Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Verwaltungsorgane ab. Bei der Uebernahme des Landes muß man kühl mit den vorhandenen Faktoren rechnen. Es ist eine arabische Bevölkerung vorhanden-, die -die jüdisch) um ö-n-s Sechsfache übertrifft, so daß man ohne Beistand einer übergeordneten Macht an dem Widerstande der Araber scheitern würde. Das jüdische Palästina soll auch nicht durch die zufällig dort anwesende Bevölkerung vertreten sein, sondern die Vertreter des 15 Millionen Zählenden jüdischen Volkes sollen an der politischen Gestaltung des Landes Mitwirken, so daß hierdurch eine Einigung des Gesamtjudentums angebahnt wird. „Der Boden ist keine Handelsware, sondern Eigentum des ganzen Volkes." Die Bauernstellen werden aus viele Jahre hinaus den Familien in Erbpacht gegeben, so daß diese Art der Bodenreform die Bewertung des Ackers als Handels- oder Tauschobjekt verhindert. Als Norm gilt, daß jeder nur so viel besitzen soll, als er aus eigener Kraft bewirtschaften kann. Die Landwirtschaft ist die einzige Quelle der Gesundheit des ganzen Landes. Eine Fülle von Stoffen bietet das Tote Meer der chemischen Industrie (Salz, Brom. Asphalt). Der Gartenbau wird eine landwirtschaftliche Industrie erzeugen, wobei die Oelproduktion, die Marmeladen- und Konservenfabrikation hauptsächlich in Frage kommen. Der Tabakbau wird die Zigarettenindustrie ermöglichen. Nach Petroleumquellen wird zurzeit gebohrt. Der soziale Geist der Gerechtigkeit muß auch in der Industrie oberstes! Gesetz sein. „Wir verstehen," so schloß der Redner, „unter einem jüdischen Palästina nicht ein Palästina der Juden, sondern ein Palästina im jüdischen Geiste." 2XD Herne, 18. Juni. Dieser Tage erschien beim Vorstand der hiesigen Jüdischen Gemeinde ein junger Herr, der sich Oppenheime r nannte und sich als Abgesandter der Vereinigung deutsch-amerikanischer Bürger jüdischen Glaubens in Brooklyn ausgab. Er überbrachte die willkommene Botschaft, die genannte Vereinigung habe nach Hamburg ein Schiff mit Lebensmitteln gesandt, die hauptsächlich für arme Leute und für Angehörige des israelitischen Glaubens bestimmt sein sollten. Die Stadt Herne solle unter anderem zwei Zentner Zucker zu sehr mäßigen Preisen erhalten. Vorher hatte Oppenheimer schon dem Lebensmittelamt Iserlohn, dem Bürgermeister in Hörde und dem Amtmann in Rauxel ähnliche verlockende Angebote gemacht. Die Herner Stadtbehörde war bereit, den billigen Zucker zu übernehmen. Oppenheimer fuhr nuw mit den Vertretern der beteiligten Städte nach Hamburg; noch während der Fahrt konnte, wie die „Herner Zeitung" meldet, bei der Herner Kriminalpolizei festaestell-t werden, daß die ganze Geschichte ein Schwindelnranöver war. Der angebliche Oppenheimer, der sich als ein gewisser Max Jlenbeck entpuppte, wurde bei der Ankunft des Zuges in Münster verhaftet und die aenasführtm Stadtdez-erneuten und beauftragten Kaufleute fuhren nach ihren Wohnorten zurück. Duisburg, 18. Juni. Der Monat Mai war für unsere Arbeitersürsorgestelle infolge der allgemeinen Krisis auf dem Arbeitsniarkt ein Monat großer Depression. Es ist daher auch der Prozentsatz der Vermittelten gegenüber anderen Monaten besonders klein, tuet! für einzelne Kategorien von Arbeitern, z. B. Schuhnnd Schäftemachern, Beschäftigung überhaupt nicht zu finden ist. Da vielfach Arbeiterentlassungen stattfanden und natürlich zuerst unsere ostjüdischen Arbeiter entlassen wurden, so waren wir gezwungen, die Unkecstützungssummen wesentlich zu erhöhen,, damit es den Arbeitslosen ermöglicht würde, die schlimmste Zeit durchzuhalten. Die Unterstützungssnmme hat für den Monat Mai den stattlichen Betrag von über 10 000 Mark erreicht, ohne die Gelder für Erkrankte, für die zu sorgen eine selbstverständliche Pflicht imfecex Arbeitersürsorgestelle ist. Es wurden 1826 Eßkarten ausaegeben. Diese Summen lassen sich auch bei sparsamster Auslese nicht wesentlich verringern, wenn nicht die Besserung des Arbeitsmarkt.es Gelegenheit gibt, die Vermittlung wieder schneller durchzuführen, so daß die Arbeitslosen nicht längere Zeit aus Arbeit warten müssen. Der größte Teil der nicht durch uns direkt Vermittelten wurde durch unsere Unterstützungen in den Stand gesetzt, sich selbst Arbeit zu verschaffen. er. Mannheim, 18. Juni. Die Synode der badischen Israeliten beriet in ihrer letzten Tagung die W a h l v r d n u n g. Reu wird eingeführt: das Stimmrecht der Frauen, das aktive Wahlrecht der Jugendlichen vom 21. Lebensjahre und das passive Wahlrecht vom 25. Lebensjahre a.n. Die Wahlordnung verlangt, daß mit möglichster Beschleunigung eine außerordentliche Synode gewählt wird, die insbesondere folgende Ausgaben hat: 1. der Landessynagoge eme neue Verfassung zu geben, 2. den Oberrat und eventuell weitere Organe zu bestellen. Die Synode wird sich in der Folge.zusammensetzen aus 21 weltlichen Abgeordneten und statt aus fünf aus drei Rabbinern und drei Lehrern a.ls Standesvertretung. Besonders eingehend wurde die Besoldungsordnung für die Religionslehrer und Kantoren behandelt. Die Ausschußvorschläge sehen eine beträchtliche Erhöhung der Gehälter der Religionslehrer und Kantoren vor, zu denen für das laufende Etatsjahr 25 Prozent Teuerungszuschlag kommen. Weiter kommen hinzu ein Kinderzuschlag von 400 Mark jährlich für jedes Kind und Wvhmrngsgeld oder Dienstwohnung. Die Gemeinde könne über die Besoldungsordnung hinausgehen. die Nebenbezüge werden durch die Besoldungsordnung nicht berührt. Was für die Gehaltsskala notwendig ist, soll auf dem Wege der ordentlichen Besteuerung eingebracht werden. Neben Wissen und fachlicher Eignung bei den Religionslehrern sei Wert auf eine entsprechende Allgemeinbildung zu legen. — Nach längerer Auseinandersetzung wurde die Besoldungsordnung gemäß dem im Ausschuß geänderten Entwurf angenommen. Die in dem gleichzeitig genehmigten lausenden Voranschlag bereits enthaltenen 571 000 Mark für Gehälter der Religionslehrer und Kantoren wurde ebenfalls genehmigt. Hierauf fand die Wahl des Oberrats statt. flnimka. Z, New Uork, im. Mai. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der am 30. Mai in Philadelphia wieder zusammentretende Jüdische Kongreß sich in Permanenz erklären wird. Dagegen ist es noch sehr strittig, in welcher Art und Weise das geschehen soll. Um das seinerzeitige Zustandekommen des Kongresses zu ermöglichen, waren die einzelnen Parteien nach Möglichkeit einander entgegengekommen und hatten alles, worüber Einstimmigkeit nur schwerzu erzielen gewesen wäre, eliminiert. So wurde auch eine Abmachung getroffen, daß der Kongreß nur eine zeitweilige Einrichtung sei zur Wahrung der Interessen der o sie in'opäi scheu Juden vor der Friedenskonferenz und im Kongreß selbst kein Antrag auf eine Permanenzerklärung eingebracht werden dürfe. Infolge der veränderten Verhältnisse ist jedoch die große Majorität der Juden Amerikas zur Ueberzeugung gelangt, daß der gesäurten Judenheit ein permanenter amerikanisch-jüdischer Kongreß not tut. Ueber die Art und Weise, wie dies geschehen solle, sind die Meinungen verschieden. Die einen wollen sich auf die Ausrede des „rebus hic stantibus" berufen, während die anderen — mehr Formalisten — nach einem weniger schroffen Auswege suchen. Auf einer kürzlich stattsefundenen Versanunluuo der New Porter Kongreßdelegierten kam es zu langen ausführlichen Diskussionen. Das administrative Komitee beantragte, daß der Kongreß nach Anbörung seiner' Delegierten zur Friedenskonferenz geschlossen werden soll, woraufhin alle Delegierten, die sich für die Permanenz erklären, weiter im Saale verbleiben, sich neu konstituieren und ein Komitee bilden, das vorläufig mit den Vorbereitungsarbeiten für den Kongreß sich befassen soll, dabei auch die vom jetzigen Kongreß nicht vollendeten Arbeiten weiter aussühre. Gegen diesen von R o t te n b e r g, B u b l i f und William Edlin eingebrachten Antrag erklärte sich die Majorität der Delegierten. Dies würde als Auflösung des Kongresses gedeutet werden können und 'eventuell zu n>eu>en Judenverfolgungen im Osten ermutigen. Erst nach Mitternacht wurde nach langen Diskussionen der Beschluß gefaßt, im Kongreß — ohne sich an die Abmachung zu halten — einen Antrag auf Permanenzerklärung einzu bringen, und Josef Barvndeß, der Präsident der New Norker Konferenz, beauftragt, mit einem ad hoc gebildeten Neuner ko nütee die entsprechende Resolution auszuarbeiten und im. Kongreß einzubringen. Inzwischen nehmen die großen Vorbereitungen in Philadelphia ihren Fortgang. Philadelphia rüstet sich zu einem warmen Empfang. Der Bürgermeister erklärte, daß während der Tagung über dem Stadthause die jüdische Flagge wehen werde. ' Fast alle jüdischen Häuser sind geschmückt und beflaggt. Die Bnhnverwaltungen berechnen für die Kongreßteilnehmerdie Bahnkarten zu.-einem um ein Drittel ermäßigten Preise. Die erste Sitzung wird Sonntags um Y>\ö Uhr eröffnet und der Kongreß vom Bürgermeister begrüßt werden. Der erste Tag wird wahrscheinlich ganz dem. Anhoven und Besprechen der Berichte des Sekretariats und der Delegierten zur Friedenskonferenz gewidmet sein. Am Vortage wird eine große Vorbesprechung der Delegierten stattfinden, jedoch dürste Julian Mack, der Präsident des Kongresses, wie verlautet, erst am Sonntag vormittag eintrefsen.