Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-09 · Heft 27 (9.7.1920) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 27 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229469--75859-3288391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zähligen liberaleren Denkern das Bekenntnis abgerungen, daß die materialistische Geschichtsbetrachtung nicht hinreicht, um die religiöse Entwicklung Israels restlos zu erfassen. Zu gleichem Resultate würde auch Delitzsch gelangen, wollte er diesen erschütternden wie ergreifenden Wundererscheinungen gegenüber nicht mit Gewalt seine Augen verschließen. Aber Delitzsch' Ausruf: „Das Judentum hat das Heil der Welt nicht hervorgebracht, sondern getötet", ist nicht das Ergebnis seiner Untersuchung, sondern die Prämisse, mit der er an diese Auseinandersetzung herangegangen ist. Dies mögen auch noch folgende Momente illustrieren. Delitzsch fordert die völlige Ausschaltung des Alten Testaments, das „von Anfang bis zu Ende das Spiegelbild eines engherzigsten und zugleich unwürdigsten Gottesbegriffes ist", aus der christlichen Theologie wie aus Kirche, Schule und Haus. Den Psalmen, denen dieser Makel des Alten Testa- »nents ebenfalls anhastet, wird überdies noch der Vorwurf gemacht, daß „sie selbst dem Volksgenossen gegenüber die Nächstenliebe vollkommen vermissen lassen, sobald sich der Dichter von seinem Nächsten irgendwie angefeindet glaubt" (S. 94, 99). So spricht Delitzsch in einem Buche, das „seit Ostern 1 9 14 in allen wesentlichen Punkten druckfertig abgeschlossen war". (S. 194). Am 15. Dezember 1914 dagegen sagt Delitzsch (Deutsche Reden in schwerer Zeit: Psalmworte für die Gegenwart, S. 5): „Die Psalmen sind jüdische Lieder, aber sie sind seit nun bald zwei Jahrtausenden auch für die christliche Kirche das geistliche Liederbuch im eminentesten Sinne geworden. Mit Recht, insofern die Christenheit als das „geistliche Israel" sich auch ihrerseits zu dem Gotte bekennt, wie ihn die führenden Geister Israels in immer reinerer Weise geschaut, als den einigen Gott aller Völker des Erdkreises, den Schöpfer und Erhalter des Weltalls, den höchsten Gesetzgeber und gerechten Richter der Menschheit." Während er ferner bereits Ostern 1914 fordert, daß „die Erforschung des althebräischen Schrifttums, das uns Gottes Wesen und Walten so wenig offenbart, ... bester der orientalischen Philologie und allgemeinen Religionsgeschichte überlassen werde", erklärt er am 15. Dezember 1914 (a. a. O. S. 3): „ ... habe ich andererseits nie ausgehört zu betonen, daß weder die indische, noch die babylonische, noch die semitische Poesie überhaupt eine Liodersammlung besitzt, die an poetischer Schönheit vieler Einzeldichtungen, vor allem aber an ernstem Sichversenken in die Rätsel des Menschenlebens und an ergreifender Betätigung lautester Religiosität auch nur annähernd einen Vergleich mit dem Psalmbuch zulassen, diesem von stillsten Piano bis zu vollakkordigem Fortissimo anschwellenden Hohenlieds des Gottvertrauens. Ja, in der ganzen Weltliteratur steht dieses Liederbuch einzig da... Wo immer der Ernst dieses irdischen Lebens an uns herantritt, da richtet sich das religiöse Gefühl der Menschheit, Juden wie Christen, auf an den Sprüchen des Psalters." Und wie urteilt Delitzsch am 15. Dezember 1914 über den Rachegeist der Psalmen? Im Hinblick auf den 78. Psalm, in dem es heißt: „Da erwachte der Herr aus seinem Schlafe wie ein Held... und schlug seine Feinde zurück, ewige Schmach ihnen bereitend," ruft Delitzsch aus: „Gerechter Gott, tueeinGleichesunserenFeinden! — sozittert es aus unserem Herzen." Und mit Bezug auf die Psalmworte (139, 21) „Muß ich deine Hasser, o Gott, nicht hassen und vor denen, die wider dich aufftehen, mich grauen? Mit äußerstem Hasse hasse ich sie" fragt Delitzsch „... sollte dieses Wort nicht Jesus selbst in diesem Falle — gemeint ist. Deutschlands Feinden gegenüber — zu dein seinen gemacht haben?" Also, im April 1914 lag bereits das Urteil druckfertig, daß ..alle alttestamentlichen Bücher von Genesis bis Daniel für den Christen schlechterdings keine Bedeutung haben". Einige Monate später dagegen war „des Psalmisten Glaube auch Delitzsch' Glaube". Oder mit anderen Wortön:Vor dem Kriege war der alttestamenrliche Gott für Delitzsch das) was er nach ' dem Kriege für ihn ist, nämlich ein „Schandgötze", und auch die Psalmen erschienen ihm damals wie heute des christlichen Hauses unwürdig, — aber die Kriegsschrecken haben sein Gehör für die herzerhebenden Töne des „Hohenliedes des GottvertrauenS" empfänglich gemacht, und dasselbe alte Judentum, das für Delitzsch vor und nach dem Kriege „das Heil der Welt getötet" hat, erscheint ihm während des Krieges als das Volk, zu dessen Gott die Christenheit, die das „geistliche Israel" darstellt, sich bekennt! Wenn aber „die führenden Geister in Israel den einigen Gott aller Völker des Erdkreises in immer reinerer Weise geschaut haben", dann müßte doch Delitzsch in der scheinbar primitiveren Gottesanschauung mancher biblischen Partien nur eine entschuldbare Unterstufe sehen, die das natürliche Bild der religiösen Entwicklung gerade vervollständigt. Wieso aber ist jetzt wie vor dem Kriege das ganze Alte Testament eine Urkunde des „engherzigsten und unwürdigsten Gottesbegriffes" geworden und wieso erscheint mit einem Male das Gute in den Psalmen nur als „viel zu spärlich" und als vereinzelter Lichtblick, der die christliche Frömmigkeit in keiner Weise befruchtet hat? Die bisher behandelten Momente, die sich um das zwanzig- und dreißigfache vermehren lasten, mögen für einen Zeitungsartikel genügen, um denr Leser einen Begriff zu geben von einer religionsgeschichtlichen Forschungsmethode, die sine ira et studio sein will. Delitzsch klagt darüber, daß die Behandlung des Alten Testaments als „heilige Schrift" nur zu sehr geeignet ist, „dem maßlosen Dünkel des Judentums von seiner „weltgeschichtlichen Miffion" Vorschub zu leisten" (S. 94). Es dürfte jedem Leser seines Buches nicht schwer fallen zu erkennen, daß Delitzsch sich von diesem Gedanken mehr hat leiten lassen als von der Logik und der Wahrheitsliebe. Diese Ueberzeugung drängt sich um so zwingender auf, als Delitzsch sich auf jeder Seite zum Radauantisemitismus offen bekennt. Wie darf aber ein Mann von Weltruf seine wissenschaftliche Autorität so mißbrauchen? UmGottesWillen! Wochenschau. Berlin, 5: Juli. ie Rede, mit der Reichskanzler Fehrenbach am 28: v. M. sein neues Kabinett dem Reichstag vorstellte, fand in der Mitte des Hauses eine durchaus günstige Aufnahme und erfuhr auch auf der äußersten Rechten wie auf der äußersten Linken keinen grundsätzlichen oder gar leidenschaftlichen Widerspruch. Herr Fehrenbach begann seine Rede mit Dank an seinen Amtsvorgänger und dessen Regierung. Ueberhaupt war es ein Charakteristikum seiner ganzen Ausführungen, daß er wiederholt die engen geistigen Zusammenhänge und die Uebereinstimmung de« von ihm zu befolgenden Politik mit der der bisherigen Regierung hervorhob. Mit Recht wollte er dadurch zum Ausdruck bringen, daß die große Linie der.Reichspolitik van allen Aenderungen innerhalb der Regierung unberührt bleibt. Besonders gilt dies für die auswärtige Politik, auf welchem Gebiet Herr Fehrenbach dm bevorstehenden Verhandlungen in Spaa ihrer ganzen Bedeutung nach gerecht wurde. Er betonte dabei für seine Person wie für seine Regierirng, daß sie sich der Pflicht zur Erfüllung des Versailler Friedens bis zur Grenze der deutschen Leistungsfähigkeit selbstverständlich immer bewußt sein würden, und daß die deutsche Politik keinen machtpolitischen oder revanchistischen Ideen Raum geben werde. Auf die innere Politik übergehend, führte der Reichskanzler aus:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.