Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Die maßlose antisemitische Hetze in Bayern hat es durchgesetzt, daß eine generelle Ausweisungsverfügung gegen alle Ausländer erlassen wurde, die seit dem, 1. August 1914 ohne besondere Ausenthaltsbewilligung nach Bayern zugezogen waren. Durch diese das außenpolitische Interesse des Reiches stark schädigende Verfügung (Deutsch-Oesterreich hatte mit den schwersten Repressalien gedroht, eine Intervention der alliierten Vertreter ist dem Vernehmen nach in Vorbereitung) wurden, abgesehen von Tausenden von Schweizern, Deutsch-Qesterreichern, auch etwa 4000 Ostjuden betroffen, zu einem gewissen Teil auch Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer der alten österreichischen Armee. Das A. F. A. hat durch Entsendung eines Vertreters die Verhältnisse in München zu klären versucht. Es ist bei dieser Gelegenheit zur Gründung einer Unterfürsorgestelle des A. F. A. in München gekommen. Die Ausweisungen erfolgen zwar zunächst nicht besonders rigoros, jedoch ist es fraglich, zu welchem Ergebnis der Einspruch der Alliierten hier führen wird. Die Verhandlungen, die von Berlin aus mit beit bayerischen Stellen gepflogen wurden, waren bisher deshalb zwecklos, weil ja die Verordnung, obwohl sie als antisemitisch geplant ist, sich im Wortlaut allgemein gegen alle Ausländer richtet, c) Im rheinisch-westfälischen In d u st r i e b e z i r k sind bekanntlich, zum Teil noch aus der Kriegszeit her, einige tausend jüdischer Arbeiter in Großbetrieben tätig. Deren Lage schien durch die Hetzberichte der reaktionären Presse, die von einer Aufstellung' einer besonderen rusiisck'-iüdischen Armee während der Kapp- Unruhen in diesem Gebiet zu berichten wußte, derart gefährdet, daß das A. F. A. seinen Generalsekretär auf einige Tage dortbin und zur Informierung über die Ausweisungen in dem linksrbeinschen Gebiet nach Köln entsandte. Die Beteiligung jüdischer Arbeiter an der Roten Armee hat sich inzwischen als ganz minimal und, der Lage in den Kapp-Tagen entsprechend, als völlig normal herausgestellt. Die antisemitische Hetze hat zwar da und dort aus einzelnen Werken Entlassungen zur Folge gehabt, jedoch konnte durch entsprechende Verhandlungen erreicht und festgeste.lt werden, daß von einer Bedrohung der jüdischen Arbeiter nicht die Rede sein kann. Auf Grund der Beobachtungen auf dieser Reise wird augenblicklich versucht, im Zusammenarbeiten mit den örtlichen jüdischen Gemeinden und mit den Verwaltungsstellen eine gewisse Entlastung des Groß-Tuisburger Jndustriebezirks durch Erschließung anderer an Arbeitern Mangel leidender Bezirke im dortigen Industriegebiet herbeizuführen. - Die Kölner Ausweisungen erfolgten, weil in den Aufenthaltsverordnungen der alliierten Kommission zu Koblenz der Preußische Erlaß vom 1. November 1919, der den Alliierten unbekannt war, nicht berücksichtigt wurde. Eine große Zahl Verhandlungen ist bereits geführt, um zu erreichen, daß die arbeitsfähigen und die in Arbeit befindlichen Flüchtlinge auch weiterhin im linksrheinischen Gebiet verbleiben dürfen, d) Ausweisungen und Inhaftierungen, die willkürlich in größerer Zahl in Breslau und in anderen Gegenden Preußens erfolgt waren, konnten durch die Vermittlung des A. F. A. beim Innenministerium sofort rückgängig gemacht werden. Auch hierbei hat sich herausgestellt, daß in der Regel sich Günstiges erreichen läßt, wenn die örtlichen Stellen unverzüglich ganz präzise Angaben an das Arbeiterfürsorgeamt schleunigst richten und ihrerseits mit allen in Betracht kommenden Stellen ein gutes Einvernehmen anstreben. Unter diese Stellen sind insbesondere auch die verschiedenen Gewerkschaftskartelle zu rechnen, die bei entsprechender Aufklärung zum Schutze ihrer ausländischen Arbeitskollegen meistens bereit sind. — In der Zwischenzeit hat die Verschärfung der Lage zu weiteren Gründungen von örtlichen „Fürsorgestellen für ostjüdische Flüchtlinge" geführt. , Da die Bezeichnung Arbeiterfürsorge-„Amt" lediglich auf besonderen Wunsch der Behörden der Zentralstelle Berlin Vorbehalten wurde, empfiehlt es sich, die örtlichen Stellen in der vorhin bezeichneten Weise oder auch als „Arbeiterfürsorgestellen", angeschlossen dem Arbeiterfürsorgeamt Berlin, zu bezeichnen. — Der Bericht schließt mit folgender Bemerkung: „Nach den bisherigen Erfahrungen ist es unbedingt erforderlich, daß möglichst sämtliche örtlichen jüdischen Vereine zusammen mit den Synagogengemeinden usw. die Finanzierung der Bureaus solcher Fürsorgestellen in die Hand nehmen. Genau so, wie bei der Berliner Zentralstelle, könnten die örtlichen Organisationen der Lagen, des Hilfsvereins, des Centralvereins, der Zionistischen Vereinigung, der Wanderarmensürsorge, der ostjüdischen Verbände sich hierzu zusammenschließen." An neuen Gründungen sind zu verzeichnen: Die Flüchtlingsfürsorgestelle in Frankfurt a. M.; in Vorbereitung sind Fürsorgestellen in Köln, Altona und Stettin. Das Präsidium des Arbeiterfürforgeamtes besteht aus drei gleichberechtigten Vorsitzenden, die vom E e n t r a l v e r e i n , dem Hilfsverein der deutschen Juden und der Zionistischen Vereinigung gestellt sind. Die Leitung des Bureaus ist Herrn F. M. K a u f m a n n als Generalsekretär übertragen worden. Wir hatten vor einigen Tagen Gelegenheit, einen Einblick in den Betrieb des Arbeiterfürsorgeamtes zu tun, und konnten feststellen, daß, wenn diese segensreich wirkende Institution noch nicht vorhanden wäre, sie schleunigst begründet werden müßte. E. M. Berlin, 22. Juni. D i e I ü d i s ch e Le s eha l l e und Bibliothek in-der Oranienburger Straße 58, die in den fast 25 J ahren ihres Bestehens zahlreichen Gemeindemitgliedern Anregung und Belehrung geboten hat und sich besonders auch in ostjüdischen Kreisen berechtigter Beliebtheit erfreute, wird leider demnächst aufgelöst werden. Der Verein zur Erhaltung der Lesehalle hat sich aus verschiedenen Gründen zur Aufgabe des Instituts entschlossen. Das Vereinsvermögen von etwa 40 000 Mark und der gegen 10 000 Bände zählende Bestand aus Büchern und Zeitschriften sind der Jüdischen Gemeinde angeboten. worden, welche die Uebernahme dieser Werte bereits beschlossen hat. Das Eingehen dieser alten und bewährten Einrichtung wird vielfach bedauert werden. Die Zahl der jüdischen Bibliotheken in Berlin wird jedoch unverändert bleiben, da die Gemeindebehörden beschlossen haben, eine Zweigstelle der Gemeindebibliothek im Westen zu errichten. Bereits im Jahre 1912 war in der Bibliothekskommission die Anregung gegeben worden, eine Zweigstelle der B'bliothek im Westen zu errichten. Die Verhandlungen über diesen Antrag haben sich lange Zeit hinausgezogen. Die Vorverhandlungen sind jedoch so weit gediehen, daß die Errichtung einer Lesehalle und Filialb'bliothek in den Räumen der Synagoge Fasanenstraße zum 1. Oktober d. I. erfolgen soll. Diese Bibliothek soll jede Woche 15 Stunden geöffnet sein, und zwar Sonntag von 10 bis 1 Uhr und Montag bis Donnerstag von 5 bis 8 Uhr abends. Ter Bibliotheksfiläle sollen'die von der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek" angebotenen Bücherbestände sowie die in der Hauptbibliothek der Gemeinde vorhandenen Dubletten zur Verfügung gestellt werden. Ein mit zahlreichen jüdischen Zeitschriften in allen Sprachen und aus allen Ländern ausgestattetes Lesezinuner wird den Benutzern der Filialbibliothek in der Fasanenstraße zur Verfügung stehen. W. Aus btt Provinz Posen, 18. Juni. Mixstadt. Durch das Hinscheiden des Kaufmanns Hermann Reumann hat die Chewra-Kadischa eines ihrer ältesten Mitglieder verloren und wird der zu frühe Heimgang dieses stets gütigen und hilfsbereiten Mannes tief beklagt. Seine edelsten Eigenschaften machen ihn für immer unvergeßlich. An -der Beerdigung beteiligten sich fast alle Mitglieder der Gemeinde. Auch von auswärts waren viele Leidtragende erschienen. — No gasen. An den Folgen eines schweren Leidens, das er sich im Felde zu gezogen hatte, entschlief sanft in diesen Tagen Herr Adolf Ehrl -i ch im blühenden Alter von dreißig Jahren. Die Beerdignngsfeier gestaltete sich zu einer großen Kundgebung für den Verstorbenen. — Lob se n s. Die hiesige jüdische Elementarschule ist wegen zu geringer Schülerzahl aufgelöst worden. Dasselbe Schicksal trifft eine Menge vor: Synagogengemeinden durch die Abwanderung tu größere Städte. W. Posen, 18. Juni. Vor einer gut besuchten Versammlung Hierselbst sprach Herr Dr. Auerbach (Haifa) über das Thema „Der Wiederaufbau des jüdischen Palästina". Redner führte in fast zweistündigem Vorträge aus: Als die kompakte Masse der osteu-ropäische.n Juden sich zu zerstreuen begann und infolgedessen ein Zersetzungs- Prozeß drohte, da war es Theodor Herzl, der die weltumfassende zionistische Organisation schuf und die Judenfrage so zur Diskussion der Völker stellte, daß sie nicht mehr von der Bildfläche verschwand. In Versailles stellte sich der Oberste Rat auf den Boden der Balsourschen Deklaration und in San Remo erhielt England vom Völkerbuud den Auftrag, ein jüdisches Palästina zu schaffen. Das bedeutet lediglich die Form, die man erst durch den entsprechenden Inhalt zu einem lebensfähigen Gebrlde gestalten kann, denn die Entwicklung jedes neugebudeten Staates hängt lediglich von der Gestaltungskraft seiner