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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-25 · Heft 26 (25.6.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 26 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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84. Jahrgang. Nr. 26 Berlin, 25. Juni 1920 Der Oemelndevatr. Vellage zur „Allgemeinen Rettung deß Judentums. Korrespondenten und Mnchnchtrn. Drutschisnd. E. R. Berlin, 22. Juni. Am Mittwoch, den 16. .d. M., abends fand die letzte Sitzung der Repräsentantenversammlung vor den Neuwahlen statt. 9iach Verlesung des Protokolls erteilte der Vorsitzende, Herr Geheimrat Dr. Minden,, Herrn Prof. Türk das Wort zum Referat über die Besoldungsordnung. - Dieser erklärte seine Unzufriedenheit darüber, daß den Repräsentanten die Vorlage über die Besoldungsordnung so spät zugegangen ist, daß es nicht möglich war, sie so durchzuarbeiten, wie es bei ihrer Wichtigkeit notwendig gewesen wäre. Die Besoldungsordnung umfaßt zehn Gruppen und drei Svndergruppen, in die die Beamten, die Rabbiner und Kantoren eingeteilt sind, lieber die Gruppen 1—10 ist zwischen dem Vorstand und dem Beamtenausschuß Einigung erzielt worden. Dagegen ist der zur Beratung eingesetzte Ausschuß zu dem Entschluß gekommen, die drei Sondergruppen für die höheren Beamten abzuändern, und schlägt vor, für die juristischen Beiräte, Prediger, den Gemeindeba.umeister, die Rabbiner und Beamte nach § 50 a, das sind diejenigen, die das Recht haben, den Vorstandssitzungen beizuwohnen, 2—3000 Mark weniger festzusehen, als der Vorstand festgesetzt hat. Neben dem Gehalt wird eine Teuerungszulage gewährt, die 2000 Mark für die Verheirateten, sowie 600 Mark für jedes Kind, und 1500 Mark für die Ledigen beträgt. Es ist ferner vorgesehen worden, daß die Kantoren neben ihrer Tätigkeit in den Synagogen auch Unterricht in den Religionsschulen erteilen, daß die Kastellane auch Bureauarbeiten übernehmen. Die beiden letzteren Beschlüsse hatten in den Kreisen dieser Beamten eine ungeheure Erregung hervorgerufen. Die Kantoren beantragten, noch vor der Sitzung gehört zu werden. Es wurde ihnen das nicht gestattet, da der Vorsitzende keinem Unberufenen Zutritt in den Versammlungsraum gestatten kann. Die Kantoren, die Kastellane nn'd viele andere Beamte gingen infolgedessen auf die Galerie und begleiteten die Aeuherungen der Redner mit lautem Beifall oder Mißfall. Als der Vorsitzende damit drohte, die Galerien räumen zu lassen, erklärten 'die Beamten, daß sie der Aufforderung nicht Folge leisten werden. Erst durch persönliche Vermittlung gelang es, die erhitzten Gemüter zu besänftigen und die Ruhe wiederherzustellen. Bedauerlicherweise wurden auch bei den späteren Reden viele Zwischenrufe von der Galerie hörbar, und besonders bei den Ausführungen, die Herr Leopold Badt im Namen des Vorstandes als Antwort auf die Rede des Herrn Professor' Türk vorbrachte, wurden viele Störungen hervorgerufen. Herr Badt bestätigte, was bereits Herr Professor Türk erwähnt hatte, daß diese Besoldunasvorlage nur ein Provisorium bilde und daß. wenn die Lebensverhältnisse sich nicht ändern, sie einer neuen Vorlage Platz macken würde. Der Vorstand sei jederzeit von dem größten Wohlwollen für die Beamten erfüllt und habe dies auch jederzeit bewiesen. Herr Dr. Ginsb er g trat für die Kastellane ein. Herr Benas Levy regte an, die Besoldungsordnung zu vertagen, und der neuen Versammlung die Beschlußfassung zu überlassen, zumal die Erregung bei den einzelnen Beamten einen so hohen Grad erreicht habe. Schließlich wurde die neue Besoldungsordnung mit den Abänderungen, welche die Kommission vorgeschlagen hat, mit großer Mehrheit angenommen. Hierauf folgte die Etatsberatung, die von Herrn Benas L e v h eingeleitet und von den Herren Emil P i n c u s, Emil Cohn, Steinthal und P l o t k e vorgetragen wurde. Ueber den Etat selbst brauchen an dieser Stelle ausführliche Mitteilungen nicht gemacht zu. werden, da in einer der nächsten Nummern ein Artikel erscheinen wird, der hierüber alle Einzelheiten bringen wird. Nur so viel sei bemerkt, daß 15 200 276,62 Mark an Steuern aufgebracht werden müssen und daß eine Erhöhung von 40 Prozent auf 60 Prozent des staatlichen Steuersatzes eintreten muß. Dieser Beschluß ist einstimmig gefaßt worden. Es folgte noch eine dringliche Vorlage, die eine Bewilligung von 38 000 Mark verlangte, um die Räume im Nebenhause der Synagoge Fasanenstraße auszubauen. — Aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages hat Herr Regierungsbaumeister Kusnitzki der Stistungskommission 50000 Mark überreicht. Vor Schluß der Sitzung dankte Herr Professor Türk im Namen der Repräsentanten dem Vorsitzenden, Herrn Geheimrat Dr. Minden, für seine gerechte Geschäftsführung und hingebende Arbeit, die er für die Versammlung geleistet hat, worauf Herr Geheimrat Minden tief bewegt antwortete und seinen Dank für die Unterstützung aussprach, -die er bei allen Repräsentanten gefunden hat. Im Namen des Gemeindovorstandes dankte Herr Badt allen Repräsentanten für alles das, was sie im Interesse der Gemeinde und des Judentums geleistet haben, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß neben den verbleibenden Repräsentanten noch viele in die Bersammlang zurückkehren würden. Nach 10 Uhr schloß die letzte Sitzung vor den Wahlen zur Repräsentautenversamnrlung, die so stürmisch verlaufen, ist wie noch nie eine vorher. Berlin, 22. Juni. Wie wir aus dein uns vorliegenden T ä t i g ke i t s ber i-ch t d e s I ü d i f ch e n A r b -e i t c r f ü r s v r g eamtes für Mai 1920 ersehen, erstreckt sich bas Arbeitsgebiet der Geschäftsstelle für Deutschland augenblicklich in der Hauptsache auf folgende Gebiete: 1. Ausbau der örtlichen Organisationen im Reich und Schaffung von leistungsfähigen Unterfürsorgestellen, 2. Aufstellung von Merkblättern, Richtlinien und Herausgabe von informativem Material für die Untersürsorgestellen, 3. Aufklärung der Oefsentlichkeit, der Regierungsstellen usw. über die ostjüdische Einwanderung, insbesondere Gegenarbeit gegen die Hetze und Fälschungen der reaktionären Parteien in dieser Frage, 4. Verhandlungen mit den zentralen Reichs- und Landesbehörden, einmal zur generellen Regulierung der Einwandererfrage und zur Abhilfe in wichtigen Notstandsfällen, 5. Durchführung der Selbsthilssarbeit zur Entlastung des deutschen Wohnungsmarktes von den Flüchtlingen und zu ihrer Dezentralisierung aus den Großstädten, 6. Ausstellung von Richtlinien für die Verwendung der amerikanischen Gelder. Von besonderem Interesse sind die Mitteilungen des Berichtes über den Stand der Verhandlungen mit den Zentralbehörden, a) Preußen: Es schweben augenblicklich Verhandlungen zwischen dem Arbeiterfürsorgeamt, dem Innenministerium, dem Ministerium für Volkswohfahrt und dem Reichsamt für Arbeitsnachweis, um eine einheitliche Behandlung der Flüchtlingsfrage unter Ausschaltung engherziger Ressortpolitik zu erzielen und insbesondere es zu ermöglichen, daß der Arbeitsvermittlung an Flüchtlinge keine unnützen Schwierigkeiten gemacht werden. Im allgemeinen ist festzustellen, daß auch jetzt in Preußen von einem rigorosen Vorgehen gegen die Flüchtlinge Abstand genommen wird. Es ist aber ausdrücklich bei den Verhandlungen betont worden, daß von den Behörden ein reibungsloses Funktionieren, insbesondere der örtlichen Fürsorgestellen bei dem Verkehr mit den Polizeibehörden usw., bei der Beschaffung besonderer Wohngelegenheit für Flüchtlinge gefordert werden muß. Für Preußen ist die Meldevorschrist für Ausländer Ende April verfügt worden. b) Verhandlungen mit außerpreußischen Landesregierungen, um dort eine ähnliche Regelung wie die preußische vom 1. November 1919 durchzuführen, sind in Vorbereitung, e) Im a l l g e m einen hat sich ergeben, daß bei einem tatkräftigen Eingreifen und Zusammenschluß der jüdischen örtlichen Vereine und Organisationen in den meisten Fällen ein tatkräftiger Schutz für die Flüchtlinge herbeigesührt werden kann. — Heber die Al a ß n a h m c n d e s A r - b e i t e r f ü r s o r g e a m t e s in der W ü n s d o r f e r Angelegenheit, in Bayern u n b im westdeutsche n I n - d u st r i e g e b i e t usw. wird folgendes mitgeteilt: a) Die Zossen- W ü n s dorser A f f ä r e, bei «der uüderrechtlich etwa 300 Flüchtlinge in der unwürdigsten Weise verschleppt u tb behandelt wurden, konnte durch das Eingreifen des A. F. A., insbesondere durch etwa vier in das Kriegslager von ihm entsandte Kommissionen, innerhalb von drei Tagen beinahe restlos erledigt werden, mit dem Erfolge, daß, abgesehen von etwa 25 Personen, alle von den Reichswehrtruppen widerrechtlich Inhaftierten noch vor Pessach und der Rest in den Zwischentagen des Pessachfestes entlassen wurden. Auf dessen Vermittlung hin besteht augenblicklich in Berlin ein ausdrückliches Verbot gegen alle derartigen, planlos inszenierten Razzias. b) Ausweisungen inBayer n.

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