Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Drutlchr Mslüker im hevrsilchen. Von S. Meiseis. on einer kleinen Gemeinde liebevoll gehegt und gepflegt, von >der großen literaturkundigen Welt so gut wie unbekannt, 'blüht im Garten der Weltliteratur ein schmächtiger Baum, der die verschiedensten, teils reisen, teils unreifen Früchte trägt: nämlich die moderne neuhebräische Literatur. Ihr Anfang datiert seit etwa hundertundsünfzig Jahren, wo sie in Deutschland von Moses Mendelssohn begründet wurde. Dieser deutsche Popularphilosoph scheint es Martin Luther abgeguckt zu haben; auch er knüpfte die ersten Fäden einer neuen Literaturepoche an die Bibel. Seine Schule machte unter den deutschen Juden Propaganda für das eifrige Studium der Bibel. Von Deutschland wunderte die neuhebräische Kultur nach dem Osten, wo die Mendelssohnsche Bibelübersetzung einen doppelten Zweck erfüllte. Die Juden des Ostens lernten aus ihr zwei Sprachen: Deutsch und Hebräisch. Diese Uebersetzung bildete bei den östlichen Juden jahrzehntelang die einzige „Sprachlehre" für die erwähnten Sprachen. Mendelssohn war es auch, der im Jahre 1750 die erste hebräische Zeitschrift „Kohelet mussar" (Der Moralprediger) herausgab. Ihm folgten seine Schüler mit der Zeitschrift „Ha-meaffef" (Der Sammler), die in Königsberg von 1783 bis 1811 erschien. Welche Bedeutung diese Zeitschrift für die Entwicklung des modernen Judentums und der neuhebräischen Literatur hatte, geht schon daraus hervor, daß diese Mendelssohnsche Zeit in der jüdischen Geschichte die Epoche der Ha-meaßsim genannt wird. Ebenso ist den Mitarbeitern dieser Zeitschrift der vielsagende Titel „Baale ha-meaßsim" (Männer der meaßfim) — eine Art hebräischer Enzyklopädisten —. beigelegt worden. Der Anfang dieser Literaturepoche war vielvevheihend. Einige urwüchsige Talente, wie Wessely, Satanow, Euchel u. a., eröffneten den Reigen. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erlebte sie einen neuen Aufschwung, wobei sie allerdings mehr nachahmend, nachbildend, nachdichtend als selbstschöpferisch auftrat. Die neuhebräische Literatur von den fünfziger bis zu den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war zum größten Teil Uebersetzungsliteratur. Da die damaligen hebräischen Schriftsteller wohl große Hebraisten, aber kleine Talente waren, so mußten sie notgedrungen ihre Tätigkeit aus die Uebersetzung aus anderen Sprachen beschränken. Das Uebersetzen ins Hebräische ist eine Kunst, zumal wenn man sich, wie es zu jenen Zeiten gang und gäbe war, an den rein biblischen Stil hält. Es ist nicht leicht, in die zwar poesiereiche, aber wortarme Sprache der Bibel ein Shakespearesches Drama zu übersetzen. Die hebräischen Schriftsteller bekamen es fertig, und darin bestand auch ihre Virtuosität. Zunächst wurden diejenigen Werke aus der Weltliteratur übertragen, die mit dem Judentum in irgendwelcher Beziehung stehen: so Racines „Athalia", „Esther", Leffings „Nathan", „Die Juden", Byrons „Hebräische Gesänge" und ähnliches. Später wurden auch die „nichtjüdischen" Werke in das heilige Gewand der hebräischen Sprache gehüllt. * . Hs gibt in der deutschen Literatur keinen zweiten Namen, der den hebräischen Schriftstellern so teuer gewesen wäre wie der Name Gotthold Ephraim Lesfing.. Bei:dem Klange dieses weichen, helltönenden Namens war eS ihnen, als tauchte urplötzlich aus einem stark bewölkten Himmel ein wärmend strahlender Stern hervor, der Wolkenmassen zerteilt und Nebelschleier zerreißt, auf daß das Licht sich sieghaft die Welt erobere. Lessing war für sie das Signum, des Kampfes gegen Unkultur..und, Barbarei, gegen Unduldsamkeit und Vorurteile jeglicher Art. Bei den hebräischen Schriftstellern hat Leffing eine Wertung erfahren wie sonst nirgends in der literarischen Welt. Die bedeutendsten und kraftvollsten Schöpfungen feines Geistes wubden von ihnen völlig verkannt, dagegen haben sie das, was Leffing selbst als die schwächsten Seiten seines Könnens bezeichnete, himmelhoch erhoben. Leffing war ihnen nur Dichter, Dramatiker, und zwar einer von unschätzbarem Wert. Leffings theoretische Untersuchungen über die Grenzen der Malerei und Poesie waren ihnen gleichgültig, feine mit schneidiger Schärfe geführte Polemik gegen Johann Melchior Göze ließ sie vollständig kalt mtb alle seine kritischen, philosophischen und ästhetischen Abhandlungen, kurz, das ganze Inventar von Leffings unsterblicher Meisterschaft fand bei ihnen nur wenig Beachtung. Dafür bewunderten sie in seinen Dramen die Feinheiten der Sprache, die Köstlichkeitendes Stils, das Duplizieren des Satzes durch Umstellungen und Wendungen, mit einem Worte: den „Dreh", wie sie diese Schreibweise ebenso schön wie treffend bezeichneten. Der Stil Leffings mit allen seinen Sübtilitäten, kritisch scharf zugespitzten Wendungen und philosophischen Spitzfindigkeiten wurde von den hebräischen Schriftstellern als eine Art „Kunstschöpfung nur für feine Köpfe" angesehen. Und da die damaligen hebräischen Schriftsteller sich allesamt für seine Köpfe hielten, wetteiferten sie miteinander, ihre Meisterschaft im Uebersetzen gerade an den sprachkünstlerisch hervorragenden Dichtungen LeffingS zu beweisen. Diesem Umstande mag es wohl zuzuschreiben sein, daß kein zweiter deutscher Dichter und Schriftsteller so häufig ins Hebräische übersetzt worden ist wie Lessing. Die erwähnte häufige Uebertragung Lessingscher Dichtungen bezieht sich aber nicht auf die Zahl der Werke, sondern ans die Zahl der Uebersetzungen. Das will sagen: Lessing wurde ins Hebräische nicht viel, aber oft übersetzt. Es ist als eine in der neuhebräischen Literatur seltene Erscheinung zu bezeichnen, daß von einigen dramatischen Werken Leffings je zwei hebräische Uebersetzungen vorhanden sind. (Wenn ich nicht irre, sind in der gesamten, ziemlich umfangreichen nellhebräischen Uebersetzungsliteratur anßer einigen Schillerschen Gedichten nur noch von Mendelssohn „Jerusalem" und von Ludwig August Frankls Dichtung „Der Primator" je zwei Uebersetzungen vorhanden.) Das erste Werk Leffings, das in einer hebräischen Uebersetzung erschien, war was sich geradezu von selbst versteht — die dramatische Dichtung „Nathan der Weise". Diese hebräische Uebersetzung ist unter dem Titel „Nathan he-chacham" (Wie:: 1866) erschienen. Der Uebersetzer, Simon Bacher, der das Amt eines Sekretärs der Israelitischen Kultusgemeinde in Budapest bekleidete und nur-im Nebenamte sich als hebräischer Dichter betätigte, war ein zu damaliger Zeit anerkannter Meister der hebräischen Sprache. Er hat eine große Anzahl von Uebersetzungen aus dem Deutschen und!dem Ungarischen veröffentlicht. Sein „Nathan he-chacham" hatte jedoch nicht den erwarteten Erfolg, und der sonst reiselustige Nathan vermochte im hebräischen Gewände nicht den Weg von der ungarischen Residenz in das ferne Getto zu finden. Erst dem hebräischen Schriftsteller Abraham Ber Gottlober blieb es Vorbehalten, dem Nathan in der neuhebräischen Literatur einen Ehrenplatz zu verschaffen. Gottlobers Uebersetzung des „Nathan" (erschienen in Wien 1874), die sich durch eine herrliche, rein biblische Sprache auszeichnet und dem Originale sehr nahe kommt, fand bei den Kennern und Freunden der hebräischen Sprache und Literatur die weiteste Verbreitung. Sehr interessant ist namentlich die Einleitung, die Gottlober seiner Uebersetzung vorausgeschickt hat; sie enthält nicht allein eine eingehende Würdigung des übersetzten Werkes, sondern, auch eine Lebensbeschreibung des Dichters — übrigens die einzige Biographie Leffings, die in hebräischer Sprache vorhanden ist.