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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-25 · Heft 26 (25.6.1920) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 26 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
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297 bi^ großen Schwierigkeiten- oder, wie er sich biblisch ausdrückt, „die Steinen des Anstoßes und die Felsen des Stranchelns", di>e sich einem hebräischen Schriftsteller bei einer so schwierigen Arbeit entgegenstellen. Ererzählt, er habe „Tag und Jahre" darüber nachgedacht, in der jüdischen Geschichte eine dem Faust -analoge Figur zu finden, bis ihm wie „eine göttliche Eingebung" die Erinnerung an Elischa ben Abuja (genannt „Acher") kam, der in 'seinem ganzen Lebenswandel, in seinen philosophisch-skeptischen Grübeleien sowie in seinen Verirrungen gerade als Doppelgänger des Faust bezeichnet werden könne... Diese „Faust"-Uebersetzung hatte indes wohl eine gewaltige Preßfehde zur Folge, aber lange nicht den Erfolg, den sich Letteris von ihr versprach. Das Verständnis für Goethe wurde durch diese Ueberfetzung im Getto nicht im geringsten gemehrt. Trotzdem ward Goethe im Getto eine Ehre zuteil wie keinem zweiten Dichter der Weltliteratur. Goethes Tod wurde nämlich in einer galizischen Stadt von der ganzen Gemeinde betrauert. An diesem Tage wurde Goethe sogar das Epitheton „Rabbi" beigelegt. Die Sache trug sich folgendermaßen zu: Es war an einem Sabbatmorgen im Jahre 1832, als der Oberrabbiner von Zolkiow, Hirsch Chajjoth, eine talmudische Autorität, dabei ein kenntnisreicher Mann und Goethe-Verehrer, durch die Zeitung von Goethes Tode erfuhr. Diese Nachricht erschütterte ihn dermaßen, daß beim Morgengottesdien'st den Gemeindemitgliedern die gedrückte Stimmung ihres geistlichen Oberhauptes auffiel. Sie fragten ihn nach der Ursache seines Kummers, worauf er seufzend antwortete, Goethe sei gestorben. Die Gemeinde wußte von Goethe nichts, vermutete jedoch, daß es sich wahrscheinlich um einen bedeutenden Rabbi handele. Rasch verbreitete sich die Kunde in der Synagoge: „Rabbi Goethe ist gestorben." Jeder sprach mit Andacht die beim Vernehmen einer Trauernachricht vorgeschriebene Benediktion und die ganze Gemeinde betrauerte den Heimgang des „Rabbi" Goethe. * Der Liebling der gebildeten Gettojuden war Friedrich - Schiller. Sie schauten zu ihm empor wie zu einem Gottesmann und huldigten ihm wie einem König. Sie bewunderten in ihm den Genius der Menschheit und der Menschlichkeit. Was dämmernd bloß in ihrem Geiste webte, was ahnungsvoll ihr Herz bewegte — in seinen Werken fanden sie es in wundervollen Tönen und mit einem an die Propheten gemahnenden Pathos vorgetragen. Nicht sein Wort hat in ihrem Herzen einen Widerhall gefunden, sondern umgekehrt, Schiller war wie das Echo ihrer eigenen Gedanken und Gefühle. Sie sanden in seinen Werken für jeden ihrer Gedanken das passende Wort, für jeden Schicksalsschlag ihres Lebens einen tröstenden Ausspruch. Der gute Büchmann hätte seinen Zitaten'schatz um das Doppelte vermehren müssen, hätte er alle geflügelten Schillerschen Worte .ausgenommen', die im Getto kursierten. Die grenzenlose Schiller-Verehrung veranlaßte sehr bald die hebräischen Schriftsteller, die Werke des Dichters in „das heilige Gewand der Sprache der Propheten" zu hüllen. Bereits im Jahre 1817 finden wir in der Berliner hebräischen Zeitschrift „Jedidja" eine Ueberfetzung des Schillerschen Gedichtes „An d>ie Freude" von Moses Bü'schenthäl. Eine Sammlung Schillerscher Gedichte in einer gelungenen hebräischen Uebertragung hat Max Letteris im Jahre 1852 herausgegeben. „Die Zerstörung von Troja" ist von dem großen hebräischen Lyriker Micha Josef Lebensohn übersetzt worden. Zinn hundertsten Geburtstage des Dichters hat Mattithjahu Simcha Rabbener Gedichte aus der zweiten und dritten Periode unter dem Titel „Eth ha-samir" (,,Die Zeit des Gesanges") erscheinen lassen. „Das Lied von der Glocke" ist nicht weniger als 'sechsmal ins Hebräische übersetzt worden. Größere Teile dieser Dichtung sind bereits 1820 im Hebräischen erschienen; der Uebersetzer war kein geringerer äls der berühmte Prager Oberrabbiner Salomo Juda Rappoport. Von den Dramen sind übersetzt: „Die Räuber", „Don Carlos", „Fiesco", „Maria Stuart", „Die Jungfrau von Orleans". „Wilhelm Teil", „Die Briaut von Messina", „Macbeth" und „Phädra". Die philosophischen Briefe sind von dem Gelehrten und Spinoza-Forscher Dr. S. Rubin übersetzt worden. Eine prachtvolle Uebertragung des „Spazierganges unter den Linden" hat der Historiker Kalman Schulmann geliefert. Selbst von der Abhandlung „Die Sendung Moses", in der den Juden wenig Schmeichelhaftes gesagt wird, liegen, allerdings mit Kommentaren versehen, zwei hebräische Uebersetzungen vor. Fast ein Jahrhundert lang beherrschte Schiller die „aufgeklärten" Geister im Getto. Die Juden im Getto lasen Schiller nicht, wie man gemeinhin Dichter liest, sie suchten .in seinen Werken keinen Kunstgenuß. Schiller - - das bedeutete eine Kopfarbeit, ein hartes, ernstes Studium. Sie versenkten sich geradezu mit andachtsvollem Ernst in die geistigen Tiefen seiner Werke und holten zuweilen aus diesen mehr heraus, als mancher Schiller-Forscher von Beruf 'darin zu finden in der Lage w'äre. Schiller galt im Getto nicht als gottbegnadeter Dichter, sondern als Weiser, dem Gott einen Teil seiner Weisheit verlieh. Die Liebe und Verehrung, die man im. Getto dem deutschen Dichter entgegenbrachte, hat Karl Emil Franzos in seiner Novelle „Schiller in Baranow" ebenso wahr wie meisterhaft geschildert. & Verhältnismäßig spät sind Ludwig Börne und Heinrich Heine ins Getto eingedrungen. Aus Börnes Schriften ist eine Sammlung kleinerer Abhandlungen unter dem Titel „Ludwig Börnes ausgewählte Schriften", hebräisch über setzt von I. E. Triwasch (Warschau 1896) erschienen. Auch bei Heinrich Heine zögerten die hebräischen Schriftsteller lange, ihn in das Fremdenregister der neuhebräischen Literatur einzutragen. Das erste Heinesche Gedicht, das in einer hebräischen Uebertragung erschien, ist' — soweit ich sestftellen konnte — das Gedicht „Frau Sorge" (Kochbe jizchak 1853, Heft 18). Erst neun Jahre später finden wir in derselben Zeitschrift einen Sinnspruch Heines, übersetzt vom philosophischen Schriftsteller Fabius Mises (ebenda 1862, Heft 27). Den Hebräischen Melodien in einem hebräischen Gewände begegnen wir erst dreißig Jahre nach dem Tode des Dichters. K. A. Schapira lieferte eine gelungene Ueberfetzung der „Disputation"; Salomon Mandelkern übersetzte „Prinzessin Sabbat" und „Jchuda Halevy". Zu der Ueberfetzung des Gedichtes „Jehuda Halevy" sind einige Bemerkungen notwendig, weil der „Halevy" eine der köstlichsten Dichtungen Heines ist und weil Mandelkern zu den anerkanntesten hebräischen Poeten gehörte. Was hat Mandelkern aus dem Heineschen „Halevy" gemacht? Zunächst hat er die leichtbewegten vierfüssigen Trochäen in langatmige Verse zu je vierzehn Silben umgewandelt. Dann hat er den gekreuzten Reim (Schema: a b a b) verwendet. Und schließlich überschritt er vollends das Maß des für einen Uebersetzer Zulässigen, indem er sich Aenderungen im Text, Abkürzungen, Ergänzungen und allerhand Korrekturen erlaubte. Die einleitende Strophe: „Lechzend klebe mir die Zunge . . die doch nur mit dem bekannten Psalmvers rückübersetzt zu werden brauchte, lautet bei Mandelkern wörtlich: „Es klebe meine Zunge an dem Gaumen, und es welke mein Gaumen im Schlunde, mein Mund sei in Staub gesteckt, verstummt die Lippen, vergessen meine Rechte, zerbrochen mein Arm wie ein Schilfrohr -- vergesse ich jemals dein, Tochter Jerusalems!" — Das ist weder heinisch, noch sonst poetisch. Die herrlichen Berse: „Und es hat der goldene Tajo ihm sein Wiegenlied gelullet" behagen ebenfalls Mandelkern nicht, denn er will

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