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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-25 · Heft 26 (25.6.1920) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 26 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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290 das ist alles. Im übrigen macht sich jeder seine eigene Politik, und von einer einheitlichen Richtlinie, von einer tieferen Ansfassung der jüdischen Zukunstssragen ist hier -nicht viel zu merken. Das war in normalen Zeiten vielleicht noch erträglich, heute aber, wo die vitalsten Interessen der deutschen Judenheit bedroht sind, kann diese Politik der Zerfahrenheit, dieser auf die Spitze getriebene Individualismus zu den verhängnisvollsten Konsequenzen führen. Unsere rechtsgesinnten Juden vergessen auch, daß die Volksseele, wenn sie erst durch antisemitische Hetze aufgewühlt ist, nicht sobald zur Ruhe gelangen wird und daß der Zunder des Judenhasses, der leichtfertig in die Massen geworfen wird, eine unheilvolle Flamme erzeugen muß, die nicht mehr durch beschwichtigende Redensarten gelöscht werden kann. Es ist leichter, Haß zu erzeugen, als ihn zu bannen, und eS ist sehr fraglich, ob die Massen den Führern bei den Bremsversuchen gehorchen werden. Es mangelt diesen Elementen nicht nur an großen Gesichtspunkten und an idealem Sinn, sondern auch an Einsicht und Klugheit. Tenn das Interesse des einzelnen Juden wie das der jüdischen Gesamtheit beruht auf Aussöhnung der scharfen Gegensätze, aus gerechtem sozialen Ausgleich, also auf einer gesunden Entwicklung, die nicht immer wieder durch Reaktionen und revolutionäre Gegenstöße unterbrochen wird. Neigen also die Juden nach dem rechten Ertrem und stärken sie die Macht einer maßlosen chauvinistischen und antisozialen Richtung, dann fördern sie damit die Vevbitterung und die Verschärfung des Gegenextrems und sie bahnen den Weg zum größten Volksunglück, zum Bürgerkriege. Und daß bei einer solchen Katastrophe die Inden die ersten Opfer sein werden, das lehren sehr deutlich die jüngsten Erfahrungen in der Ukraine, in Ungarn und leider auch in Bahern. Aber ebenso traurig und verfehlt ist es, wenn die Juden beim linken Extrem in den ersten Reihen kämpfen. Wir treiben hier grundsätzlich keine Parteipolitik, und wir finden es begreiflich, daß es innerhalb einer lediglich religiös-ethischen Gemeinschaft, wie die Judenheit in Deutschland sie darstellt, ohne gemeinsame politische und wirtschaftliche Interessen, die Anhänger aller Parteien vertreten sein können. Wie es konservativ gestimmte Juden gibt, so kann cs auch radikalsozialistisch gerichtete Juden geben. Daß aber Juden in dieser Strömung prononzierte Stellungen einnehmen und Führer sollen spielen, wird man nicht als Glück für das Judentum ansehen dürfen. Solche Juden, die nicht mehr jüdisch empfinden, gehen uns nichts an, sie sind auch jüdischen Erwägungen nicht zugänglich. An das jüdische Gewissen solcher Juden aber, denen das Schicksal ihrer Gesamtheit nicht gleichgültig ist, möchten wir appellieren, wenn wir ihnen raten, sich im Interesse der jüdischen Gemeinschaft eine gewisse Reserve aufzuerlegen. Nicht ein Opfer der Gesinnung, sondern eine Zurückhaltung darf von ihnen gefordert werden. Wenn sie auf manche äußere Umstände Rücksicht nehmen, so darf man wohl-verlangen, daß sie auch auf das Judentum, dem sie geistig und sittlich so viel verdanken, Rücksicht nehmen. Wenigstens sollten Poale-Zionisten und religiöse Juden sich nicht dazu hergeben, öffentliche Rollen und Aemter in den linksextremen Parteien zu übernehmen. Ein Putsch von links ist heute ebenso möglich wie einer von rechts, und was darauf folgt, das sind Judenhetzen und Pogrome. Das haben die Ereignisse der letzten Monate zur Genüge gelehrt. Die Tausende jüdischer Toten in der Ukraine und in Ungarn sprechen zu uns eine furchtbare Sprache. Das Blut unserer Brüder ist zu schade, um es für eine hoffnungslose Sache fließen zu lassen. Das jüdische Temperament bedarf einer besonderen Zügelung, nicht durch philiströse kleinliche Bedenken, sondern durch Rücksicht aus Leben und Zukunft der jüdischen Gemeinschaft. Wir wissen es wohl, es gibt kein probates Mittel gegen die Ausbrüche der Volksleidenschaft, und den Antisemiten werden wir es nie recht machen. Aber das ist kein Grund, noch mehr Zündstoff zu häufen und Oel ins Feuer zu gießen. Die Verantwortung des jüdischen Politikers ist besonders groß, weil er nicht nur Vertreter der Politik seiner Partei, sondern auch Träger der jüdischen Ehre ist. Dessen sollte er sich stets bewußt fein. Und wiederum führen uns diese Lehren zum Quell alles Nebels, zum Mangel einer gesunden Aufklärung auf politischem und sozialem Gebiete. Wie viele im deutschen Volke über Ziel und Richtung -einer gesunden inneren und äußeren Politik schlecht unterrichtet sind, so wandeln auch viele Juden im Dunkeln und finden den Weg nicht, der zu einer natürlichen Zukunft führen könnte. Wir bedürfen der großen Wegweiser, wir bedürfen der großen einheitlichen Ziele. Dir Woche Berlin, 21. Juni. er gestrige Sonntag war ein großer Wahltag! Neben den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung und zu den neuen Bezirksversammlungen der Einheitsgemeinde Berlin fanden auch die Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde statt, die ebenso wie jene ruhig verliefen unddas gleiche Bild auch vor den Wahllokalen -zeigten: Zettelverteiler, Schlepper und sogenannte Vertrauensmänner, oder richtiger, Vertrauensknaben und -Mädchen, zum Teil in noch schulpflichtigem Alter, die sich bereitwilligst in den Dienst der „guten Sache" stellten, die »säumigen Wähler herbeischleppten und so manchen noch im letzten Moment für die Kandidaten „ihrer Partei" zu gewinnen suchten. Mit besonderem Eifer wurde in manchen Stadtteilen für die Liste Dr. Oscar Cohn geworben; auch die Rufe: „Nieder mit der jüdischen Bourgeoisie, nieder mit dem jüdischen Kapitalismus" fehlten Hierbei nicht. Doch die Berliner einheimische n jüdischen Wähler, darunter auch viele Handwerker, ließen sich nicht irreführen; sie betätigten sich an den Wahlen nach ihrer eigenen Ueberzeugung. Hier das Wahlergebnis: Liberale und Konservative zusammen 8600, Jüdische Volkspartei 4621, Unparteiische 260, Sozialistische Gruppe 940 Stimmen. Es entfallen demnach von den zwölf zu wählenden Repräsentanten 8 auf die Liberal-konservative Gruppe (Dr. M. Ginsberg), 4 auf die Jüdische Volkspartei (Dr. A. Klee). Von den sieben zu wählenden Stellvertretern entfallen 2 auf die Jüdische Volkspartei, 4 auf die Liberalkonservative Gruppe, 1 aus die Sozialistische Gruppe. * Der Vorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens übersendet uns folgende Erklärung: Die politischen Vereinbarungen in San Nemo über Palästina haben an der Stellring der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden im und zum deutschen Vaterlande nichts geändert. Sie fühlen sich staatsbürgerlich, kulturell und national wie bisher -als Glieder des deutschen Volte s. Diese Tatsache hindert uns nicht, aus Juden- und Menschenpflicht an allen Bestrebungen mitzuarbeiten, die darauf abzielen, normale, menschenwürdige Daseinsbedingungen allerorten und insbesondere in Palästina füralle diejenigen Glaubensgenossen zu schaffen, die in ihren gegenwärtigen Verhältnissen nicht leben können. * Aus Karlsruhe wird mns geschrieben: Die badische israelitische Landessynode, die als repräsentatives Organ der Gesamtheit der badischen Israeliten nach der Trennung von Staat und Kirche noch das einzige zu Recht bestehende Organ der Landessynagoge darstellte, vollzog in ihrer Tagung vom 31. Mai

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