der entscheidende Gesichtspunkt bei der Besetzung der nicht rein politischen Aemter wird bei uns die persönliche Tüchtigkeit, nicht die Parteizugehörigkeit sein. (Lebhaftes Bravo.) Von den Parteien erwarten wir, daß sie gewillt sind, die Tätigkeit der Regierung in gemeinnütziger Arbeit zu unterstützen. Das, was vor allem not tut, ist Ruhe und Arbeit in unserem Staatswesen (Sehr richtig!), die nur von der Achtung vor der Autorität der Regierung getragen werden kann. Ohne diese kann kein Staat bestehen. Die Regierung appelliert deshalb an das gesamte deutsche Volk, welche Parteirichtung der einzelne auch einschlagen mag: führen wir den schrecklichen Krieg nicht fort im Innern, nachdem wir an den Grenzen des Reiches Frieden haben! (Lebhafte Zurufe links.) Wer könnte angesichts der furchtbaren Nöte des Volkes einen Bürgerkrieg verantworten! (Andauernde Zurufe links.) Die Macht der politischen Meinungen, Waffen des Geistes, andere Waffen wird die Regierung nicht kennen. Dem Appell an die Gewalt wird und muß sie nach allen Seiten tatkräftig entgegentreten. Das lebhafte und nachdrückliche Bravo, das dem neuen Reichskanzler nach Schluß feiner Rede auf 'seinen Platz folgte, darf vielleicht als Zeichen dafür -geilten, daß die innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland sich! zu festigen beginnen, und daß auch die Klassen- und Raffend erh etzung ihren Höhepunkt nunmehr überschritten hat. * Prinz zn Schönaich-Carolath. Die Gemeinde derer, die still und eifrig ihren Dienst am deutschen Volke versehen, bat einen schweren Verlust erlitten, Heinrich, Prinz zu Schöna'ich-Curol-ath ist, hochbetagt, aus dem Leben geschieden. Wieder hat der Tod in die Reiben des politischen und des Humanitären Deutschlands eine sch-merzl'che Lücke gerissen, denn Wo immer es galt, deutsche Kultur und Freiheit zu verteidigen, Gerechtigkeit und politische wie religiöse Duldsamkeit durch Taten zu beweisen, da stand der Verstorbene immer in der ersten Kampfrerbe. Der „rote Prinz", wie er genannt wurde — lesen wir in den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus —. begann seine öffentliche Tätigkeit als Frei konservativer im Reichstag zur Zeit des „Schandgesetzes", das einen nickt unerheblichen Teil der Schuld an der Klasienzerklüstuna in unserem Volke trägt,des Sozialisten-' m'setzes, durch das weite Kreise -deutscher Männer in Gegensatz und Haß gegen den Staatsgedanken gebracht wurden, in derselben Zeit, iu der durch die unselige Gewaltpolitik gegen die Polen auch der Boden für das bereitet wurde, was heute die Lebensmöglichkeit des Reiches so schwer bedroht. Ungeheuer war die Aufregung, als ein Prinz, ein freikonservativer Abgeordneter, erbliches M. d. P. H. H., bei der dritten Lesung des Entwurfs, der das Sozialistengesetz für alle Zukunft stabilisieren sollte, wie einen rocher de bronce, gegen Regierung und Kartellmehrheit austrat und den Herren zeigte, wohin Ne uns mit ihrer brutalen Machtpolitik führen wollten: „Wir sind iu Deutschland im Begriff, die Ideale zu verlieren, wir leben in einer Zeit des Materialismus und des Strebertums!" Es war klar, daß für diesen Mann, der auch an der gegen die Polen verübten Gewaltpolitik offen vernichtende Kritik übte, kein Platz in der Freikoniervativen Partei mehr war. Er kehrte als Wildliberaler iu den Reichstag, zurück, trat später den Nationalliberalen bei, unter deren Führern er bald eine hochangesehene Stellung' einnahm und deren Haltung er im Sinne volksfreundlicher, die sozialen Gegensätze gerecht allsgleichender Politik zu beeinflussen sich stets bemühte, und schloß sich mit Schiffer, Friedberg, Freiherrn von Nichthofen und anderen der Deutschen demokratischen Partei an, für die zu kandidieren ihn allerdings Alter und schwankender Gesundheitszustand hinderte. Noch größer als im Parlament fast war seine übrige Tätigkeit, die ganz in dem Dienst der Hebung des sittlichen und kulturellen Niveaus der Menschen und Völker stand. Was er als hervorragender Vertreter der im Sinne der VöMrversöhnung wirkenden „Interparlamentarischen Konferenz" und als Mitglied, später nach des unvergeßlichen Rickerts Tode als Vorsitzender der „Gesellschaft für Volksbildung" für die Kultur feines Vaterlandes und der gesamten Menschheit geleistet hat, verbürgt das Fortleben seines Namens in der dankbaren Erinnerung späterer Geschlechter. Daß ein solcher Mensch mit W-' scheu auf die Schmach des Jahrhunderts, aus die kulturwidrige antisemitische Hetze herabsehen mußte, versteht sich von selbst. Es sei nur an seine Aeußerungen erinnert, die Hermann Bahr in seinem Buche: „Der Antisemitismus" (Berlin 1894) berichtet, und aus denen hier nv.x eine wieder gegeben sein soll, die deutlich erkennen läßt, wie unverständlich die Hetze der Ahlwardt-Jünger dem vornehm denkenden, seingebildeten Manne waren: „Ich bedaure es tief, daß der Antisemitismus Fragen erweckt und wieder zur Erörterung bringt, die doch für jeden Gebildeten längst erledigt schienen. Söhne des gleichen Vaterlandes sollen sich nicht befehden, und in ihren Rechten wie in ihren Pflichten soll und darf kein Unterschied sein." Das ist die Sprache eines deutschen Adligen, dem es wirklich ernst war mit dem Satze: „Adel verpflichtet", der vornehm dachte und handelte, der nicht im Kastengeist erstickte, sondern offenen Auges in neuer Zeit lebte. Nun ist er fast an der Schwelle des biblischen Alters dahingegangeir, und besorgt spähen die Freunde seines Werkes aus, wer wohl imstande sein wird, seine abgebrochene Arbeit fortzusetzen. Hält doch der Tod reiche Ernte unter den hervorragenden Vertretern deutscher Geistigkeit. Einen Tag nach Schönaichs Tode folgte ihm sein alter Parteifreund Friedbera. nachdem eine Woche vorher in München der „heimliche König deutschen Geistes", 'Professor Max Weber, die Augen für immer geschlossen hatte. * Einen nicht minder schmerzlichen Verlust hat die deutsche Geisteswelt durch das Hinscheiden des Professors Dr. Karl Heinrich Cornill erlitten. Seit 1910 lehrte er als Ordinarius für alttestamentliche Theologie und Mitdirektor des theologischen Seminars in Halle, nachdem er vorher in Königsberg und Breslau gewirkt hatte. Unter seinen wissenschaftlichen Arbeiten, in denen er die strenge Methode philologischer Kritik auf die biblischen Schriften anzuwenden bestrebt war, sind vor allem seine Studien über den Propheten ^rpchiel zu erwähnen, deren Ergebnisse er in verschiedenen Schritten, vor allem in dem gelehrten Merk „Das Buch des Propheten Ezechiel" (1880) zusammengefasit hat. Weite Verbreitung fand seine „Einleitung in das Alte Testament", die bei ihrem ersten Erscheinen (1895) eine fühlbare Lücke ausfüllte und rasch mehrere Auflagen erlebte. Für die von Professor Paul Hauvt (Baltimore) unternommene große englische Bibelausgabe bearbeitete Eornill „Das Buch Ieremia", wobei er auf die Ermittlung des chronologischen Verhältnisses der einzelnen Teile zueinander große Sorgfalt verwandte. Schon vorher hatte er eine gründliche Untersuchung über diesen Propheten und seine Zeit veröffentlicht. Von seinen sonstigen Arbeiten feien noch genannt „Der israelitische Prophetismus", „Die Psalmen in der Weltliteratur", „Das Alte Testament und die Humanität", „Geschichte des Volkes Israel" (1899). Sein Werk über den „Israelitischen Prophetismus" wurde auch ins Englische übersetzt. Eornill war nicht nur ein tiefschürfender Gelehrter, er war auch ein geistvoller, glänzender Redner. Wir erinnern nur an seine gehaltvollen Vorträge in den Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur, deren Einladungen er, bevor ihm die ihm Vorgesetzte Behörde diese seine Tätigkeit untersagte, mit größter Bereitwilligkeit folgte. In einem an Dr. Gustav K a r p e l e s, den damaligen Vorsitzenden des Verbandes der Literaturvereine, gerichteten Brief gab er seinem lebhaften Bedauern über diese behördliche Verfügung mit bewegten Worten Ausdruck, versichernd, daß sein Interesse