Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Gesamtzahl der Inden ans der Crde. Die -amerikanische Wochenschrift „The American Jsraelite" hat soeben eine Schätzung der Gesamtzahl aller Juden auf der Erde veröffentlicht, die schon infolge der neuen Staatsgrenzen, auf die sie sich nunmehr verteilen, nicht ohne Interesse ist. Die riesige Judenbevölkerung Rußlands, die im Zarenreiche lebte, hat sich auf drei Staaten verteilt: Polen, die Ukraine und Rußland selbst. Trotzdem stehen die beiden ersten Staaten unbedingt an der Spitze aller Länder der Welt, soweit die Zahl ihrer jüdischen Bevölkerung in Betracht kommt. Im einzelnen lauten die Zahlen wie folgt: Polen ..3 300 000 Ukraine. 3 800 000 Vereinigte Staaten. 3 100 000 Rußland und Sibirien . . .. 900 000 Rumänien.. 650 OOO Deutschland. 540 000 Ungarn. 450 000 Tschechoslowakei. 450 000 Großbritannien und Irland. 300 000 Oesterreich. 300 000 Litauen. 250 000 Südslawien. 200 000 Afrika (außer Marokko, Tunis und Algerien) 170 000 Frankreich. 150 000 Algerien und Tunis. 150 000 Arabien. 130 000 Griechenland. 120 000 Holland. 110 000 Marokko . . . v. 110 000 Argentinien .. 100 000 Kanada. 100 000 Türkei. 100 000 Palästina . 100 000 Australien. 20 000 Europäische Länder ohne besondere Aufzählung 200 000 Asiatische Länder ohne besondere Aufzählung 100 000 Amerikanische Länder ohne besond. Aufzählung 30 000 Danach beherbergen mehr als je eine Million Juden drei Länder: Polen, die Ukraine und die Vereinigten Staaten. Zwischen 500 000 und einer Million leben auch wieder in drei Staaten: Rußland, Rumänien und Deutschland. Dagegen sind in Palästina nur 100 000, in so großen Ländern wie Argentinien und Kanada ebenfalls nur je 100 000 Juden ansässig. Die Gesamtzahl aller Juden auf der Erde wird auf 15430000 | angegeben. Von der gesamten Menschenzahl sind das etwa 0,9 Prozent. Und von dieser im Verhältnis zur gesamten Menschheit so verschwindend geringen Anzahl Juden befürchten die Antisemiten aller Länder, sie könnten die Weltherrschaft an sich reißen! Die Internationale und das Judentum. Von Sanitätsrat Dr. S ch e r 'b e I (Lifla). m Februar 1919 tagte die Internationale in \ Bern, lieber die dort gehaltenen Reden und gefaßten Resolutionen liegt jetzt ein Bericht von John deKay vor'), den dieser mit einer Einleitung „Der Geist der Internationale in Bern" versehen hat. In der Einleitung sagt er: „Die Augen der Welt waren damals auf Paris gerichtet, das Vertrauen der Welt ruhte auf Paris, die Hoffnung der Welt hing an den Entscheidungen in Paris. Eine nach der anderen sanken diese Hoffnungen vor der kleinlichen Politik, 2) „Der Geist der Internationale in Bern." Von John de Kay, Schloß Steinhos, Luzern. Vom Autor herausgegeben. Kurzsichtigkeit und Gier derer dahin, die die Menschheit im Kriege vergessen hatten und sie in ihrer sogenannten Friedenskonferenz nun enttäuschten." Aber in all den Reden, die damals in Bern gehalten wurden von dem Vorsitzenden Branting, dem Schweden, den Franzosen Thomas und Renaudel, den Engländern Henderson und Macdonald, den Deutschen Kurt Eisner, Kautsky und dem jetzigen Reichskanzler Hermann Müller kam die Hoffnung auf den Völkerbund zum Ausdruck, der einen Frieden der Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie schaffen, der der Anfang einer wirklichen Weltbrüderschast sein würde. Ob ein solcher Völkerbund jemals zustande kommen wird? Die Anfänge dazu sind nicht viel versprechend. Aber die bedeutenden Männer, die damals in Bern versammelt waren, waren voll des Vertrauens, daß der Geist der Internationale ihn erzwingen würde, namentlich diejenigen, in denen ein Hauch jüdischen Geistes lebte. Der Russe Menstock erklärt, daß der Geist der Internationale in der Beantwortung der Frage des Zusammenschlusses aller Völler liege; die einzige Bürgschaft eines solchen Zusammenschlusses aber, des Völkerbundes, sei die internationale Arbeiterschaft. Aber Eduard Bernstein betont, der Geist der Internationale dürfe nicht der Bolschewismus sein, und Locker aus Palästina versichert, daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes in der Internationale ihren bedeutendsten Freund sehe. Der Völkerbund müsse die Aufgabe übernehmen, der Beschützer der kleinen, unterdrückten Nationen zu sein. „Der Krieg," sagt er, „hat die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß es nationale Minoritäten gibt. Wir Juden fühlen als Minorität pur excellence mit aller Wucht die schwere Lage dieser Minoritäten. Daß ihnen die volle Möglichkeit nationaler Entwicklung gewahrt bleibt, dafür muß der Völkerbund ein internationales Tribunal sein. Die jüdische Frage wurde durch den Krieg auf die tragischste Weise aufgerollt. Nicht nur haben die Juden in allen Heeren gegeneinander kämpfen müssen, sie haben viel Schrecklicheres zu ertragen gehabt. Was wir Juden vom Zarismus erlitten, weiß alle Welt. Aber Pogrome kamen auch in der Ukraine, in Rumänien und anderswo vor. Wir sind ein heimatloses Volk. Wir bilden nirgends in der Welt einen Staat. Wir haben nirgends einen Fleck eigenen Bodens. Das jüdische Problem ist daher viel tiefer zu fassen; wir müssen ein Territorium bekommen, um ein produktives Element im Bund der Völker zu werden. Wir haben zwar ein großes Proletariat, aber Mas uns fehlt, das ist der Bauernstand und ein eigenes wirtschaftliches Gebiet, aus dem wir uns selbständig machen können. Das Judentum leidet an Uebervölkerung in allen Ländern, und daraus entstammen alle unsere Leiden." — Wie weit dieser Umstand insbesondere die traurige Lage der Juden in Rumänien beeinflußt, darauf wurde weiterhin auch noch von dem Franzosen Longuet hingewiesen. Der Aderlaß des Weltkrieges erwies sich als ein Gegengewicht gegen die Uebervölkerung, aber die Lebenskraft des jüdischen Volkes wird ihn bald überwunden haben, wenn ihm nur die Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens geboten wird. Wie weit die Internationale dazu verhelfen kann, das steht aus einem anderen Blatte, und dies weckt wieder die oft ventilierte Frage nach dem Zusammenhänge der Internationale mit dem Judentum. Für unsere Freunde, die Antisemiten, ist diese Frage bald beantwortet. Die Namen Marx, Lassalle, Moses Heß, Singer, Oppenheimer, Trotzki usw. genügen ihnen, um die Juden nicht nur als die Begründer, sondern auch als die Hauptstützen der Internationale hinzustellen. Aber das hat mit dem Judentum, das keine Quelle kommunistischer Tendenzen ist, nicht das geringste zu tun, und das Gros der Judenheit ist im Lager der Internationale nicht