Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 vor allem von den Propheten erreicht werden. „Sie sind es" die der Menschheit das Höchste, was sie über Gott wissen kann, vermittelt haben: Gott als den unbedingt Guten, sittlich Heiligen, und weiterhin seit Hosen und Jeremia dazu Gott als die heilige Liebe. Diese Form der Gotteserkenntnis hatte die Welt zuvor nicht gesehen." (R. -Kittel, „Die alttestamentarische Wissenschaft", 2. Auflage, Leipzig 1912, S. 184.) Aus der Verstttlichung der Gottesidee folgt als Ergebnis auch ihre Jnternationalität. Die Religion hört aus dieser Stufe aus, Nationalreligion zu sein, sie will Menschheitsreligion werden. Gott ist nicht der Gott nur eines Volkes, sondern der Vater aller Menschen — daher die starke jüdische Misstonstätigkeit feit Alexander dem Großen. Ganz wie bei der vorplatonischen griechischen Religionsphilvsophie steht auch zweierlei im Mittelpunkt aller Propheten: einmal ein furchtbarer Eifer, den Monocheismus zu wahren oder wiederherzustellen, und sodann die Predigt des Sittlichen. Es ist der einzige Fall in der Geschichte, daß die geistigen Führer einer Nation ihren Untergang als verdientes Schicksal angesehen haben, während sonst im Dölkerkamps sittliche Schuld stets nur aus der Gegenseite gesehen wird. Daß auch die Hauptschwäche der semitischen Begabung, die geringe Phantasie, mit dazu beigetragen hat. die israelitische Religion entstehen zu lassen, hat Renan mit scharfem Blick erkannt. In größter Reinheit und Vollendung findet sich die höchste Stufe jüdischer Religiosität bei Jesus. Es ist nicht etwas äbsolut Neues, das mit seiner Religiosität hervortritt, wie das auch nicht feine eigene Meinung gewesen ist, aber doch eine Vollendung des Früheren, die schwer genau in Worte zu fassen ist, aber doch deutlich fühlbar wird, wenn man seine Persönlichkeit mit der der Propheten vergleicht. Seine Persönlichkeit, die Art, wie die von den Propheten verkündete höchste Sittlichkeit in ihm Realität wird, wie er den Ritualismus und den religiösen Nationalismus preisgibt, ist, abgesehen von seinem Mefsiasbewußtsein, das allein wunderbar Neue Und Wirkung klebende an ihm gewesen. Die jüdischen Theologen haben aber vollkommen recht, wenn sie seststellen, daß das Christentum weder in bezug auf das Wesen Gottes noch die dem Menschen obliegenden Verpflichtungen religiössittliche Gedanken aufweist, die nicht auch aus den Höhen des Judentums vorhanden gewesen sind. Mit den Darlegungen jüdischer Theologen stimmen auch die Forschungen der christlichen Theologen über die jüdische Literatur außerhalb des Alten Testaments überein. Jesus kann nur als Jude verstanden werden. Wem niemals jüdisches Wesen nachsühlbar geworden ist, kann ihn und den Ursprung des Christentums nicht verstehen. Jesus verkörvert die höchste Stufe jüdischer Sittlichkeit. Wer ihn und seinen Gottesglauben wirklich in seiner seelischen Eigenart verstehen will, der tut viel besser, zu den höchststehenden Teilen des Talmud oder zu der religiösethischen oder religionsgeschichtlichen Literatur des modernen Judentums zu greifen als zu manchen ethischen Darlegungen christlicher Theologen. Die spezifische Sittlichkeit auch des modernen Judentums ist mit der Jesu viel enger verwandt als die mancher arischen Theologen, denen das eigenartige instinktiv warm sozial gesinnte jüdische Menschentum völlig fremd bleibt, und die sich teilweise bis zur Billigung der. »Forderung einer rein nationalegoistischen, aus sittliche Momente nicht Rücksicht nehmenden Machtpolitik von Jesus entfernen, während selbstverständlich auch der Staat an religiös-sittliche Grundsätze normativ gebunden ist und. wo er sich in bestimmten Fällen danach richtete, auch die böchste Bewunderung hervorrief." (Vgl. A. H a r n a ck. „Aus Wissen-- schast und Leben", Gießen 1911, Band I, S. 202 fjy” Jedes weitere Wort würde den Eindruck dieser drei Jahre vor der großen Täuschung des Herrn Prosesior Delitzsch erschienenen Ehrenrettung der Krone der Dhora nur abschwächen. Bir Woche. Berlin, 14. Jum. m Sonntag, den 20. Juni, finden die Ergänzungswahlen zur Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde statt. Es ist das erstemal, daß aus die Berliner Repräsentantenwahlen das Verhältniswahlrecht Anwendung findet, das erstemal aber auch, daß ein erbitterter Wahlkampf entbrannt ist, wie ihn unsere Gemeinde, zu ihrem Lobe sei es gesagt, bisher nicht kannte, nicht einmal in den neunziger Jahren, als nach der Gründung des Liberalen Vereins der Kampf zwischen ihm und dem Zentralverein für die Interessen der Jüdischen Gemeinde einsetzte. Diesmal sind es fünf Parteien, die um die Herrschaft in der Gemeindestube ringen, und von denen jede eine Liste eigener Kandidaten als die allein Heilbringenden empfiehlt. , Der Algeordnete der Aufsichtsbehörde gibt fünf eingereichte Listen bekannt: 1. Liste Dr. Alfred Klee, 2. Simon Gottschalk, 3. Dr. Oscar Cohn, 4. Dr. Max Ginsberg, 5. Dr. Daniel F i n ck. Die Liste 1 (Jüdische Volkspartei) und Liste 5 (orthodox) sind verbunden. Die Liste 3 ist von der sozialistisch-zionistischen Arbeiterorganisation Poale Zion und der Arbeitsgemeinschaft der Angestellten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eingereicht. Die Liste 2. auf der wir den Namen des bewährten liberalen und mit jüdischem Wissen . ausgerüsteten Repräsentanten Prvfessor S. Kalis ch e r vermerkt finden, ist von den Religionsvereinen in den westlichen Vororten, über deren Parteistellung wir im „Gemeindeboten" berichten, ausgestellt. Die Liste 4 (Dr. Max Ginsberg) ist vom Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde gemeinsam mit dom Verband der Synagogenvereine, dem Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums und dem Zentralverein für die Interessen der Jüdischen Gemeinde eingereicht. In der Hauptsache dreht sich der Kampf darum, ob unserer Gemeinde der Charakter einer Religionsgemeinde gewahrt bleiben oder ob sie in eine Volksgomeinde mit national-südischen Bestrebungen umgewandelt werden soll. Da die Berliner Jüdische Gemeinde über ein Drittel der deutschen Judenschast in sich schließt, so sind diesmal die Berliner Repräsentantenwahlen von außerordentlicher Bedeutung für alle, denen es nicht gleichgültig ist, in welchem Geist unsere Gemeinde künftighin verwaltet werden soll. Der Liberale Verein und die ihm angeschlossenen Vereine lehnen die sogenannte Volksgemeinde ab. Der erste Punkt ihres Programms lautet: „Die Jüdische Gemeinde ist eine Religionsgemeinde und soll es bleiben." Diesen Standpunkt teilen auch wir und mit uns alle diejenigen, denen hoch über den Parteien der Einheitsgedanke des Judentums und über allen Richtungen innerhalb der Genwinde diese selbst steht, deren religiöse Grundlage nicht gesckwächt und deren Einheitscharakter unter keinen Umständen gefährdet werden darf. Sache der Wähler ist es nun, über die künftige Gestaltung der Berliner Gemeinde zu entscheiden. Es unterlasse darum niemand, sein Wahlrecht am kommenden Sonntag auszuüben, und niemand sage, es komme auf eine Stimme mehr oder weniger nicht an. Wir empfehlen außer der von den Religionsvereinen in den westlichen Vororten eingereichten Liste Simon Gottschalk ganz besonders die Liste Dr. Max Ginsberg, die für die Entsendung in die Repräsentantenversammlung neben einer Anzahl neuer eine Reihe im Ehrendienst der Gemeinde ergrauter Männer vorschlägt, von denen wir wissen, daß sie neben ihrem bekannten Verwältungstalent mit den Verhältnissen der Berliner Gemeinde vertraut sind, ihre religiösen Bedürfnisse kennen und Sinn und Herz für das Judentum haben, das den Frieden, auch in der einzelnen Gemeinde, als das höchste Gut Israels einschätzt. '■*