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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-25 · Heft 26 (25.6.1920) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 26 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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291 bis 2. Juni deren Ueberleitung in die 'neuen Rechtsverhältnisse. Sie wählte einen Ausschuß zur Ausarbeitung einer Verfassung für alle Organe der Landesffynagoge. Bis zur Beratung und Beschlußfassung über den neuen Versassungsentwurf durch die nächste Synode führt der neugewählte Oberrat (8 weltliche und 3 geistliche Mitglieder) unter Mitwirkung des Synodalausschusses provisorisch die Geschäfte der Landesshnagoge. Auch die neue Wahlordnung — stimmberechtigt sind alle 21 Jahre alten, wählbar alle 25 Jahre alten männlichen und weiblichen Angehörigen der Gemeinschaft nach der Mehrheitswahl; die Zahl der Abgeordneten ist geblieben: 21 weltliche, 3 Rabbiner und 2 Religionsunterricht erteilende Lehrer — trägt Provisorischen Charakter. Eine Vorlage zur grundsätzlichen Neuordnung der Gehaltsverhältnisse der Religionslehrer und Kantoren nach Maßgabe des Dienstalters fand trotz des erheblichen Aufwandes hierfür debattelos die Zustimmung der Synode. Es trat sichtlich der Wille zutage, auch die Religionslehrer als wertvolle Mitarbeiter an dem Neubau heranzuziehen. — Der um die Organisation der Landesshnagoge verdiente Geheime Oberregierungsrat Dr. Mayer, der 37 Jahre einen überragenden Einfluß im Oberrat besaß, ließ sich zu einer Wiederwahl nicht bewegen. Der Ministerialkommissar Geheimer Rat D. S chw örer fand beim Abschied herzliche Worte des Wohlwollens für die israelitische Religionsgemeinschaft und Worte ernster Mißbilligung des Antisemitismus. Beiden Männern wurde warmer Dank für ihre Tätigkeit im Dienste der Landesshnagoge gezollt. * Aus Hannover wird berichtet: In schroffem Gegensatz zur Reichsverfasiung lGleichberechtigung aller deutschen Staatsbürger) stellten sich die Studierenden der Technischen Hochschule Hannover, indem die Herrchen in ihrem Uebermut durch schriftliche Abstimmung mit 1255 gegen 606 Stimmen beschlossen, die deutschen Studenten jüdischer Abstammung vom „Allgemeinen Studentenverband" auszuschließen. Damit haben sie den vom Studentenverband gewählten „Allgemeinen Studentenausschuß" (Asta), der eine Behörde spielen wollte, zu einem „Verein antisemitischer Studenten" degradiert. Der Beschluß ist auf die vorhergeganaene maßlose Hetze des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" zurückznsühren, der in den jungen, unreifen Hitzköpfen der deutschen Hochschulen von Anfang an den meisten Anhang fand. Das sind die Leutchen, die sich zu Führern des deutschen Volkes berufen wähnen! Der Rektor der Technischen Hochschule Hannover hat bereits die Anerkennung eines „Aste", der nicht von allen deutschen Studenten gewählt ist, abgelehnt. * Heber die Straßenkundgebungen gegen die Ostju'den in Wien, von denen wir in der vorigen Nummer Mitteilung machten, bringt die „Neue Freie Presse" in der Nummer vom 8. Juni einen ausführlichen Bericht, dem wir folgendes entnehmen: An verschiedenen Punkten der Stadt, namentlich auf der Ringstraße und aus dem Franz-Josefsl-Kai, kames heute in den ersten Abendstunden zu lärmenden antisemitischen Demonstrationen, die sich in erster Linie gegen die Anwesenheit -der Ostjuden in Wien richteten. Diese Kundgebungen erfolgten im Anschlüsse an eine Versammlung in der Volkshalle des neuen Rathauses, für die bereits seit einer Reihe von Tagen eine überaus intensive Agitation entfaltet worden war. Eine ganze Anzahl antisemitischer Vereinigungen hatte durch Plakate, die eine sehr aufgeregte Sprache führten, und durch massenhaft verbreitete Flugzettel zum Besuche dieser Versammlung, geladen, und tatsächlich hatten sich heute zur festgesetzten Stunde um 7 Uhr abends Parteigänger in großer Zahl leingefunden, die, durch Neugierige verstärkt, irr den Arkaden des Rathauses und auf dem Platze vor dein R-athausgebäude Aufstellung nahinen. In der Versammlung ergriffen auch mehrere Mitglieder der Frontkämpfervereinigung. das Wort, und einer dieser Redner beklagte sich darüber, daß die Mitglieder des Verbandes Verfolgungen seitens der sozialdemokratischen Soldatenräte ausgefetzt seien. Namens der i Christlichsozialen Partei sprach Wgeorndeter Kunschak, der in der Judensrage zwischen den Ostjuden und den Juden im allgemeinen unterschieden wissen will. Die Ostjuden bezeichnet,e der Redner als lästige Ausländer, die nach internationalem Recht jeder Staat, also auch Oesterreich, ausweisen dürfe. Diese Ausweisung stoße aber tatsächlich auf Hindernisse, weil die Ostjuden sich ihrer Dokumente entäußern, ihre Heimatberechtigung daher nicht sestgestellt werden könne, die polnische Gesandtschaft daun das Paßvisum verweigere und die tschechoslowakische Republik den Leuten ohne das Visum die U-eberschreitung ihrer Grenzen verweigere. Daher verlangt der Redner die Internierung der Ostjuden in Flüchtlingslagern. Die Verpslegungskosten für die Reichen seien so zu bemessen, daß auch die Armen verpflegt werden können. Im übrigen bestünde die Möglichkeit, sich an dem polnischen Staat gelegentlich der gemeinsamen Liquidierung schadlos zu halten. In der Judenfrage im allgemeinen verlangt Kunschak die Behandlung der Juden als Minoritätsvolk. Schließlich wurde auch eine Resolution im Sinne dieser Ausführungen angenommen, welche die Internierung und den fortlaufenden Abschub der eingewanderten Ostjuden, Grenzsperre gegen jede weitere Zuwanderung und Beschlagnahme ihres hier erworbenen Vermögens verlangt. Bezüglich der hier heimatberechtigten Juden werden die bekannten Forderungen bezüglich der Zulassung an den Mittel- und Hochschulen, ferner die. Ausschaltung des „jüdischen Einflusses" aus der neuen Wehrmacht gefordert. Nach Annahme dieser Entschließung formierten sich die Teilnehmer an der Versammlung zu einem Demonstrati-onszug, der sich über die Ringstraße bewegte. Kurz vor Schluß der Versammlung war es zu -einem Zwischen^ fall gekommen, als ungefähr 300 Zionisten, die sich vor dem Burgtheater angesammelt hatten, eine Gegendemonstration veranstalten wollten, indem sie das Lied der Internationale anstimmten. Die antisemitischen Versammlungst-eilnehmer nahmen gegen die Demonstranten Stellung und es kam zu einem kurzen Handgemenge, in dessen Verlauf von den Stöcken Gebrauch gemacht wurde. Die Sicherheitswache bereitete schließlich dieser Szene ein Ende, indem sie die Raufenden voneinander trennte und die Zionisten gegen die Teinfaltstraße zu abdrängte. Kurz darauf setzte sich der Zug der Versammtuug steituet)mer vom Rathäusplatze in Bewegung. Ordner bildeten die Spitze und rangierten den Zug, der seinen Weg beim Parlament vorbei über den Ring nahm. Während des Marsches wurden demonstrative Rufe gegen die Ostjuden laut und vielfach wurden Passanten, die man für Juden hielt, angegriffen und teilweise auch mißhandelt, welchem Vorgehen die Mache Einbalt zu tun bestrebt war. Die Gäste der aus der Ringstraße befindlichen Kaffeehäuser verließen in panikartiger Flucht die Lokale, worauf die Vorhänge bei den Fenstern zugezogen und die Kaffeehäuser selbst geschlossen wurden. Trotzdem wurden bei einzelnen dieser Kaffeehäuser durch Steinwürse Fenster zertrümmert. Vor dem Hotel Imperial kam es zu einer Kundgebung gegen Hotelgäste und einige fremdländische Offiziere, die mit diesen Hotelgästen auf der Straße standen. Auch hier schritt Sicherheitswache ein. Die Hotelgäste wurden ersucht, sich in das Hotel zurückzuziehen. Der Verabredung zufolge sollte auf dem Schwarzenbergplatze nach einer nochmaligen Ansprache die Auflösung des Zuges erfolgen und bezirksweise der Rückmarsch angetreten werden. Obwohl Abgeordneter Dr. R i e h l seine Gesinnungsgenossen anffor'derte, ruhig auseinanderzugehen und keinen Versuch zu einem Zug in die (von Juden bewohnte) Leopoldstadt zu unternehmen, zogen etwa 3000 Demonstranten über den Ring weiter und versuchten an verschiedenen Stellen in das Innere der Stadt einzudringen. Sicherheitswache verhinderte dies. Einmal mußte dabei die Wache den Säbel ziehen, ohne daß aber von der Waffe Gebrauch gemacht worden wäre. Als ein Teil der Demonstranten in den Stadtpark einzudringen versuchte, entstand eine Panik unter den im Kursalon anwesenden Gästen sowie unter den zahlreichen Frauen und Kindern, die sich im Stadtparke aufhielten. Auch hier konnte die Wache Ausschreitungen verhindern, wie sie ctud) wiederholt das Eindringen der Demonstranten in Kasfe-ehäuser hintanhalten konnte. Im ganzen wurden acht Arretierungen vorgenommen, und zwar wegen Nichtfolgeleistung und. wegen Steinwürfen gegen Fensterscheiben.. m

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