Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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84. Jabrgsng. Nr. 25 Berlin, 18. Juni 1920 Der Gemetndevore. Vetlage zur „Allgemetnen Leitung deK Judentums. Korrespondenten und Machnchten, Srutschlsnd. L. R. Berlin, 13. Juni. Die RePr üsen ta n tenVersammlung, trat heute zu einer Sitzung zusammen, die kaum eine Stunde dauerte. Der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Minden, erklärte, er habe bei Ansetzung der heutigen Sitzung geglaubt, daß sie die letzte vor den am 20. Juni stattfindenden Repräsentantenwahlen sein werde. Null feien aber im letzten Moment noch zwei wichtige Vorlagen eingegangen: der Etat für 1920/21 uild die B e a mtenbesold u n g s o r d n u n g. Er habe darum, da der Gemeindevorstand großes Gewicht daraus lege, diese beiden Vorlagen noch vor den Wahlen verabschieden zu lassen, eine weitere Vollsitzung auf nächsten Mittwoch angesetzt. Heute auf 11 Uhr sei der Etatsausschuß zur Vorberatung dieser Vorlagen einberufen. Er bitte die Kollegen, zu beiden Sitzungen pünktlich zu erscheinen, um nach Möglichkeit noch beide Vorlagen durchzuführen, damit man uns nicht den Vorwurf machen könne, wir hätten die Arbeiten nicht fertiggemacht. An Vorwürfen würde es auch, wenn dies gelingt, nicht fehlen, aber das müßte man über sich ergehen zu lassen. — Herr Emil Pincus bedauerte die späte Zuschickung der Vorlagen. Es sei ihm nicht möglich, in so kurzer Zeit in eine so schwierige Materie einzudringen. Herr Benas Levh erklärt, daß der Etat beraten werden müsse, um die Gemeinde nicht in Verlegenheit zu bringen; er appelliert an die bewährte Arbeitsfreudigkeit der Versammlung, die auch diesmal nicht versagen werde. Herr Geheimrat Minden beantragt, die gemischte Deputation, welche über die Gesamtorganisation der deutschen Juden zu beraten hat, zu ermächtigen, sich durch Zuwahl von Gemeindemitgliedern zu verstärken. Von feiten des Vorstandes werden die Herren Netter, Feilchenfeld und Magnus gewählt. — Die Wahl eines Aeltestenstellvertreters wird vertagt. — In die Durchreisendenkommission werden die Herren Subdirektor Moritz Rosolio, Mix Sachs und Max Richwalski, in die Festgottesdienstkommission die Herren Felix Goldschmidt, S. Rochelsohn und Theodor Herzog gewählt. — Herr Theodor Schlesinger hat 2140 Mark für Grabeserhaltungen zugewendet. — Herr Benas Levh referiert über den Rechnungsabschluß der Hauptverwaltung 1918/19. Der Abschluß zeigt, wie sich die Verhältnisse geändert haben. Die Zahl der Zensiten ist nicht gewachsen. Der Bericht enthält 150 geschriebene Seiten, 15 MiÄionen Mark in Einnahme und Ausgabe abschließend. Nachzubewilligen sind- 410 554,02 Mark. Herr Geh.eimrat Minden spricht Herrn Benas, Levh herzlichsten Dank für die treue Arbeit, die er geleistet, aus. Herr Benas Levh rühmt den Fleiß des Herrn Gemeindevorstehers B a d t und des Herrn Bureauvorsteherns G o l d st e i n. — Herr Emil Cohn referiert über die Ständevermietung m den Synagogen und Betsälen für das . Jahr 1919/20 mit dem Bemerken, daß die wenigsten Ausfälle in den Orgelsynagogen waren. Auch ihm, Herrn Cohn, dankt der Vorsitzende. — Herr Geheimrat Holz erklärt, daß nach genauer Prüfung die finanziellen Verhältnisse der Akademie für die Wissenschaft des Judentums befriedigend seien, und bittet, ihr auch für 1920 eine Subvention von 20 000 Mark zu bewilligen. Die Versammlung beschließt dementsprechend. Ebenso werden der Jüdischen Religionsgemeinde Charlottenburg für die fälligen Gehaltszahlungen und Hypothekenzinsen für das zweite Quartal 1920 3000 Mark, dein Hilfsverein für, jüdische Taubstumme 500 Mark und dem Israelitischen Lehrerinnenheim 300 Mark bewilligt, — Die Etatskommission besteht aus den Herren Emil Cohn, Gewerberat P l o t t ke, Emil P i nc u s und Benas L e v h. — Herr Professor Türk beantragt, daß mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse die neugewählten Repräsentanten nach Genehmigung des Polizeipräsidiums sofort eingeführt werden, womit die Versammlung einverstanden ist. Die öffentliche Sitzung wird sodann geschlossen. 22. Berlin, 15. Juni. Von dem Gedanken ausgehend, daß nichts dem Gesamtjudentum mehr schadet als die Uneinigkeit und das sehr häufig über das notwendige Maß hinausgehende Befehden der Parteien, hat sich kurz vor den Repräsentantenwahlen zur Jüdischen Gemeinde Berlin eine Unparteiische Vereinigung für die Interessen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gebildet, die die verschiedensten Richtungen im Judentum in sich; vereinigt. In einer in Berlin-Friedenau am Montag, den 7. Juni, stattgehabten Wählerversammlung, die von Liberalen, Orthodoxen und Zionisten gut besucht war, sprach der Kandidat der Unparteiischen Vereinigung, das langjährige Mitglied der Repräsentantenversammlung und Vorsitzende des D. I. G. B. Herr Professor Dr. Kali scher, über die bevorstehenden Repräsentantenwahlen. Nach kurzen Begrüßungslvorten des Vorsitzenden Herrn S. G o t tsch a lk (Steglitz), in welchen er auf die Bedeutung der diesmaligen Wahlen zum Repräsentantenversammlung hinwies, die wie keine andere zuvor von. Bedeutung sei, weil sie nach einem neuen Wahlsystem erfolge, das auch einer Minderheit eine angemessene Vertretung sichert, führte Herr Professor Dr. Kalischer aus: Wenn wir von einem Wahlkampf sprechen, so soll dieser Kampf ein solcher sein, wo es weder Sieger noch Besiegte gibt. Alle sollen beseelt sein von dem Verlangen der gegenseitigen Verständigung. durchdrungen von der Ueberzeugung, was uns eint, als was uns trennt. Wir müssen uns als einen Organismus fühlen, der nur gesund sein kann, wenn alle Teile gesund sind. Zu den einzelnen Punkten des Programms übergehend, bemerkte der Redner, daß die Forderung nach Einrichtung ständiger Gottesdienste auch in den Außenbezirken erfüllt werden müsse. Er verhehle sich nicht die großen finanziellen Schwierigkeiten des Bauens von Synagogen, aber sie müssen ausreichen, um die Bedürfnisse auch der Außenbezirke zn befriedigen. Nicht Prunksynagogen, sondern einfache und schlichte Bauten sollen es sein. Eine selbstverständliche Forderung ist die Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichts in den öffentlichen Schulen mit dem christlichen. Von der Anstellung von Bezirksrabbinern, jeder Synagoge bestimmte Rabbiner zuzuweisen, erhofft der Vortragende, daß die Rabbiner dadurch mit den Mitgliedern der Gemeinde in innigere Fühlung treten und das leisten, was man im allgemeinen unter Seelsorge versteht. „Die Förderung der Wissenschaft des Judentums," sagte Herr Professor Kalischer, „ist eine Forderung, die von allen gestellt werden wird. Von einer 'so großen Gemeinde wie Berlin kann nicht genug für die Wissenschaft des Judentums getan werden. Aber nicht in dem Sinne ist diese Förderung aufzusassen, daß Werke von Gelehrten unterstützt, sondern darin, daß der Jugend Gelegenheit gegeben wird, die Kenntnisse, die die sich in der Religwnssckmle erworben hat, zu erweitern und zu vertiefen. Der Plan der Errichtung einer zweiten Bibliothek und Lesehalle, der tu den Kriegsjahren zurückgestellt wurde, ist wieder aufzunehmen und mit Beschleunigung zur Ausführung zu bringen." Lebhaft setzte sich der Redner für die Aufhebung des sogenannten Judengesetzes von 1847 ein, das schon längst durchlöchert sei und beseitigt werden müsse. Auch beschränkt dieses Gesetz das Wahlrecht auf die Männer: cs schließt die Frauen aus. Das paßt nicht für unsere Zeit. Die Hinzuziehung der Frau ist ein Verlangen, das durch die außerordentlichen Leistungen, die sie überall ausgeübt haben, wo man sie hingestellt hat, durchaus berechtigt sind. Von der lebendigen Tätigkeit der Frau erhofft der Referent nicht nur eine Verinnerlichung der Verwaltung, sondern auch eine religiöse Erneuerung des jüdischen Hauses. Als Religionsgemeinde haben wir die Ausgabe, überall soziale Fürsorge zn treiben, denn sozialethische Arbeit ist ein Gebot der jüdischen Religion. Mit großer Wärme trat Herr Professor Kalischer für die großen jüdischen Probleme ein. Unter den vielen, die es gibt, hebt er das Ostjudenproblem und die Gesamtorgamsanou der deutschen Juden hervor. Die Lockerung von innen, die in erschreckendem Maße den Austritt aus dem Judentum zeigt, verlangt gebieterisch den Zusammenschluß aller deutschen Juden. Dieser Zusammenschluß der deutschen Juden ist geradezu akut geworden, denn das Judentum ist in Parteien zerklüftet. Es ist dies kein. Unglück, solange in dem Judentum das Bewußtsein lebt, daß es trotz alledem eine Einheit ist. Diesem Einheitsgedanken eine feste, greifbare Gestalt zu geben, war immer lebendig. Lebhafter Beifall folgte den klaren, mit großer Sachkenntnis vorgetragenen Ausführungen. In. der nun folgenden Diskussion zeigte sich volle Ueberemstimmung mit den Zielen der Unparteiischen Vereinigung, die jede Parteipolitik