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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-25 · Heft 26 (25.6.1920) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 26 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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m m y ll: zu finden. Die Gründe und der Zusammenhang sind ganz, wo anders zu suchen. Für das Judentum hat jederzeit der alte Spruch gegolten: Nihil humani a me alienum est (nichts Menschliches ist mir fremd). Die Sache der Elenden, der Gedrückten hat stets im Judentum warme Fürsprecher und werktätige Freunde gefunden, und wie „das Brot des Elends" schmeckt, haben die Juden ja zur Genüge bei sich selbst erfahren. Die Humanität Und Philanthropie durchdringt das ganze Judentum und bildet eine der schönsten Seiten des jüdischen Charakters. Dieser Zug der Menschenliebe, des Mitleids mit dem Schicksal der „Enterbten", hat Lassalle zu einem der Vorkämpfer der Sozialdemokratie gemacht und so viele andere geistig hochstehende Juden der Internationale zugeführt. Daß diese mit ihren idealen, humanitären, dem Frieden, dem Wohl des Arbeiters, der Völkerverbrüderung zugewendeten Gedanken auf viele für Menschenrecht und Menschenglück begeisterte Elemente in der Judenheit einen gleichsam magnetischen Zauber ausübt, kann nicht wundernehmen. Aber sie tun es alle im Sinne eines ruhigen, gleichmäßigen Fortschritts, einer vernunftgemäßen, gesunden Entwicklung und weisen die Ideen gewaltsamer Zerstörung, der Gesetzlosigkeit, wüsten Unordnung und Anarchie weit von sich. All die Auswüchse und Ausschreitungen, wie wir sie jetzt leider so vielfach erleben, sind dem Judentum ein Greuel und werden von den jüdischen Bürgern und Arbeitern in ihrer überwiegenden Mehrheit aufs schärfste gemißbilligt und gebrandmarkt. Denn nicht durch rohe Macht und Gewalt will das Judentum seine hohen Ideale und Ziele verwirklichen, sondern durch den in ihm lebenden Geist des Friedens, der Wahrheit, der Menschenliebe und der Gerechtigkeit. Die SosiaMermig drs Labbmerltanvrs. Ben Rabbiner Tr. I. Eisenberg (Dobrisch b. Prag). Einleitende Worte. ie Notlage des Rabbinerstandes in der Tschechoslowakei J bildet gegenwärtig eine stehende Rubrik in der Fachpresse als auch in der jüdischen Zeitungsliteratur. Diese Not findet ihre Wurzel in dem Gesetz vom 21. März 1890, welches in Böhmen gegen 200 Kultusgemeinden kreierte und dem Statthalter das Recht gab, Rabbiner für dieselben zu bestätigen. Die Bestätigung fragte aber nie nach Studien und Fachwissen. Irgendein Zeugnis von einem Rabbiner u. a. genügte schon, um die sogenannte Dispens zum Seelsorgeamt zu bekommen. Kaufleute mit schlechtem Geschäftsgang, Kleidermacher ohne Arbeit verschafften sich die Dispens, nähten sich selbst ihre Ornate und übernahmen Rabbinate. Also ein moderner Rabbi Simlai (Simla — Kleid): Rabbiner und Schneidermeister. Den Gemeinden dienten sie als „Mädchen für alles" und wurden gesucht, weil sie billiger kamen. Daß ein solches geistiges Oberhaupt von „Trefos" nichts versteht, ist selbstverständlich. Ein echter Rabbi Tarphon! Freilich ist diese Rabbinersorte nunmehr auf dem Aussterbeetat. Nun kam die harte Nachkriegszeit, die bei den böhmischen Juden eine beispiellose Indolenz und Gleichgültigkeit wachrief. Die ersten Opfer derselben sind aber gerade die graduierten Rabbiner, die sich aus dem Geleise geworfen sehen. Deshalb wurde Schreiber dieser Zeilen angegangen, einen Entwurf zur Sanierung des Rabbinerstandes auszuarbeiten als Richtschnur für eine ins Leben zu rufende Organisation. Den Entwurf beinhaltet der nachfolgende Aufsatz, der gewiß auch in den Gemeinden Deutschlands mit Interesse verfolgt werden dürfte. Denn auch dort dürfte eine Organisation am Platze sein.— Die Sozialisierung des Rabbinerstandes. Dem Wunderrabbi Lew Jizchak aus Berditschew, erzählen seine Verehrer, wurde einst eine geschlachtete Henne vorgelegt, in deren Magen ein Nadelsplitter stak. Er sollte entscheiden, ob das Fleisch vom rituelles Standpunkte aus genossen werden dürfe. Der Rabbi begann: „Warum soll denn dieser unscheinbare Fremdkörper das Fleisch ungenießbar machen? Das arme Tier erhielt gewiß im Hause des Besitzers nicht genug Nahrung. Es mußte hungern. Deshalb suchte es auch einen nachbarlichen Misthaufen ab und verschluckte dabei die Nadel. Wäre es nicht also ungerecht, die geschlachtete Henne für „trefa" zu erklären? Allein diese Anschauung," fuhr er fort, „scheint doch nicht ganz zutreffend zu sein. Jeder Besitzer sorgt für sein Tier, daß es genügend Futter erhalte. Diese begnügte sich aber nicht damit; sie suchte auch auf fremden Gebieten nach Leckerbissen und befürchtete nicht, daß sie dadurch einer anderen Henne die Nahrung wegnehmen könnte. Ja, ein solches Vorgehen ist freilich verwerflich, also „trefa"!" — Dieses schlichte Diktum kann unleugbar als Axiom in unserer modernen Soziologie angesehen werden. Wer sich mit dem Ertrag seines eigenen Gebietes nicht begnügt, sondern auf dem nachbarlichen Felde nach Leckerbissen sucht, der versündigt sich gegen die Gesamtheit und untergräbt die moralische Kraft seiner Standesgenossen. — Warum haben denn unsere Arbeiter, Lehrer, Privat- oder Staatsbeamten gerade in der so harten Nachkriegszeit ungeahnte Erfolge erzielt? Die gemeinsame Not zwang ihnen gemeinsame Interessen und Bestrebungen auf. Ja noch mehr: die gemeinsame Not zwang ihnen Parteidisziplin und Solidaritätsgefühl auf, um diese Erfolge zu erringen. Wie sieht es aber in der „klespubliea rabbinorum" aus? Verwandtschaftliche, erheiratete Protektion drängt, besonders in den Großstädten, jede Rücksicht auf Talent und Wissen zurück. Prvtektionskinder, auch orthodoxer Couleur, genießen zwei, drei oder mehrere Portionen, ohne zu bedenken, daß dadurch ebenso vielen Kollegen die Existenzmöglichkeit genommen wird. Was Wunder, daß solche Freunde von Leckerbissen jeder Organisation fernstehen? — Der Staat praktiziert die in sozialer Hinsicht gewiß höchst lobenswerte Einrichtung, daß Beamte, Väter von Kindern, welche Mittel- oder Hochschulen besuchen, in Städte mit der betreffenden Bildungsmöglichkeit versetzt werden. — Wieviel Kummer würde so manchem Familienvater genommen werden, wenn auch unsere Kultusgemeinden diese soziale Maßnahme verstehen würden! Diese, namentlich die bessersituievten, suchen, wenn sie ein Räbbinat zu vergeben haben, nur ledige Bewerber, die nicht viel kosten. Verheiratete erhalten ein etwa abgesandtes Schreiben mit dem Vermerk retour: „Alter über 40 Jahre, zwei, drei oder mehr Kinder!" Das sind traurige Tatsachen! Ein Ehekrüppel ist also für eine solche Gemeinde a priori untauglich. Die Verhältnisse gestalteten sich derart, daß mit dem vierzigsten Lebensjahre auch für den Rabbiner das gefährliche Alter beginnt. — Wenn ein Chef gegen feinen Buchhalter so handeln würde, dann würde er die Entrüstung der ganzen Beamtenschaft erfahren. Aber die jüdischen Beamten sind ja nicht organisiert! — Unsere Brüder freuen sich, wenn ihre Angehörigen in Banken, Geschäften, Bureaus usw. Gehälter erzielen, die den Zeitverhältnissen entsprechen. Me zeigen auch . das Bestreben, für ihre Waren, Landesprodukte usw. Preise zu erzielen, die diejenigen der Vorkriegszeit um das Zehnfache übertreffen. Gewähren sie aber auch ihren Angestellten ein wenn auch nur fünffaches Gehalt — nein! Auf jede Erhöhung der Kultussteuern wird mit dem Austritt aus der Religionsgenossenschaft gedroht oder auch geantwortet. — Unsere Brüder bemühen sich, ihren Söhnen eine feste, unabhängige Anstellung zu sichern. Aber ihren Seelsorgern

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