Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
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280 Schlimmer noch ist die Not der zahlreichen Frauen und Kinder, die buchstäblich ihr nacktes Leben nach Deutschland gerettet haben. Es ist zutreffend, .daß in der jüngsten Zeit mit allen Mitteln versucht wird, das Hilfswerk für diese. Flüchtlinge möglichst zweckmäßig zu gestalten und organisatorisch auszubauen, Es hat sich aller herausgestellt, daß die tägliche Not mit organisatorischen Maßnahmen allein unmöglich bekämpft werden kann. Vielmehr ist eine ganz persönliche Anteilnahme jedes an der jüdischen Gemeinschaft mit dem Herzenbeteiligten deutschen Juden unbedingt zu fordern. Ausgabe der Hilfsorganisationen ist es, diese aus der Privaten Initiative erwachsende helfende Kraft so weit zusammenzufassen und zu ordnen, daß sie zweckmäßig für die der Hilst am meisten Bedürftigen sich betätigen kann. Wir werden noch häuf'ger gezwungen sein, auf diese ganz persönliche Beteiligung der in Deutschland lebenden Wiest- und Ostjuden zurückzugreifen und den Willen zur Mithilfe wachzurufen. Heute seien nur einige Notwendigkeiten kurz beschrieben, die sich bei der täglichen Arbeit des Arbeiterfürsorgeamtes ergeben haben und« die auch für; die meisten anderen Großstädte außerhalb Berlins, in 'denen sich; Flüchtlinge auch alten, ohne weiteres zutreffen. * - 1. Der Nachwuchs an in der sozialen Arbeit erfahrenen und f ü r das j ü d i s ch e Hilfswerk in B e - t r ach t kommenden Persönlichkeiten scheint erschreckend gering zu sein. Das Arbeiterfürsorgeamt war in der letzten Zeit mehrmals gezwungen, an die bedrohtesten Fürsorgestellen' in der Provinz hauptamtliche Leiter der dort eingerichteten „Fürsorgestellen für ostjüdische Flüchtlinge" zu entsenden. In vielen Fällen war es kaum möglich, entsprechende Persönlichkeiten zu finden. .Es ist aber Tatsache, daß die Zahl solcher in Sozialpolitik und in jüdischen Dingen geschulten Männer und Frauen größer ist, als es den Anschein hat. - Le'der sind aber den meisten dieser Persönlichkeiten (junge Nationalökonomen, in der sozialen Arbeit erfahrene Kaufleute, ältere Studenten usw.) die unerträglichen Notstandsverhältnisse unserer östlichen > Brüder so wenig bekannt, daß sie tatenlos und unbemerkt beiseitestehen. Das Arbeitersürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands, Berlin N 24, Auguststraße 15, bittet daher dringend, daß ' sich solche Persönlichkeiten, die gewillt sind, längere oder kürzere Zeit sich an dem Hilfswerk für unsere Flüchtlinge zu betätigen, möglichst umgehend unter Beifügung eines Lebenslaufes und genauerer Taten mit ihm in Verbindung setzen. Gewiß ist es wünschenswert, daß diese in der sozialen Arbeit erfahrenen Menschen in ostjüdischen; Dingen irgendwie geschult sind. Aus der anderen Seite aber wird ein- Mensch von warmherziger Gesinnung und einigermaßen gutem Willen sich in die neuen Verhältnisse auch dann bald einarbeiten - können, wenn sie ihm auch bis dahin unbekannt gewesen sind. Es bestätigt sich auch hier wieder, daß bei jeder sozialen Arbeit die Peri sönlichke't alles, die technische Erfahrung erst in zweiter Linie richtig und leicht zu erwerben ist. 2. Erschreckend ist auch der M angel an solchen Per - sö nlichke i te n , die sich an einzelnen Tagen und. Stunden de r W oche zu ehrenamtlicher Mitarbeit, zur Verfügung ft e 11 e n. Bei der lausenden täglichen Arbeit tritt immer wieder eine Anzahl Fürsorgefälle auf, in denen Recherchen anzustellen, 'die Wohnungsverhäl tnisse und die soziale Lage. zu untersuchen, für eine schwangere Frau oder einen Greis besondere Schritte zu unternehmen sind. H er ist das gegebene Betätigungsfeld für solche Persönlichkeiten, die, einfach aus Menschlichkeit und einem guten jüdischen Herzen getrieben, Hilfe bringen wollen und können. Das Arbeiterfürsorgeamt bittet daher, auch aus dem Kreise dieser Personen um möglichst baldige Meldungen, bemerkt aber, daß an die Hingabe und die Willenskraft dieser Helfer nicht geringe Anforderungen gestellt werden. 3. In einzelnen Fürsorgefällen, insbesondere wenn es sich um we'bliche und minderjährige Personen handelt, versagen die üblichen Methoden der Unterbringung und der Fürsorge. Während also hier die Schutz-bedürftigsten immer wieder der schlimmsten Not preisgegeben sind, muß voller Bedauern fest ge stellt werden, daß diejenigen, die hier Helsen können, nämlich die begüterten Kreise, selten etwas Zweckmäßiges tun. Es lebt doch in den deutschen Großstädten, insbesondere in Berlin, eine nicht geringe Zahl von jüdischen Familien, die in der Lage wären, wenn auch nur auf kurze Zeit, für solche besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge, für deren Persönlichkeit jede Garantie übernommen, werden kann, wenn auch nur auf.einzelne Tage, Unterkunft, ein Zimmer, ein Bett oder sonst eine Schlafgelegenheit zur Verfügung zu stellen. In früheren Zeiten war es für jeden jüdischen Familienvater eine Ehre und die Erfüllung einer wichtigen religiösen und ethischen Pflicht, einen Flüchtling, bei sich zu beherbergenmtb zu beköstigen. Wir sind' sicher, daß das Gefühl zu dieser Verpflichtung ohne weiteres.wieder aufwachen wird, sobald die.Oefsentlichkeit auch nur einen flüchtigen Eindruck von der entsetzlichen Not dieser Aermsten erhalten hat. Ganz besonders vermissen wir h'er die. aktive Mithilfe jener ostjüdischen Familien, die selber vor Jahren und Jahrzehnten nach Deutschlandgelangt sind undjetzt in erträglichen Verhältnissen hier leben. Es ist sicherlich nicht zu viel verlangt, wenn wir inmitten des furchtbaren Glends, das sich uns täglich bietet, an alle, die irgendwie können, die dringende Bitte richten, sich zur zeitweiligen Aufnahme einzelner Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Bei den Mitteilungen, die uns hierüber gemacht werden, bitten wir, uns anzugeben, welche besonderen Wünsche von seiten des Gastgebers erhoben lverden, aber auch Einzelheiten darüber, ob er einen Jugendlichen,- einen älteren Mann, eine Frau beherbergen kann, und ob für die Tage der Beherbergung der Flüchtling auch beköst'gt wird. So wenig Erfolg, wir uns auch im allgemeinen von der Veröffentlichung eines solchen Ausrufs versprechen, glauben wir doch, daß eine ganze Anzahl von warmherzigen Personen 'lediglich nur darum sich bisher für das Hilsswerk nicht zur Verfügung gestellt haben, weil sie von der furchtbaren Not kaum unterrichtet waren und außerdem nicht recht wußten, welcher Stelle sie ihre Hilfsbereitschaft an-zeigen könnten. Wir hoffen, daß uns aus diesen Kreisen mögl'chst bald Mithelfer erstehen werden. * Der Begriff des Nationalen. Der Akademische Turnverein „Gothani-a" zu Jena hat, wie die „Deutsche Zeitung" mitteilt, folgende Auslegung des Begriffs „national" seinen Satzungen beigefügt und für seine Mitglieder verbindlich gemacht: „Der Verein verwirft aufs entschi'edenste die internationalen Ideen der Sozialdemokratie, des Judentums und des Pazifismus, lehnt 'den Geist der Revolution ab und arbeitet mit aller Energie in dem alten B'ismarckschen Geist an dem Wiederaufbau unseres zertrümmerten Vaterlandes und ganz besonders unserer Wehrkraft." Es soll in Aussicht stehen, daß diese Fassung für alle akademischen Turnvereine verbindlich wird. Es ist wohl nickt zweifelhaft, daß aus den Kreisen, denen der Begriff „national" nicht die Gesamtheit aller. Volksgenossen umfaßt und die daher zu solchen Formulierungen des Nationalen fähig sind, nicht die Kräfte kommen, die am nationalen Wiederaufbau positiv werden mitschaffen können. * Hebet d i e B e h a n d I ung der Juden d u r ch d i e deutsche Besatzungsarmee in Polen veröffentlicht ein alter Landsturmmann im „Hamburger Echo" interessante Erinnerungen: „Den Juden gegenüber haben wir uns ^'veaen der von ihnen erlittenen Behandlung) geschämt. Denn 'diese so lanae getretenen Ostjuden zeigten oft ein solche Fein-beit reiner Menschlichkeit und einen so starken Drang nach freier Bildung, -auch über ihre hergebrachten Kultgrenzen und ihre religiöse Literatur hinaus, daß sie instinktiv die furchtbare moralische Schwäche des deutschen Gewaltsttstems am klarsten durchschauten. In ihre Schule ging der jämmerliche Fürst von N s e n b u r g - B ü r st e i n und zerriß ihnen vor vollen Klassen die Stundenpläne, weil sie zuviel Hebräisch enthielten." Man begreift immer mehr, wie wenig es diesen Kulturträgern gelingen konnte, unter den Massen des Ostens der deutschen Sache Freunde zu werben. m Aus Wien wird unter-dem 7. Juni gemeldet: Heute abend fand hier eine von allen christlichen und nationalen Parteien einberufene antisemitische Protestversammlung statt, in der u. a. der Obmann der christlichsozialen Partei, Kumschak, daraus hinwies, daß man in der Judensr-age von Worten zu Taten übergehen müsse und die Ostjuden ehestens aus Oesterreich auszuweisen hätte. Die Demonstranten wollten sich in die hauptsächlich von Juden bewohnte Leopoldstadt begeben, wurden aber von der Polizei daran verhindert, so daß größere Ausschreitungen vermieden werden konnten. *