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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-18 · Heft 25 (18.6.1920) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 25 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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28? „Also ein Ehawwer!-) Schalom Mechern!" klang es durcheinander, und alle Hände streckten sich dem Genossen entgegen. „Was lernt ihr jetzt?" .fragte der Zugereiste. „Gemore, Schulchan Aruch und noch andere Dinge." antwortete der Aelteste. „Und ich," sagte Jechiel, „ich lerne Kabbala." Doch Plötzlich durchflog ein heftiges Zittern seinen Körper und seine Gesichtszüge wurden aschfahl. „Ich Unglücksmensch." stöhnte er, „ich Hab' mein Bündel verloren, mein Bündel ist weg!" „Da ist es," beruhigte ihn einer der jungen Leute, „es liegt ja hier auf'm Fußboden." Dabei schob er das Vermißte mit dem Fuß an seinen Eigentümer heran. „Berühr' das Bündel nicht mit deinem Fuß!" ries Jechiel ängstlich, hob dasselbe behend auf und drückte die Lippen darauf. „Du hast wohl S'forim°) drin?" „Ja und auch Tephillin, drei Paar, je eines nach der Vorschrift Raschis, des Rabbenu Tam und des Schamscha rabba. Auch den Sohar," fuhr Jechiel fort, während seine Hörer ihn verwundert anblickten, „und noch andere, heilige Bücher habe ich in meinem Bündel." „Da bist du wohl eingroßer Kabbalist?" „Das weiß ich nicht", gab Jechiel bescheiden stolz zurück. „Mein Vater, der als Baal Mekubboll) in der ganzen Welt bekannt ist, hat mir die Pforten dieser heiligen Wissenschaft erschlossen und erlaubt, in dem schattigen Garten der Kabbala zu lustwandeln." „Nachdem du dich vorher reichlich mit talmndischer Kost gesättigt hattest?" „Wohl habe ich mich mit dem Talmud befaßt, aber nicht zu viel. Die Frömmigkeit meines Vaters — sein S'chusH steh' uns allen bei — ist mir das Licht, bei dessen Glanz die Wege der Kabbala mir klar erscheinen." „Wie die Woge des Himmels," unterbrach ihm lächelnd einer der Talmudjünger. „Du sollst uns ein lieber Kamerad sein. Wir werden uns nach wie vor in den Talmud vertiefen, und wenn du an der Kabbala Wohlgefallen findest, so ist das deine Sache. „Es wandele ein jeder von uns," wie's in der Bibel heißt, „im Namen seines Gottes" und werde nach seinem Sinne glücklich. Wozu der unnütze Streit? . . . Nun aber ist es Zeit, daß wir näher miteinander bekannt werden, und damit du mich nicht für einen zu großen Onow°) hältst, fange ich bei mir an: Mein Name ist Israel Sched." Jechiel fuhr entsetzt auf. „Ist dir wieder dein Bündel abhanden gekommen?" spottete der Redende. „Nein, aber wie nanntest du dich?" „Israel Sched. Doch bange dich nicht! Ich bin kein Sched, wie ihr Kabbalisten ihn fürchtet; ich halte mich nicht des Nachts unter irgendeiner Brücke auf, um die Vorübergehenden zu erschrecken oder die Wanderer in die Irre zu führen. Bewahre! Ich bin ein Staubgeborener wie du, heiße auch gar nicht so. Meine Freunde nur haben mich mit diesem Namen beehrt, weil meine Zunge so scharf ist wie mein Taschenmesser, mit dem ich die Ständer und Tische des Beth Hamidrasch bekritzele, um die geehrten BaalbattinU) ein bißchen zu ärgern." Jechiel stand verwirrt da, mit offenem Munde und aufgerissenen Augen. Man merkte es ihm an, daß er von dem Gehörten wenig verstanden hatte. h Kamerad, h Heilige Bücher. ') Kabbalist. °) Verdienst, h Allzubescheiden. ') Hausväter. Indessen fuhr der „Sched", ohne sich um die Verwirrung des neuen Genossen zu kümmern, fort: „Der junge Mann, der dir zur Rechten steht, heißt Chajim Sänger. Doch glaube nicht, daß er ein gewöhnlicher Sänger im Chor unseres Chasans ist; nein/ er ist ein Dichter, ein Dichter von Gottes Gnaden. Er ist vollgepfropft mit Versen; hoffentlich wird es auch dir vergönnt sein, die hinkenden Verse zu hören, die er zu Ehren der schönen Schammes-Tochter, deren hübsches Gesicht auch dich bezaubern wird, und zum Preise der Kräppchen, die sie uns feilbietet, gesungen. Die KräPPchen schmecken wie „Kuchen aus Honig" und riechen „wie der Geruch des Feldes, das der Herr gesegnet". Es wird ja auch dir vergönnt sein, diese Himmelsspeise zu kosten, und du wirst dich überzeugen, daß der ihnen entströmende Duft zu den sechzig paradiesischen Hochgenüssen gezählt zu werden verdient. Aber was soll ich dir vorher die Glückseligkeit des Genusses noch weiter schildern; es trennen uns ja nur noch Augenblicke, und du wirft staunen!" Jechiel riß seinen Mund noch weiter auf, was die jungen Leute mit lustigem Lachen wahrnahmen. „Dieser hier," setzte der „Sched" die Vorstellung fort, „dir zur Linken — schau' dir ihn ja gut an! — ist ein Altertumsforscher und heißt Rüben. Ich will dir erklären, was man unter Altertumsforscher versteht; denn aus deinen klugen Augen blickt mich eine einfältige Seele an, die nicht weiß, was das Wort bedeutet. Du hast doch gewiß in deiner Heimat die Schilder über den Kaufmannsläden gesehen. Manche von diesen sind neu, andere alt und verwittert. Die letzteren sind für den Altertumsforscher kostbare Schätze; je älter, je verwitterter ihre Schrift ist, desto höher stehen sie bei unserem Rüben in Ansehen. Wenn er zum Beispiel irgendwo einen alten, verfaulten Stiefel findet, untersucht er ihn sofort, ob er nicht von einem Gibeoniten herrührt, der ihn zur Zeit Jofuas getragen hatte, damals, als er und seine Sippe die Israeliten überlisteten. Rüben schätzt und verehrt jedes Buch; ein vergilbter, sehlervoller Kalender ist ihm aber lieber als ein neues wissenschaftliches Werk. Man sieht's ihm gar nicht an, wie viele solcher alten Scharteken er schon gesehen hat. Gegenwärtig ist er mit der Herausgabe eines neuen Werkes beschäftigt: „Die Ringellocken Abimelechs und die Larve Delilas". Das Titelblatt und eine Hälfte der Vorrede sind bereits druckfertig. Indes, aller Anfang, ist schwer, zumal >venu man durch die Tochter des Schammes gestört wird, j die mehr Licht über die Finsternis des Beth Hamidrasch ausbreitet als alle alten Grabinschriften über das Dunkel der Weltgeschichte . . . Und nun schau' dir das anmutige Pflänzchen dort drüben in der Ecke an! Es ist der zukünftige Maler Nathan. Er hat die Gewohnheit, im Sommer aus dem Rücken zu liegen und den blauen Himmel zu bewundern, im Winter die Stirn an den Fensterscheiben zu kühlen und dabei ungestört mit seinen Blicken die Bewegungen der schweren Wolken und das Licht der kaum sichtbaren Sterne zu verfolgen. Unser Maler ist weder im Besitz eines Ateliers noch der für seinen Beruf erforderlichen Utensilien und Farben. Allein er ist anspruchslos und begnügt sich mit einer Holzkohle, mit der er auf der Decke und an den Wänden des Beth Hamidrasch in zierlichen Buchstaben die verschiedensten Sprüche malt. Sieh dir dort über dem Vorbeterpult den Misrach an und bewundere die Löwen, Tiger und Schlangen, deren Schweife allerdings ein bißchen lang geraten sind. Ist das nicht ein Meisterwerk? Ja, unser Nathan ist ein Künstler. Solltest du Zweifel hegen, ob die Löwen, Tiger und Schlangen wirklich solche und nicht etwa Pferde, Esel oder andere Haustiere sind, so lies nur den unter jedem Tier angebrachten Namen, und jeder Zweifel ist! beseitigt." (FoEtzuna folgt.)

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