Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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279 Offizielle? Antisemitismus in de? Reichsweh?. Ein offizieller Bataillonsbefehl des Bataillons Schmidt der Reichswehr hat folgenden Wortlaut: „Wie sehr die Juden mit der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei in Verbindung stehen, muß die Tatsache beleuchten, daß am 11. März, anschließend an einen Gottesdienst, in der Synagoge Fasanenstraße unter strengster Absperrung und Geheimhaltung eine kommunistische Versammlung abgehalten worden ist." Diese sinnlose Verleumdung veranlaßte den Vorstand der Jüdischen Gemeinde, mit dem Verfasser dieses Befehls, Herrn Hauptmann Schmidt, in Verbindung zu treten und auf die Haltlosigkeit seiner Behauptung' hinzuweisen. Hauptmann Schmidt hat erklärt, daß er seine Informationen von einer hochgeistellten Persönlichkeit erhalten habe, und die Beibringung von Beweisen für seine Behauptung in Aussicht gestellt. Da diese „Be' weise" selbstverständlich nicht erbracht werden konnten, hat der Vorstand der Jüdischen Gemeinde sich beschwerdeführend an den Reichswehrminister Dr. G e ß l e r gewandt, ohne daß bisher eine Entscheidung ergangen ist. Im Gegenteil soll Herr Hauptmann Schmidt inzwischen in das Reichswehrministerium berufen worden sein. Es ist unerhört, daß eine Eingabe der Vertretung der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands in dieser dilatorischen Weise behandelt wird. Vielleicht wird der Nachfolger des demokratischen Herrn Reichswehrministers Zeit finden, sich mit dieser motivierten Beschwerde zu beschäftigen. G Mit welchen Mitteln die Alldeutschen das Ansehen Deutschlands im Auslande heben wollen, geht aus einem Aufsatz hervor, den der Korrespondent des „Berliner Lokal-Anzeigers", v. Knorr, im „Japan Chronicle" veröffentlicht, in dem die deutsche Regierung und das neue Deutschland nach Kräften beschimpft werden. Vor dem Zusammenbruch des alten Regimes hätten die Herren der Rechten ein ähnliches Verhalten „vaterlandslos" genannt, jetzt gilt es ihnen vielleicht als standesgemäß; aber die deutsche Oeffentlichkeit wird einig darin sein, es aufs schärfste zu verurteilen, doch die Dummheit dieser Leute übertrifft ihre Bosheit. Herr v. Knorr muß natürlich als Deutschnationaler über die Juden herziehen. In einem Brief wimmelt es von Ausdrücken wie „jüdische Regierung", „jüdische Führung", „berufsmäßige Verbrecher", „Abschaum des deutschen Volkes unter jüdischer Führung" u. a. m. Diese Beschirnpfungen sind gemein, um so mehr, als sie für ausländische Ohren bestimmt sind, aber im Falle des deutschnationalen Korrespondenten des „Lokal- Anzeigers" waren sie auch sehr dumm. Denn das Blatt, das sie aufnehmen und verbrennen sollte, ist eine anständige, von radikalliberalen Engländern herausgegebene Zeitung, die die Gesinnungsgenossen des Herrn Knorr bei uns wahrscheinlich „judenfreundlich" schimpfen würden. Der „Japan Chron'icle" hat die Zuschrift auch rlur als ein Kuriosum veröffentlicht, offenbar, um Zu zeigen, wohin politische Taktlosigkeit führen kann. Er geißelt diesen Versuch der „Judenhetze" und gibt selbst der Ansicht Ausdruck, daß Knorr die Sachlage entstellt habe. Dieser deutschnationale, vor Ausländern begangene Verleumdungsversuch ist also klüglich mißglückt. Damit ist wieder ein Stück deutschen Ansehens in Japan verlorengegangen. * OeschHftsarvtisemitrsrnrrs. Don dem Geschäftsantisemitismus, der ja für viele Anhänger und besonders Verkünder der antisemitischen „Weltanschauung." einen wesentlichen Teil ihres Programms darstellt, legte der Erpressungsprozeß der 1909 in Berlin gegen den Mitarbeiter der Bruhnschen „Wahrheit" Dahsel verhandelt wurde und der mit der Verurteilung des Angeklagten zu 1% Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust schloß, sowie der Prozeß, der im Anschluß daran geigen den Verleger der „Wahrheit" Wilhelm Brnhn wegen Erpressungsversuchs geführt wurde, ein beredtes Zeugnis ab. Bruhn wurde zwar freigesprochen, aber er hatte nicht die geringste Veranlassung, hocherhobenen Hauptes vondannen zu gehen; die Presse aller Parteien war einmütig in der Verurteilung der niedrigen- Praktiken des Geschäftsantisemitismus, die er in seinem Blatt, betreibt. Die „Staatsbürgerzeitung" riß im Jahre 1919 die Schokolade einer sehrbekannten Konditorei, deren Inhaber Christ ist, zugunsten eines in jüdischem Besitz befindlichen Geschäfts herab — Grund: der Jude inserierte in dem Blatte, der Christ aber nicht. Als ein, sehr smarter Geschästsantisemit erwies sich auch Herr.' Adolf Bartels im Falle Heine-Reclam. Ihn übertrifft aber noch bei weitem der antisemitische Barde Max Bewer (Laubegast). Er, der einst ein schaurig-schönes Gedicht zum Ruhme,' Baruchi Spinozas versaßt hatte, schrieb dann die gemeinen Texte zu den berüchtigten antisemitischen Glößschen Bilderbogen. Beim Erscheinendes- Bilderbogens „Deutscher Totentanz", der, selbstverständlich unter den üblichen Angriffen -auf die Juden, eine dreiste Verhöhnung der protestantischen Kirche enthielt, ging auch die „Kölnische Volkszeitung" aus das entschiedenste gegen dieses Machwerk vor. Das katholische Blatt schrieb: Als Verfasser des Textes zum Bilderbogen sei ihm der Schriftsteller Max Bewer genannt worden. Derselbe sei katholisch getauft. Aber seine eigentliche Konfession sei der Geschästsantisemitismus. Der Geschäftsantisemitismus in erster Linie trieb Bewer zu der Veröffentlichung seiner Broschüre „Wilhelm II. und Alexander III." (4. Auflage Dresden 1892), in der er auf das unglaublichste den Kaiser zugunsten des Zaren herabgesetzt hat. Er schreibt dort: „Der Gedanke, daß Wilhelm II. durch fortgesetzte „Judain-Einspritzungen" in dieselbe seelische, politische und ökonomische- Lähmung versetzt werden könnte wie sein unglücklicher Vater, liegt in Petersburg als Revanche für die Andeutungen... ziemlich nahe, daß sehr wohl auch Alexander HI. den nihilistischen Judentod seines Vorgängers erleiden könne." Derselbe Bewer hat während des Krieges aus dem Großen Hauptquartier überschwenglich-byzantinische Berichte für den „Berl. Lokal-Anzeiger" geschrieben, in deren einem er von dem „künstlerisch schön, ausgebauten Kaiserhaupt" spricht, das neben den patriarchalischen Häuptern Karls des Großen und Barbarossas ewig seinen! junggermanischen Typus in der deutschen Kaisergeschichte bewahren wird". Derselbe zartbesaitete Dichter veröffentlichte dann anläßlich der Entthronung des Kaisers einen Spruch „Fürsten-Abschied", in dem es heißt: „Selbst manchem Sozi tat eä leid — Um Einen, der uns oft erfreut, — Um Serenissimus! ..." * Vom Arbeitersürs orgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands erhalten wir nachstehenden Artikel, dessen Beachtung wir unseren Lesern wärmstens empfehlen: Hilfe für die oftjüdischen Flüchtlinge. Es wird nötig, der jüdischen Oeffentlichkeit in Deutschland inunverblümter Weise darzutun, in welch entsetzlicher Rot die in den letzten Monaten nach Deutschland geflüchteten Juden des Ostens zu leben gezwungen sind. Die meisten dieser Flüchtlinge haben während fünf langer Kriegsjahre das Härteste erdulden müssen, das irgendwo in Europa einem Volksstmnm widerfahren ist. Ihre wirtschaftliche Existenz ist immer wieder ruiniert worden, der Hunger hat sie ausgemergelt, und das Leben, das sie nach den: Waffenstillstand in den östlichen Gebieter: führen mußte::, war meistens noch schlimmer als alle Qualen der Kriegszeit. Jetzt sind sie, getrieben von einer bewundernswerten Unbeugfamkeit, die sie selbst in der schlimmsten Hölle nicht verzagen läßt, nach Deutschland gekommen, in der festen Hoffnung, daß hier, wo eine starke, fest zusammengeschlossene Judenscha/' unter erträglichen Bedingungen IdM, ihnen tatkräftige Hilfe zuteil wird. Das Elend, das unter den meisten von ihnen herrscht, spottet jeder Beschreibung. Selbst tote, welche in Deutschland di e materielle Hilfe ihrer amerikanischen Verwandten, die Übersendung von Schiffahrtkarten und Einreisepapieren' nach Amerika äbwarteu, sind an der Grenze meistens völlig ausgeplündert worden. Die Jüngeren und Kräftigeren unter ihnen hungern nach Arbeit, finden aber eine Wirtschaftslage vor, die nur einem kleinen Teil ermöglicht, ihrem Drang nach noch so schMrer Beschäftigung in Bergwerken, Fabriken, Landarbeit und aller anderen Art gewerblicher Tätigkeit nachzugehen. Wer auch nur einigermaßen den Leidensweg dieser Menschen mit seinen furchtbaren Stationen zu überschauen vermag, der staunt immer wieder, wie. wenig das Elend die moralische Kraft dieser Flüchtlinge zu brähen vermochte.