Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-18 · Heft 25 (18.6.1920) · p. Seite 283

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 25 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
Seite 283 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229467--75830-3288360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

283 Srobür beauftragt worden, Sie zu beglückwünschen und Ihnen alles Gute für die Zukunft in bezug auf all das, was Sie in der zionistischen Bewegung finden wollen, zu wünschen. Obzwar ich kein Jude bin, hatte ich Gelegenheit, als Student an der Universität in Wien, mit dem besten Menschen, den Sie besaßen, mit Dr. Theodor Herzl, bekannt zu werden. Was er mir seinerzeit, vor vielen Jahren, von der wirklich ethisch entwickelten jüdischen Nation erzählte, ich werde es bis zu meinem Tode im Herzen bewahren. Ich habe gesehen, daß das jüdische Volk so vielen Anfeindungen von allen Seiten ausgesetzt ist. Ich weiß, daß das jüdische Volk große Männer hat und Großes geleistet hat, was wir gern anerkennen und in Zukunft anerkennen werden. Sie müssen auch selbst zugeben, daß nicht alle Engel sinö; auch bei Ihnen gibt es Schädlinge. Wenn wir nun solche etwas rauher anfassen, so bitte dies nicht als einen Akt gegen die jüdische Nation aufzufafsen. Wir Slowaken waren nie Unterdrücker. Der Slowake ist kein Antisemit. Und wenn Reibungen Vorkommen, so beruhen diese nur auf Mißverständnissen. Der Zionismus als solcher genießt bei uns große Shmpathien. Nicht etwa deshalb, weil wir Sie aus unserem Lande herausjagen wollten, oder weil wir daraus eine Besserung der sozialen Lage erhoffen, sondern weil wir ein junges Volk sind, das erst jetzt befreit wurde und das es sehr gern sehen würde, daß auch Sie so glücklich werden, wie wir es jetzt geworden sind, daß auch Sie bodenständig werden und daß ein harmonisches Zusammenleben ermöglicht werde. Wenn Sie selbst bodenständig sein werden, werden Sie unsere Ideologie auch besser verstehen; denn um ein bodenständiges Volk zu verstehen, muß man selbst bodenständig sein. Wenn auch nicht alle nach Palästina gehen werden, denn Palästina kann ja alle nicht fassen, und alle werden doch auch nicht nach Palästina gehen wollen, wenn jedoch Palästina ein Judenland sein wird, so wird dies auch aus die hierbleibende Judenschaft wohltuend wirken. Nach meiner Ansicht werden dann die Juden wirklich gleichberechtigt sein, seelisch gleichberechtigt. Es wird eine innerliche Gleichberechtigung sein. In dieser Gleichberechtigung sehe ich die Zukunft des jüdischen Volkes." Schöne Worte, doch nichts als Worte. Und kommen sie aus dem Munde eines Regierungschefs, der nicht mit der Wimper zuckte und auch nicht einen Finger rührte, als in dem nicht zwei Eisenbahnstunden entfernten Tyrnau den Juden eine Kontribution von mehr als einer Million Kronen aufgezwungen wurde, von einem Unhold in Uniform, der dem jüdischen Reisenden einen Paß selbst für den nächsten Nachbarort versagte und einen solchen herzlich gern gewähren wollte für — Palästina; als in demselben Tyrnau ein Minister aus Prag, weil er mit seiner lendenlahmen Rede den Beifall der Volksmassen auf dem Marktplatze nicht erjagen konnte, die niedrigsten Instinkte der tiefstehenden slowakischen Volksschichten aufpeitschen wollte, um sie dann, wenn der Zapfen ausgestoßen, auf die wehrlosen Juden zu lenken: dem Denkenden sagen sie nicht viel, es sei denn das alte Wort: timeo Danaos et dona ferentes. Die schönen Worte von den Sympathien für den Zionismus, die tschechische Politiker bei feierlichen Anlässen und an reichbesetzten Tafeln im Munde führen, dürfen nicht höher eingeschätzt werden als das, was sie, bei Licht besehen, sind, als wohlseile Phrasen. Wollen sie mehr scheinen, dann haben wir die Gesinnung, deren Hülle sie sind, in einer bestimmten Richtung zu suchen, an der jetzt alles hängt und nach der jetzt alles drängt, in der nationalchauvinistischen Richtung. Der jahrhundertealte Haß zwischen den bedrängten und bedrückten Deutschen und zwischen den siegesbewußten Tschechen dokumentiert sich nirgend so sinnensällig wie bei den Wahlen zu der Volksvertretung. Da sieht man den Juden nicht gern als Zünglein an der Wage und man beglückt mit einem weirtseligen Schmunzeln den auch nach Bodenständigkeit strebenden, aufrechten und unverfälschten Juden. Nach den Wahlen war es immer anders; vor dem. Essen hat man es anders gelesen. Die Deutschen mit den Tschechen schlagen sich. Soll der Jude die Musik dazu machen? Am ersten Tage nach der feierlichen Eröffnung der Volksvertretung stand die Wahl des Präsidenten der tschechoslowakischen Republik zur Beratung. Selbstredend wurde Masaryk von neuem gewählt und bei seinem Erscheinen zur Ablegung des Treuegelöbnifses mit brausendem Jubel und stürmischer Begeisterung begrüßt. Die Deutschbürgerlichen, die mit ihren zwei Juden, dem jüdischen Senator und dem getauften Abgeordneten, für emen katholischen Theologieprofessor von der deutschen Universität gestimmt hatten — die deutschen Sozialdemokraten gaben leere Zettel ab und blieben aus ihren Plätzen —, verließen den Sitzungssaal und schleuderten dem neugewählten Präsidenten den lärmenden Ruf entgegen: „Die deutschen Emigranten und Kolonisten verlassen den Saal!" Der Präsident Masaryk hat nämlich beim Betreten des böhmischen Bodens am 21. Dezember 1918 folgenden Ausspruch getan: „Die von den Deutschen bewohnten Gebiete sind unsere Gebiete und müssen unsere Gebiete bleiben. Wir haben unseren Staat ausgebaut, wir erhalten ihn, wir bauen ihn neu auf. Wir haben unseren Staat errichtet, damit bestimmt sich die staatsrechtliche Stellung unserer Deutschen, die ursprünglich in unser Land als Einwanderer und Kolonisten gekommen sind." Wird der unliebsame Vorfall, wird die peinliche Störung, an der nur zwei Juden, darunter ein Getaufter, sich beteiligten, und die auch nicht von jedem Deutschen gebilligt wurde, nicht allen Juden angekerbt werden? Und hätten daran die zwei bis vier Zionisten, wenn sie ins Parlament gekommen wären und ohne jeden Zweifel für Masaryk gestimmt hätten, weil wir jedem modernen Staatswesen ein Oberhaupt von seinen geistigen und moralischen Qualitäten wünschen, auch nur etwas ändern können? Man kann nicht einmal sagen, daß das im ganzen judenreine Parlament zum Schaden der Juden ausschlagen muß. Die zwei, im günstigsten Falle vier Mandate hätten den Kohl auch nicht fett gemacht. Unter den Prager Stadtverordneten zählen wir vier Zionisten. Sie haben begreiflicherweise auch nicht verhindern können, daß der berüchtigte Propagator der Blutlüge im Hilsner-Prozeß, Dr. Baxa, zum Stadtoberhaupt erhoben wurde. Bei der Bürgermeisterwahl haben sie nicht einmal den Mut zu einem mannhaften Protest ausgebracht und sich mit dem unschädlichen Mittel leerer Stimmzettel beschieden. Ein Sturm im Wasserglas, Theaterfeuerwerk, Kolophoniumblitze. Da lobe ich mir schon die tschechischen Sozialdemokraten, von denen der Senator Kousa und die Abgeordneten Chalupa und Bubnik am 31. Mai zur Protestversammlung im jüdischen Rathause erschienen sind, welche — man sollte es nicht glauben — die hungernden und darbenden Beamten der israelitischen Kultusgemeinde gegen die wenig wohlwollende Verwaltung veranstalten mußte. Es soll ein Ehillel Haschern gewesen sein — die Rabbiner haben natürlich mit der Sache nichts gemein, sie tragen ihr schweres Geschick in harter Zeit mit Anstand und Würde —, als die christlichen Gäste das Wort nahmen, um die Proletariergenossen ihres tatkräftigen Beistandes zu versichern und die jüdischen Brotgeber an ihre Pflichten gegen die jüdischen Arbeitnehmer zu erinnern. Nun sei es zur Ehre der Kultusgemeinderepräsentanz gesagt, daß sie nur schwer Abhilfe schaffen kann, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gemeinde durch die vielen Austritte seit dem Umsturz der alten und straffen Ordnung in desolatem Zustande sich befinden. Aber die beklagenswerte innere Lage sollte uns doch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.