Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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298 es besser machen als Heine und läßt das Wiegenlied von der Mutter Halevhs singen. Er ist so freigebig, ihr ein Wiegenlied von vierundsechzig Versen in den Mund zu legen. Ein „kleiner" Zitsatz vom Uebersetzer, um Heines Poesie poetischer zu gestalten! Bon den Prosaschriften Heines sind drei kleine Bände: „Heinrich Heines ausgewählte Schriften", ins Hebräische übersetzt von H. I. Fef-ernmnn (Warschau 1901). >erschienen. Nimmt man indes alles zusammen, was zurzeit von Heine im Hebräischen vorliegt, io dürfte es kaum mehr als den zwanzigsten Teil seines Gesamtwerkes ausmachen. Nichtsdestoweniger ist dem hebräischen Leser Gelegenheit gegeben, sowohl Heinrich Heine wie Ludwig Börne in ihrer ganzen Größe kennenzulernen. Es existiert nämlich eine Börne-Biographie und eine Heine-Biographie in hebräischer Sprache, zwei umfangreiche Bände, die beide zu einem Buch mit dem vielsagenden Titel: „Mimkor Jisrael" („Alis jüdischer Quelle") vereinigt sind. Der Verfasser ist Eleasar Schulmann, ein Gelehrter, ein Mann von Geist und von tiefer Gründlichkeit. Dieses Buch ist das schönste Denkiual, das ein hebräischer Schriftsteller zwei deutschen! Klassikern gesetzt hat. * Bis in die neueste Zeit hinein haben die hebräischen Schriftsteller vornehmlich der deutschen Literatur ihre Aufmerksamkeit zugewandt und die Werke deutscher Schriftsteller, Dichter und Philosophen durch gelungene Uebersetzungen dem hebräisch lesenden Publikum zugänglich gemacht. Das ganze junge Deutschland bis zum jüngsten Deutschland ist in der neuhebräischen Literatur vertreten. Karl Gutzkow, Friedrich Hebbel, Berthold Auerbach, Gustav Frehtag, Otto Ludwig, Eduard Mörike, Gerhart Hauptmann. Hermann Sudermann, Richard Dehmel, Stefan George — diese und noch viele andere deutsche Ritter vom Geiste reden jetzt die Sprache Jesajas. Selbst der „Zarathustra" Nietzsches kündet bereits seine Propyetenworte in der Sprache der Propheten. Der Sonnenstich. (1. Forts.» Von L. I. Peretz. Aus dem Hebräischen frei übertragen von Albert Katz. SS*. 3echiels Erstaunen hatte seinen Höhepunkt erreicht, aber der „Sched" kümmerte sich nicht darum, sondern fuhr fort: „Die übrigen Kameraden, durchweg liebenswürdige undangenehmeBurschen, von denen ich sicher bin, daß sie dereinst Große in Israel sein werden, haben ihre Talente und Fähigkeiten noch nicht entfaltet, bisher kein bestimmtes wissenschaftliches Fach als Spezialität erwählt, und ich bin deswegen der Pflicht enthoben, ihre Vorzüge dir haarklein zu schildern, mögen sie nun, da ich mich von dem vielen Reden doch ein wenig abgespannt fühle, sich selber vorstellen " „Mein Name," begann einer der Apostrophierten, „ist Hirsch Teuerstein." „Ja," fügte der „Sched" lustig lachend hinzu, „er ist wirklich ein teurer Stein, aber noch ungeschliffen, und es ist zu befürchten, daß er, Gott bewahre, wenn er in die Hände des Schleifermeisters Zeit gerät, einen Sprung bekommen könnte." „Und ich heiße Simon Holz", sagte ein anderer. „Ein feuchtes Holz," glossierte der „Sched", „das sich nicht einmal zum Ofenheizen eignet." So ging es noch eine Weile weiter: an die jedesmalige Vorstellung knüpfte der „Sched" seine spitzen, witzelnden Bemerkungen. Als der letzte seinen Namen genannt hatte, bestürmte man den Zugereisten, etwas aus seinem Leben zu erzählen. „Aber fasse dich recht kurz." — mahnte der „Sched", „denn mein Magen knurrt vor Hunger." „Ich weiß nicht," stotterte Jechiel, „was ihr von mir eigentlich wollt. Ich Hab' gar nichts zu erzählen." „Stuß!" drang cs von allen Seiten auf ihn ein., — „Dann erzähl' uns von deinen Eltern, von dir, weshalb du gerade unsere und nicht eine andere Gemeinde ausgesucht Hast, erzähle ..." — Jechiel konnte dem ungestümen Drängen der lustigen Kollegen nicht widerstehen und begann: „Meine Mutter handelte mit Obst." „Um Gotteswillen — erwähne nichts Eßbares, wenn ich hungrig bin!" „Meine Mutter," begann Jechiel aufs neue, „handelte mit Obst, und mein Vater, sein Andenken sei gesegnet, war ein Melammed." „Das heißt," bemerkte der „Sched", „er war ein Schleiniel." Jechiel fing von neuem an: „Meine Mutter war eine Obsthändlerin, mein Vater ein Melammed, und ich bin ihr einziger Sohn. Mein Vater war ein Meister der Geheimlehre; die Pforten der Mystik hatten sich für ihn weit aufgetan, und er konnte ungehindert ein und aus gehen." „In einem Hause, dessen Pforten jedem Faulenzer weit aufstehen," platzte der „Sched" heraus, „ist wenig Segen. Indessen, lieber Jechiel, kümmere dich nicht um meine Bemerkungen und fange um Gotteswillen deine Erzählung nicht aufs neue an! Wir wissen bereits, womit deine Mutter sich beschäftigt hat, daß dein Vater ein großer Gelehrter war und daß du ihr einziger Sohn bist." „Mir bleibt nicht viel zu erzählen" — fuhr Jechiel fort. „Meine Mutter starb eines plötzlichen Todes, ohne Schmerzen und ohne Widdui") und da auch mein Vater wegen zunehmender Körperschwäche seine Tätigkeit als Melammed einstellen mußte, so entschlossen wir uns, uns im Beth Hamidrasch unseres Städtchens häuslich einznrichten, und widmet-'n uns dem Studium der Kabbala." „Und wovon habt ihr gelebt?" „Wovon wir gelebt haben? Mein Vater genoß als Gelehrter große Achtung, war ein Cohen und ein Mohel und wurde in dieser Eigenschaft zu jeder Hochzeit, Beschneidung, Pidjan Haben eingeladen, und da es bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich gutes Essen gab, so nahm er mich fast immer mit. Einen kleinen Nebenverdienst hatte mein Vater noch durch das Kaddischsagen für Leute, die kinderlos gestorben sind, durch das Besprechen des bösen Blicks, lind außerdem fasteten wir sehr oft." „Du auch?" „Ja, ich auch. Mein Vater — im Gan Eden soll er ruhen — lehrte mich, eine kabbalistische Formel anwenden, die für das Stillen deS Hungers sich vortrefflich eignet. Indessen verging längere Zeit, ehe sie sich bei mir bewährte, und daran hatte die Sünde Schuld." „Was für eine Sünde?" fragten die Talmudjünger neugierig. Jechiel senkte den Blick zur Erde und antwortete nicht. -. „So erzähle doch weiter!" ermunterte ihn der Dichter. „Bald darauf," fuhr jener mit einem tiefen Seufzer fort, „starb mein Vater um des heiligen Namens willen." „Um des heiligen Namens willen?" riefen die Hörer im Chor. „Ja" — antwortete Jechiel und blickte seine Kollegen stolz an — „und das verhielt sich folgendermaßen." „Es mag sich noch so sonderbar verhalten haben" — rief der „Sched" —, „ich muß nach Hause, denn mein Hunger ist stärker als meine Neugierde, den Verlauf dieser Geschichte zu hören, die Jechiel auch am Abend fortsetzen kann. Jetzt wollen 8 }) Sündenbekenntms.