Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Das zweite Lessingsche Werk in hebräischer Sprache ist der „PHUotas"; er ist von J/FaWowÄsch übersetzt uni* führt den Titel „Abinodabh" (Odessa 1878). Diesem Werke folgte ein Jugendwerk Lessings, das Lustspiel „Die Juden", von dem zuerst eine hebräische Uebersetzung unter dem Titel „Hajehudim" von Jakob Simon Kohn erschienen ist (Warschau 1878); eine zweite Uebertragung dieses Lustspiels gab Hirsch Eleasar Teller (Wien. 1881) heraus. Ein Jahr später erschien „Chonen w'nothen" („Der Freigeist") von David Kohn. Auch das Trauerspiel „Miß Sarah Sampfon" wurde zweimal ins Hebräische übertragen; die bekanntere Uebersetzung ist „Sarah bath Schimschon" von Israel Fränkel (Warschau 1885). Lessings Fabelü sind ziemlich spät in einer hebräischen Ausgabe erschienen. Im Jahre 1902 hat Moses Reicherson. in New Pork eine kleine Schrift „Lessing w'sippurow" (Lessing und seine Fabeln) herausgegeben. (Schlug fielst.) CM. Der Sonnenstich. Von L. I. Peretz. Aus dein Hebräischen frei übertragen von Albert Jliti). I. us allen Himmelsrichtungen kündigten heftige Stürme das Herannahen des Winters an. Trübselig graue Wolken bedeckten das Himmelsgewölbe, Schnee und Regen fielen abwechselnd auf die Erde hernieder und nur mühsam durchbrach die Sonne auf wenige Minuten das düstere Gewölk und vergoldete flüchtig mit ihren Strahlen die Dächer der Häuser . . . Ach, entfliehe nicht so schnell, herrliche Himmelskönigin! Erbarme dich der Abgebrannten und Schutzlosen! Schaue mitleidsvoll nieder auf die Armen und Dürftigen, die bangend und zagend dem Winter entgegensetzen! . . . Nun kommt vom Westen her eine neue Wolke sch'langenartig herangeschlichen, verbreitet sich zuerst langsam, dann rascher Und rascher über das Firmament und verhüllt das Tagesgestirn mit ihren düsteren Schleiern . . . Verzaget nicht, ihr Armen! Der Herbst wird schwinden, der Winter einem neu erblühenden Frühling weichen, dann werdet ihr jubelnd den Sieg der Sonne, den Triumpf des Lichtes begrüßen. Vorläufig allerdings vernehmet ihr nur das Toben des Sturmes, der heulend, Menschen und Tiere verscheuchend, durch die Straßen rast und wutentfesselt das finstere Gewölk in tausend Fetzen zerreißt, die nun in wilder Flucht die Matte Himmelsfläche durchjagen . . . Von diesem Kampf der Elemente war in dem rauchgeschwärzten Beth Hamidrasch nichts zu merken. Die dort in der heiligen Lade hinter dem schweren, braunsammetnen Vorhänge, auf welchem die Spinnen beim dunkeln Schein der „ewigen Lampe" emsig ihre Arbeit verrichteten, thronende Königin Thora ist sicher geborgen. Ein großes Heer von treuen Dienern bewacht schützend die greise, ewig-junge Majestät: alte und neue Werke, die, in Regalen wohl geordnet, die Wände des Lehrhauses schmücken. Hier stehen stiedlich nebeneinander die Gelehrten Jerusalems und die Weisen Babylons, die Schüler des Aristoteles, die Geistesgranden Spaniens und die Rabbiner Polens: Talmudisten, Philosophen, Rechtsgelehrte, Sprachlehrer und Kabbalisten. Nur einmal im Jahre, kurz vor dem Passahfeste, unterzieht der Schammes die Bücher einer gründlichen Reinigung und Musterung; die zerfetzten werden in eine speziell diesem Zweck dienende Kiste getan und durch neue ersetzt. In einem Winkel der Westwand ist eine kupferne Gießkanne und ein kupfernes Becken angebracht, Ueberreste ehemaliger Herrlichkeit, als die Bewohner des Ortes noch für die Ausschmückung des Lehrhauses größere Fürsorge an den Tag legten. Die einst vorhanden gewesenen silbernen und goldenen Geräte haben nach und nach Diebe sich angeeignet; die wertvollsten Bücher sind von dem Diener des Lehrhauses, der noch immer ein Gehalt von vier polnischen Gulden die Woche bezieht, verkauft worden, um für deren Erlös Brot für Weib und Kinder kaufen zu können. In einem anderen Winkel der Westwand, an der Südseite grenzend, glüht ein Riesenofen. Um dieses, wohlige Wärme verbreitende größte Jnventarstück des Raumes drängen sich einige Talmudjünger, rauchend und plaudernd, während andere aus der glühenden Asche die zum Rösten hineingelegten Kartoffeln hervorholen. Der Schnitt ihrer Kleidung, ein Gemisch von deutscher und polnischer Tracht, läßt sie älter erscheinen, als sie wirklich sind, diese blutjungen Leute zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, Kinder wohlhabender Bewohner des Ortes, die mit Liebe und Eifer dem Talmudstndium obliegen. In ihrer lauten Unterhaltung benehmen sie sich wie schwatzende Frauen: sie sprechen alle auf einmal und durcheinander, die Worte hastig überstürzend und mit dem ganzen Körper gestikulierend. Inhaltlich gleich verschieden, wie die Bücher in den Regalen, aus denen sie ihre Weisheit holen, ist auch das Gespräch dieser Bachurim: talmudische Zitate, metaphysisch-kabbalistische Theorien, pilpulistische Gedankenblitze, satirische Glossen über jüdische Zeitungen, das Schicksal der zehn Stämme, Politik und andere weltbewegende Fragen bilden, wie täglich, so auch heute den Gegenstand der lebhaften Diskussionen. Plötzlich verstummte der Lärm. Die Türe, wurde hastig geöffnet, aller Augen wenden sich derselben zu, und wie aus einem Munde ertönt es freudig erregt: „Des Schammes Tochter mit den Kräppchen!" Doch die Enttäuschung war groß. Die Person, die jetzt über die Schwelle des Beth Hamidrasch mehr hineingefallen als geschritten kam, war nicht die sehnlichst erwartete Schammes-Tochter mit den Kräppchen, sondern ein fahrender Talmudjünger, gleich jung wie die heimischen Studiengenosien, m einen schäbigen langen Kaftan gehüllt, aus welchem ein nicht viel kürzeres Arba Kanphos mit seinen bis zu den Füßen reichenden Schaufäden hervorlugte. Umsonst bemühte sich der Ankömmling, ein Wort hervorzubringen: er zitterte wie welkes Laub im Sturme vor Frost und Kälte. Das Bündel, das er auf den Schultern angeschnallt hatte, war zur Erde gefallen, während er wie angewurzelt dastand und in gierigen Zügen die aus dem Ofen ihm entgegenströmende Wärme einsog. Mitleid in den Mienen näherten sich die Bachurim dem Halberstarrten, trugen ihn in die Nähe des Ofens und ließen ihn sanft auf die daneben stehende Holzbank nieder. Anstatt des Dankes stieß der Ankömmling als das erste Wort, das er überhaupt sprach, hervor: „Ich habe entsetzlichen Hunger." Schnell holten einige Eifrigen die Kartoffeln aus der glühenden Asche, und ihre Gesichter glänzten vor Freude über das gute Werk, als sie diese Delikatesse dem Fremden reichten. Dieser verrichtete nun mit bebenden Lippen den Segensspruch und verzehrte dann mit hastiger Gier die Erdstucht. Nachdem er sich einigermaßen erwärmt und erholt hatte, stellte er sich den jungen Leuten vor: „Ich Heiße Jechiel, bin der einzige Sohn des Rabbi Moscheh aus Tomaschow und komme hierher, um in eurem Beth Hamidrasch zu lernen und Tage') zu essen." ') Freitisch.