Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ukraine 2× ep/1001131
- Pinsk 1× ep/1045440
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292 Welche Auswüchse der Antisemitismus in- Frankreich zeitigt, geht aus einem Buche hervor, das ein gewisser Louis Martin jüngst herausgegeben hat und das den Titel trägt: „Ist der Engländer ein Jude?" Die Behauptung, daß alle bolschewistischen Führer Juden seien, ist uns nicht neu. Nach Louis Martin sind aber auch die Führer der Französischen Revolution jüdischen Stammes gewesen. So war Robespierre ein asiatischer Jude, dessen wirklicher Name Rubeni gewesen ist: er soll auch der -Gründer der „Alliance Jsraslite" gewesen sein. Danton sei ein Polnischer Jude gewesen; auch Daniel Marat war ein Hebräer, er hieß in Wirklichkeit Mosesohn, usw. Die eigentliche Ausgabe des Buches besteht aber darin nachzmveisen, daß die Juden tatsächlich Angelsachsen sind und daß das Wort Sachsen nicht weniger und nicht mehr bedeutet als die abgekürzte Form von „Isaaks Sohn". So wird Geschichte gemacht! * Judenfeindliche Wirtschaftspolitik in Polen. Der zur Reichstagsberatung stehende Gesetzentwurf über Schaffung von Handels- und Jndustriekammern ruft, wie aus Warschau gemeldet wird, in jüdischen Wirtschaftskreisen überaus große Aufregung hervor. Der Sejm- (Reichstags-) Ausschuß hat einen Entwurf ausgearbeitet, der den Ausschluß jüdischer Kaufleute unb Industrieller aus den geplanten Kammern ermöglicht. In der Plenarsitzung des Sejm wies bei der Beratung des Entwurfes der sozialistische Abgeordnete Diamand auf die Tatsache hin, daß Polens Handel und Industrie in jüdischen Händen liegen und daß der Ausschluß dieser maßgebenden Kreise aus der Berufsorganisation eine höchst gefährliche Wirtschaftsmethode sei. Dem widersprach heftig der Nationalistenführer Lutuslawski, der ausführte, das jüdische Kapital sei prinzipiell polenfeindlich und eine gemeinsames Arbeiten mit ihm daher unmöglich. Der Entwurf wurde zu redaktionellen Aenderungen an den Ausschuß zurückgewieisen. Es bestehen kaum Zweifel, daß er vom Plenum angenommen werden wird. * Die Pinsker Untersuchnngskornmisflon. Nach langen Berh.andlun.gen hat sich die parlamentarische Komnüssiivn. die zur Untersuchung der Vorfälle in Pinsk eingesetzt war, auf eine einzige Resolution geeinigt, die namens der ganzen Kommission dein Plenum vor gelegt werden soll. Die Kommission stellt in dieser Resolution it. a. fest, daß die Vorfälle in Pinsk vom 5. April 1919 auf Grund der anormalen jüdisch-polnischen- Verhältnisse entstanden seien, daß das gegenseitige Mißtrauen einen fruchtbaren Boden für jede Art von Beschuldigungen und Denunziationen geschaffen habe, -die mit Leichtigkeit Gehör bei den militärischen Behörden gefunden hatten, und daß die Kommandantur von Pinsk. statt eine Untersuchung über die angebliche bolschewistische Zusammenkunft zu führen, sofort zu den schärfsten Repressivnraßregeln — der Erschießung von 34 Juden — gegriffen habe. Die Kommission stellt auch fest, daß der Beschluß der Erschießung nicht auf Grund eines Feldgerichts erfolgt sei, und daß die Exekution ohne Feststellung der Identität der Erschossenen durchgeführt wurde. General Litowski habe, ohne die Angelegenheit zu untersuchen, zu Unrecht der jüdischen Bevölkerung eine Kontribution von 109 000 Rubel auferlegt. In Anbetracht dessen schlägt die Komrnission dem Abgeordnetenhaus'e die Annahme folgender Resolution vor: Der Reichstag fordert die Regierung auf, daß sie die Angelegenheit der Erschießung von 34 Juden ain 5. April 1919 in Pinsk wie auch die damit veribundeneu- Mißbräuche den militärischen Gerichtsbehörden überweise,- der Reichstag fordert die Regierung ferner ans, daß sie die von General Litowski auferlegte Koutribution von 100 000 Rubel den Geschädigten zurückgebe; der Reichstag fordert die Regierung schließlich auf, den Familien der Geschädigten eine Entschädigung Mszuzahlen. Ukraine. Kapitän V o o rs a n ge r und Dr. Spi w a k, die sich im Aufträge des Loint" nach Kiew begeben hatten,, erklärten nach ihrer Rückkehr nach Warschau den Pressevertretern, daß sie sich unmittelbar nach ihrer Ankunft in Kiew, ayr 23. Mai, an die hauptsächlichsten Vertreter der Judenheit in Kiew mit der Proposition gewandt hätten, ein Komitee zu bilden, das alle Teile der jüdischen Bevölkerung repräsentiere und das die Verteilung der amerikanischen Fonds und Gaben vornehme. Unabhängig davon verteilten sie 400 000 Rubel aus Lebensmittel fürarme Kinder. Es bildete sich ein Komitee, bestehend aus -sieben Personen mit Dr. M a n de l b-e r g als Präses und H o t n ste i n und Silber färb (gewesener Minister für jüdische Angelegenheiten) als Vizepräsidenten Das Komitee geht energisch an die Arbeit. Als erste Hilfe für den- Kiewer Kreis assignierte das Joint-Kornitee 3 Millionen zaristische Rubel, die unter die Bevölkerungvermittels der existierenden 19 humanitären Institutionen verteilt werden. Außerdem ist ein Transport Kleider und Lebensmittel des „Joint" bereits in Kiew eingetroffen. Der Hunger und die Not sind unbeschreiblich. Im Kiewer Kreise befinden sich 15 000 Flüchtlinge aus den verschiedenen Teilen der Ukraine, 'die vor den Pogromen dahin geflüchtet sind. Ihre Lage ist eine entsetzliche. J. P. Z. * * Das religiöse Bekenntnis -er russischen Bolschewisten. Angesichts der immer wieder austauchenden Behauptung, daß das Gros der russischen Bolschewistenführer Juden feien, verdient die nachstehende Erklärung Beachtung, welche der „Berner Bund" von wohlunterrichteter Seite erhält. Sie lautet: „Damit die Legende von der jüdisch-bolschewistischen Interessengemeinschaft, die von gewissen Kreisen verbreitet wird, dadurch keine neue Nahrung bekommt, muß man folgendes feststellen: 1. Die überwiegende Mehrheit der russischen Juden setzt sich aus Kleinkaufleuten zusammen. Diese Klasse hat im Gesoltge des sowjetistischen Regimes materiell und politisch unsagbar gelitten. 2. Unter den maßgebenden Bolschewisten (Volkskommissare, Heerführer, Generalstäbsoffiziere, Präsidenten der Lokalsowjets und der Revollltlonsgerichte, Fabrikdirettoren usw.) sind 90 Prozent echte, orthodoxe Russen, zum großen Teil adliger Abstammung, ferner Deutsche, Balten, Letten, Polen, Kaukasier usw. 3. Bon Ungarn abgesehen, wird der Zionismus (die jüdischnationale Renaissancebewegung) in keinem Lande so verfolgt wie i>m bolschewistischen Rußland. 4. Die Geschichte lehrt uns, daß der Bolschewismus eine charakteristisch russische, in der Volkspshche tief wurzelnde Erscheinung ist. 5. Bolschewistische Inquisitoren werfen den Juden in unzähligen Füllen vor, die „Gegenrevolution" zu -unterstützen. In der Tat: nicht nur unter den antibolschewistischeu Sozialisten, sondernsogar — trotz aller Pogrome! — unter den ..Kadetten" gibt es zahlreiche hervorragende jüdische Politiker. * Die „Indische Welthilsskonferenz" einberufen. Das Komitee der Jüdischen Delegationen vor der Friedenskonferenz hat in seinen Sitzungen vom 8., 9. und 10. Juni 1920 endgültig beschlossen, die allgemeine Jüdische Welthilfskonferenz nach Karlsbad für den 27. Juli bis 3. August1920 einzuberufen. Diese Konferenz wird der erste Versuch sein, für das gegenwärtig -durch unerhörte Katastrophen betroffene jüdische Volk die notwendige Hilfsarbeit auf rationelle Basis zu stellen. Zusagen der Teilnahme gingen bisher aus folgenden Ländern ein: Vereinigte Staaten, Kanada, Argentinien, Südafrika, Aegypten, Australien, Großrußland, Weißrußland, Litauen, Livland, Estland, Polen, Ukraine, Türkei, Westgalizien, Ostgalizien, Italien, Frankreich, England, Rumänien, Transsylvanien, Beßarabien, Holland, Belgien, Skandinavien, Dänemark, Deutschland, Deutsche-Oesterreich, Schweiz und die Tschechoslowakei. *