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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-18 · Heft 25 (18.6.1920) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 25 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 ein Rufer und Mahner sein, daß es zu Hause genug Arbeit gibt, daß wir zunächst das eigene Haus zu bestellen haben, ehe wir uns aus die Jagd nach einem Mandat fürs Parlament begeben und in die Händel der Nationen uns mengen. Wie sagt doch der Prophet: „Komm', mein Volk, in deine Kammern und verschließe die Türe hinter dir, bis der Sturm vorübergezogen ist." Bit JTage der zmlmlchen Juden während der deutschen Okkupation. Bon Dr. Willy Cohn. ir leben in einer Zeit, deren rasches Tempo fast atemlos zu nennen ist! Was gestern noch Gegenwart war, ist heute schon Geschichte, und durch die täglich sich vollziehenden Umwälzungen erhalten Epochen der jüngsten Vergangenheit einen völlig abgeschlossenen Charakter. Gewiß, um die Dinge objektiv darstellen zu können, müssen wir erst in eine gewisse Distanz von ihnen kommen; aber wenn heute schon Darstellungen solcher Epochen gewagt werden, so geschieht dies unter dem Gesichtspunkt, daß wichtiges Ouellenmaterial nur aus diese Weise der Vergessenheit und Vernichtung entzogen werden kann, und daß anderseits auch das Bedürfnis vorhanden ist, schon jetzt sich ein Bild von den Ereignissen zu machen. Unter diesen Gesichtspunkten ist das erst heute zur Besprechung gelangende Buch von Paul Roth: „Die politische Entwicklung in Kongreßpolen während der deutschen Okkupation" (Leipzig, Verlag von K. F. Köhler, 1919) zu betrachten, aus dem uns hier besonders der von Wilhelm Stein verfaßte Abschnitt über „die politische Entwicklung im polnischen Judentum während der Zeit der deutschen Okkupation" interessiert. < In dem ersten Paragraphen dieser Untersuchung behandelt der Verfasser die politische Lage des polnischen Judentums bei Beginn der Okkupation. Erschildert kurz ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung Polens, geht dann auf ihre kulturelle Lage ein und hebt besonders das Ausleben des jüdischen Nationalismus in Polen hervor, das schon in der Zeit der Russenherrschaft einsetzte. Hierbei nimmt er Gelegenheit, einen kurzen Ueberblick über die Parteiverhältnisse unter den Juden zu geben. Der zweite Deilseiner Untersuchung behandelt dann den Zeitraum vom Kriegsbeginn bis zur Errichtung des Generalgouvernements in Warschau (1. August 1914 bis 24. August 1915). Noch einmal taucht hier das Nurnifest des Zaren an seine lieben Juden vor unserem Auge auf, und sodann die erste Kundgebung der deutsch-österreichischen Okkupationsarmeen. Gerade diese Verordnung hat ja bei der polnischen Judenheit so viel Hoffnungen erregt, die später alle nicht erfüllt wurden. Damals wurde den Juden von seiten der Zentralmächte „volle religiöse und bürgerliche Freiheit und Gleichstellung auf allen Gebieten des ökonomischen und geistigen Lebens" zugesagt. Daß von diesen Versprechungen nichts erfüllt wurde, daß die spätere deutsche Verwaltung ganz andere Wege ging, als sie hier in Aussicht gestellt wurden, das hat das Vertrauen zu ihr in der östlichen Judenheit völlig erschüttert. Die erste Epoche der deutschen Verwaltung kennzeichnet sich durch eine Anerkennung der nationalistischen Bestrebungen ' durch die deutsche Behörde, womit sie den im Lande vorhandenen Strömungen entgegenkam. Die zweite Epoche der deutschen Verwaltung in Polen umfaßt die Periode von der Errichtung des Generalgouvernements Warschau bis zur Veröffentlichung der Verordnung über die jüdische Religionsgesellschast (24. August 1915 bis 16. November 1916). In dieser Epoche, die von dem Kamps um das«., Schulwesen ausgefüllt ist.' verändert die deükfche' Besätzüngsbehorde ihren Standpunkt dem östlichen Judentum gegenüber vollkommen. Sie veranlaßte die Gründung einer neuen orthodoxen Partei, der Agudas Haorthodoxim, und übertrug die Leitung des jüdischen Referats beim Generalgouvernement Warschau an Dr. Ludwig Haas. Es handelt sich um die Schaffung eines Gegengewichts gegen Nationalismus und Zionismus, da die deutsche Verwaltung daran dachte, von dieser Seite das Judenproblem zu lösen. In diesem Sinne war auch die von Dr. Haas entworfene „Verordnung, die Organisation der jüdischen Religionsgeseüschaft im Generalgouvernement Warschau betreffend", gehalten, die sich später als eip schwerer Mißgriff herausstellte, da eben das Judenproblem Polens nicht vor allem ein religiöses, sondern ein nationales ist. Die deutsche Verwaltung aber erreichte mit dem, was sie tat, das Gegenteil von dem, was sie wollte. Dies zeigt der dritte Teil der Okkupationszeit, der von dem Erlaß dieser Verordnung bis zum Zusamurenbruch der deutschen Herrschaft dauerte. Immer mehr kam das polnische Judentum auf die Bahn des Nationalismus, immer mehr aber war auch zu erkennen, daß an eine polnischkjüdiische Verständigung kaum noch zu denken war. Die deutsche Verwaltung tat auch nichts mehr, um« diese Verständigung herbeizusühren; sie stellte sich auf den Standpunkt, daß die Regelung der jüdischpolnischen Beziehungen eine innerpolnische Angelegenheit sei. Damit verließ sie endgültig den Weg, den sie bei ihrem Einrücken in Polen den Juden verheißen hatte. Daß die Juden Polens immer mehr von der deutschen Politik abrückten, dazu trug vor allem auch diedeutsche Palästinapolitik bei, die wieder der türkischen Politik angepaßt war. So hat die deutsche Judenpolitik in Polen ein klägliches Fiasko erlitten. „Von all den volltönenden Versprechungen, dem unterdrückten Volke den Weg zum freien Leben zu eröffnen", so sagt Stein, „ist keine eingelöst worden. Die Judenfrage ist von allen Teilen des polnischen Problems mit am schlechtesten in Angriff genommen, am wenigsten irgendeiner Lösung zugeführt, der polnisch-jüdische Gegensatz ohne irgendwelchen Zweck verschärft worden." Es ist interessant, mit diesem Urteil Steins in seinem äußerst lesenswerten und anregenden Aufsatz das Urteil zu vergleichen, zu dem der holländische Jude H.. H. van K o l in seinem bei R. Löwit erschienenen Büchlein: „Die Zukunft des jüdischen Volkes" kommt. Auch er, der von fernerer Warte her die Dinge betrachtet, verurteilt die Politik der Mittelmächte. Er wirft ihnen vor, daß sie die Politik der Polen begünstigt haben, die darauf hinausging, 2 Millionen jüdischer Menschen zur Auswanderung zu zwingen. Die Zentralmächte waren es auch nach dem Urteil van Kols, „die das polnische Judentum nur als eine Glaubensgemeinschaft anerkannten, wiewohl die Juden in Polen seit vielen Jahren ihre Anerkennung als besondere Nation fordern". Tie deutsche Okkupation ist nun Geschichte geworden, trau-. riger als je liegt die Zukunft des jüdischen Volkes in Polen vor dem Blick des weiter schauenden Betrachters. Ausigeliesert dein Chauvinismus der polnischen Nation, werden die Juden einen schweren Kampf um die Anerkennung der nationalen Minderheitsrechte zu kämpfen haben, auf die sie nach Wilsons Zusicherungen einen unbedingten Anspruch haben. Es mutet uns heute als eine Barbarei an. wenn wir in der Geschichte lesen, daß im Zeitalter der Reformation sich Menschen um ihres Glaubens willen verfolgten! Ist eS nicht eine gleiche Barbarei, wenn heute im zwanzigsten Jahrhundert schutzlose, nationale Minderheiten von übermächtigen Mehrheiten verfolgt werden, und wird nicht bald einmal die Zeit kommen, in der die Menschheit emsehen wird, daß das Wort des Dichters zu Recht besteht: „Raum für alle hat 'dieErde"?

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