Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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299 wir zu Lisch gehen und zusehen, daß wir unserem Gast, der zwar weniger Verlangen danach trägt als wir, doch etwas zum Essen mitbringen." Bereitwillig gingen die andern aus den Vorschlag des „Sched" ein und begaben sich nach Hause, Iechiel allein im Beth Hamidrasch zurücklassend. Unterwegs fragte sie der „Sched": „Was haltet ihr von unserem neuen Kollegen?" „Das Bild," ließ sich der Maler vernehmen, „ist noch mit einem Schleier verhüllt, der erst gelüftet werden muß." „Mit seiner langen, spitzen Nase" — meinte der „Sched" — „gleicht er einem Storch." „Nach seinem Tode" — bemerkte der Altertumsforscher - „wird wohl über seinen Charakter Näheres bekannt werden." „Was sollen wir uns seinen Kops zerbrechen?!" sagte der Dichter. „Vorläufig wollen wir ihm was zum Essen bringen. Lautet doch auch eine talmudische Vorschrift: Man untersuche nicht lange, wenn es sich um die Beköstigung eines Armen handelt!" „lind ich", fügte der Maler hinzu, „sage euch, daß er in meinen Augen ein Bild ist, das eine häßliche, ekelerregende Hülle umgibt, und darum ist mein Vorschlag, daß jeder von uns, was er von Kleidungsstücken entbehren kann, mitbringt, damit er künftighin unseren Augen wenigstens äußerlich als Mensch erscheine." Mit dem Versprechen, diesen Vorschlag sofort zur Ausführung zu bringen, trennten sich die Talmudjünger. II. In der Dämmerstunde desselben Tages, zwischen dem Mincha und dem Maarib-Gebet wurden die Freitische für 'unseren Iechiel beschafft. Die zum Gebete sich eingefundenen Hausväter betrachteten es als eine Mizwah, nach Kräften für die Beköstigung des armen Fremden zu sorgen. Nachdem der Schammes die Lichter für das Nachstudium an die Bachurim verteilt und das Lehrhaus verlassen hatte, drängte der „Sched" in den neuen Kollegen, daß er mit der Erzählung seiner Lebensgeschichte fortfahre. Iechiel, der sich für die ihm mitgebrachten Kleidungsstücke und Nahrungsobjekte dankbar zeigen wollte, ließ sich nicht lange bitten und begann: „Ungefähr eine Woche vor der Begebenheit, von der ich reden will, fragte ich meinen Vater: Was ist ein Bardeles? Ein Bardeles, so antwortete <ex mir, ist ein großes, fürchterliches Tier, das in der Gegend der finsteren Berge sich aufhält. Es hat die Gestalt eines Esels und ist auf dem Rücken, von dem Kopf bis zum Schwanz, mit Haaren bedeckt, von denen jedes mindestens eine halbe Elle lang, hart wie Schweineborsten und scharf wie ein Chaleff") ist. Dieses Tier verfährt mit dem ihm begegnenden Menschen in folgender Art: Es stellt sich auf die Hinterbeine und bleibt aufrecht stehen, während es mit den Vordersüßen auf den Leib zu trommeln anfängt und täuschend ähnlich das Bumbum einer Pauke nachahmt. Dann beginnt es mit dem Schwänze zu drehen, zu springen und zu tanzen und die verschiedensten Allotria zu treiben, bis der Mensch lachen muß. Kaum aber hat der Mensch zu lachen angefangen, so ist es um ihn geschehen. Er verliert plötzlich seinen Verstand und seine Willenskraft und folgt, wie ein Kalb der Kuh, arglos dem Tier nach seinem Schlupfwinkel, wo es ihm den Schädel spaltet, das Gehirn aussaugt, und den Körper für die bösen Geister zurückläßt, die in Raben und Nachteulen verwandelt worden waren. Wer ein Bardeles im Traum sieht, fuhr mein Vater, — sein Andenken sei gesegnet! — fort, kann sich darauf gefaßt machen, daß entweder er selbst oder einer seiner Verwandten stirbt. Als ich die Worte meines Vaters vernommen hatte, fing ich an, bitterlich zu weinen; denn obwohl ich die Gestalt des Bardeles noch niemals im Traum gesehen hatte, so träumte ich doch des *) Schüchtmesser. Nachts zuvor von dem Namen dieses Tieres; allein mein Vater tröstete mich und meinte: der Name allein hätte keine Bedeuiung. Doch in der darauf folgenden Nacht erschien mir das Bardeles in seiner wirklichen Gestalt im Traume. Als ich aufwachte, betrachtete ich diesen Traum als mein Geheimnis und sagte meinem Vater nichts davon, da ich Angst hatte, er würde mich fasten heißen; damit aber beging ich eine große Sünde und habe den Tod meines Vaters verschuldet." Iechiel brach in heftiges Schluchzen aus, während die Genossen ihn halb spöttisch, halb mitleidig ansahen. „Das war", nahm er, seine Tränen trocknend, die Erzählung wieder aus, „an einem Montag oder Dienstag. Am darauf folgenden . Schabbeszunacht saßen wir in größerer Gesellschaft beim Mahle zu Ehren der scheidenden Königin Sabbat länger als sonst zusammen, bei welcher Gelegenheit mein Vater die Schleusen der Kabbala öffnete und uns in das Paradies der mystischen Welt versetzte. Inzwischen war die Schnapsslasche bis auf die Neige geleert worden . . . Da muß es das Spiel des Satan gewesen sein, daß mein Vater sich bereden ließ, durch ein Wunder Schnaps zu verschaffen. Anfangs wollte er durch Bohren in die Wand dieser das begehrte Getränk entziehen. Da aber der Hausherr, dessen Gehirn kabbalistische Wunder nicht zu fassen vermochte, durch ein solches Experiment eine Beschädigung der Wand fürchtete, sich dagegen gesträubt hatte, ging mein Vater fort, um von einem, den gewöhnlichen Sterblichen unsichtbaren Orte das Getränk zu bringen. Fast die ganze Nacht warteten wir ans seine Rückkehr, und als er nicht kam, bemächtigte sich unser eine fürchterliche Unruhe. Am Morgen des darauf folgenden Tages wurde er nach Hause gebracht, zerschlagen und verwundet, kaum atmend, geführt von einigen Grenzsoldaten, die die Frechheit hatten, uns zu sagen: „Der Kerl wird wohl nicht mehr schmuggeln." . . . Zwei Tage lang lag mein Vater fast wie ein Toter, ohne zu mir oder zu seinen Freunden, die uns besuchten, ein Wort zu sprechen. Am dritten Tage flammte sein Gesicht von einer Begeisterung aus, wie ich sie bisher bei ihm nicht wahrgenommen hatte, und er rief nns zu: „Freunde! Nehmt euch ja vor den Hunden, insbesondere vor den schwarzen Hunden in acht und denket stets an den Vers, der Schutz gegen Hunde bietet!" Im Zimmer herrschte Todesstille, als er fvrtsuhr: „Ich überschritt die Grenze mit Hilfe eines kabbalistischen Spruches, bei dessen Anwendung man sehen kann, ohne gesehen zu werden; durch die Anwendung eines zweiten Spruches, der den Weg bedeutend verkürzte, war ich schnell ins Dorf gekommen, wo ich auf Kredit Branntwein erhielt; vermöge jenes Spruches eilte ich wieder auf abgekürztem Wege zurück, überschritt, indem ich noch immer alles sah, ohne gesehen zu werden, die Grenze, bemerkte die Grenzwächter, welche Karten spielten und lachte sie in meinem Innern aus. Die Nacht war aber stockfinster, und obwohl ich alles erkannte, konnte ich doch die schwarzen Hunde, die unweit der Wächter sich aufhielten, nicht bemerken. Und die schwarzen Hunde — Gott schütze vor ihnen — haben mich gesehen oder richtiger, meinen Geruch wahrgenommen und fielen über mich her. Vor Angst vergaß ich den Vers gegen Hunde und auch meine anderen Sprüche, und so kam es, daß die Wächter mich erblickt hatten und, wie ihr sehet, wundschlugen." Nun begriffen die um das Lager meines Vaters versammelten Genossen das Unglück, das ihn betroffen, und begannen heftig zu weinen. Ich aber jammerte: „Bardeles, Bardeles! . . . Ich habe im Traume ein Bardeles gesehen und dir, mein Vater, nichts gesagt!" Aber mein Vater hatte mein Schreien und Weinen nicht mehr gehört: Am vierten Tage war seine Seele in ungetrübter Reinheit entflohen. Aus Jechiels Augen flössen dicke Tränentropsen herunter, während bei seinen Hörern Weinen und Lachen miteinander um die Herrschaft stritten. Die Spottsncht des „Sched" gewann