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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-09 · Heft 27 (9.7.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 27 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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84. Zakrgsng. Nr. 27 fiS tf rm A A Berlin, 9. Juli 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3IH. - Postscheckkonto NH. - Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp ko n Verlag : Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 4H-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-49, ZU richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. H t lim Gottes Willen! Von Dr. S. I a m p e l (Schwedt a. £.). y UljaU* _ W o ch e n s ch a u. — Der Rabbiner. Von Dr. S. Behrens (Göttingen).. — Der Haushaltsetat der Berliner Jüdischen Gemeinde für 1W0/L1. Von Benas Lev h (Berlin). — David Ricardo. Zur Hundertjahtfeier seines FundinH-Shsterns. Von Maximilian Blum. — Die kritische iAn-alhse des überlieferten Hiob-Textes. Von Dr. S. Sonnenschein. — F e u i l l e ton: Der Sonnenstich. [2. / Forts.-). Bon L. I. Pevetz. Aus dem Hebräischen frei übertragen von Albert Kan. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin,'Breslau, Dessau' Detmold, Frankfurt a. M., London. — und Fern. Am Gottes Willen! Von Dr. S. I a m p e l - S ch w e b t (Oder), ie obigen drei Worte, mit einem Ausrufungszeichen versehen, fetzt Delitzsch als Motto an die Spitze seines neuesten Buches, das er „die große Täuschung" nennt und > das er sine ira et studio geschrieben haben will, In den folgenden Zeilen soll in aller Kürze, soweit ein Zeitungsartikel dies räumlich gestattet, untersucht werden, ob diese Schrift wirklich nur. entstanden ist, um „der Wahrheit über Gott und sein Walten zu dienen". Es . ist doch eine ganz eigenartige „Wahrheitsliebe", wenn man bei den erhabensten Fragen des menschlichen Lebens auf das Urteil der Berufensten verzichtet und mit dem Beifall der kritiklosen Masse sich zufrieden gibt. Ich kann im Rahmen der Zeitungsspalten nicht auf alle von Delitzsch behandelten Moments eingehen und will daher einige der hervorragendsten Punkte streifen. 1. Als die größte und verhängnisvollste Täuschung der Bibel bezeichnet Delitzsch die Identifizierung des biblischen IHW. mit dem universellen Weltengott. JHW., so meint Delitzsch, will gar nicht der einzige Gott sein, da er sich uin die Götter der anderen Völker gar nicht kümmert. Nur in Israel, dessen Nationalgott er ist, will er keinen andern neben sich dulden. (S. 70 f„ 97.) Ich frage nun, wie kann Delitzsch diese Behauptung anfrechthälten, angesichts der deuteronomistischen Warnung (K. 4, 39): „Erkenne es heute und führe es dir zu Herzen, >daß JHW. der Gott ist, im Himmel oben und auf der Erde unten ist niemand außer ihm"? Kaumein biblisches Buch zitiert Delitzsch so oft als das Deuteronomium, und zwar ganz besonders die Stellen, die für den prophetischen Gottesbegriff von Bedeutung sind. Sollte Delitzsch gerade diesen entscheidendsten Ausruf, den der Jude feit Jahrtausenden neben dem „Höre Israel usw." täglich so und so oft als sein Glaubensbekenntnis wiederholt, — sollte er ihn ganz allein übersehen haben? Diesen Satz, der das ganze Fundament seines Gebäudes vom Grund ans zerstört? Delitzsch weist (S. 74) darauf hin, daß Epitheta wie „Schöpfer Himmels und der Erde" auch in Babylon Sanias und Marduk gegenüber üblich waren: Heißt es aber auch dort, daß es „im Himmel und aus Erdyr keinen außer ihm gibt"? 2. Aus der erwähnten Behauptung, däß die Bibel einen monotheistischen Gottesbegriff nicht kennt, zieht Delitzsch die weitere, Konsequenz, daß die. --„pMtqeschichtliKe.' -'MWorl- Israels" eine „Wahnidee" sei, ebenso die „Auserwähltheit deS jüdischen Volkes" usw. Ich frage: Wie kann man, wenn man nur „der Wahrheit über Gott und sein Walten" dienen will, solche Gedanken niederschreiben, ohne dem Leser darüber Aufklärung zu geben, wieso Gott die größten Religionen der Welt, Christentum und Islam, doch nur aus der israelitischen Bibel heraus hat entstehen lassen? Wie kann Delitzsch darüber spötteln, daß Israel in der Bibel als das „Reich von Priestern" für alle Völker genannt wird, während doch die ganze Kulturmenschheit seit Jahrtausenden keinen andern Weg zu Gott kennt als den vom/ alten Judentum geebneten? Müßte nicht Delitzsch, wenn er wirklich die Wahrheit sucht, vielmehr ehrfurchtsvoll ins Knie ' sinken vor dem göttlichen Geist der Propheten, die diese weltgeschichtliche Mission Israels so viele Jahrhunderte vörausgeschaut haben? 3. Während Delitzsch so den elementarsten Fragen der alttestamentlichen Religionsgeschichte aus dem Wege geht, glaubt er das Christentum aus dem Judentum dadurch ausschalten zu können, daß er den nichtjüdischen Ursprung Jesu mit einigen Worten andentet. Nun, es ist ihm bereits von liberalen christlichen Gelehrten zugerufen worden, daß Christus als Jude geboren, als Jude gelebt und nur als Jude gedacht und empfunden hat, daß er keine andere religiöse Quelle als das Alte Testament kannte, vermittels dessen er aus Gott und die Welt geschaut hat, und daß es ganz gleichgültig ist, ob in seinen Adern nur jüdisches Blut allein geflossen' ist. Ich aber möchte noch folgende Frage stellen: Wessen Ursprungs war denn Christus, nach der Meinung der Rassenantisemiten? Nun, entweder samaritanischen oder amoräischkanaanitischen. Merkwürdige Logik! Die Juden, die bereits viele Propheten hatten, deren hochethische Lehren auch Delitzsch die Anerkennung abnötigen, — die Juden, die eine Generation vor Christus einen Hillel ausweisen, dessen religiöse und ethische Tendenzen Christus nachgesprochen hat (so zum Beispiel die Nächstenliebe als den Kardinalpunkt der ganzen Religion u. v. a.), diese Juden waren nicht fähig, einen Christus hervorzubringen, wohl aber die Samaritaner, die seit 2% Jahrtausenden stumpfsinnig dahinbrüten, ohne jemals auch nur die leiseste geistige Regung verspürt zu haben, oder die Urbewohner Palästinas, von deren Existenz die Geschichte nichts wüßte, wenn die Bibel keine Kunde von ihnen gebracht hätte! Uebrigens sind doch die Urbewohner Palästinas für Delitzsch ebenfalls Semiten und die Rassenzugehörigkeit der Samaritaner kennt er auch nicht. Und warum ist ferner das Evangelium, von dem Delitzsch mit Goethe sagt, daß der menschliche Geist über dasselbe niemals hinauskommen wird, nicht bei den großen arischen Völkern entstanden? Delitzsch .meint (S. 74), die sumerisch babylonischen- Göttergestalten könnten eher Anspruch erheben, zu einer höheren Stufe des .Gottesbegriffes entwickelt worden zu sein. Nun, warum sind denn jene, „höheren" Göttergestalten nicht zu einem höheren Gottesbegriff entwickelt worden? Diese Frage hat schon un-

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