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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-18 · Heft 25 (18.6.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 25 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 25 Berlin, 18. Juni 1920 A Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zettnng erscheint wSchentlich. 2lbo«nementr»preis: durch den Vvch- Handel -der die Post (in Verlin «ch Vor. orten-durch «nsere vertriebsstellen) bezogen vierteljLHStch SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Naddlner vr. Ludwig Pbilippfon Vertag- Rudolf Mosse, Berlin. Jerusalemer Strasse 40-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag „Allgem. Zeitung des Judentums", Verlin 8^, Jerusalemer Straße 4S-4-, Zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Verlin. * Stimme der Gerechtigkeit über das biblische Juden- ZßLLLIULL. tum. Don A. Eckstein. - Die Woche (mit Bild Mir'. Herbert Samuel). — Jur Eröffnung der Dölkervertretung in Prag. Don Rabbiner Prof. Dr. Schwa r tz. — Die Lage der polnischen Juden tvHhvend der deutschen Okkupation. Don Dr. Willy Cohn. — Deutsche Klassiker im Hebräischen. Von S. Meis e l §. — Feuilleto n: Der Sonnenstich. Von L. I. Perech. Aus dem Hebräischen frei übertragen von Albert Katz. — B ü ch e r e i n l a u f. — Spr e chsaa l. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Aus der Provinz Posen. Kattowitz. Breslau, Forst (Lauste), Zittau, Hannover, Mannheim, Mainz, Stuttgart, Budapest. — Von NahundFern. _ Line Stimme Der Gerechtigkeit über das biblische Judentum. Von A. Eüstein. err Professor Friedrich Delitzsch hat wieder einmal eine aufsehenerregende Schrift erscheinen lassen, welche zahlreiche Geister und Federn in Bewegung setzen wird. Als derselbe seine jetzt fast der Bergefsenheit anheimgefallenen Babel-Bibel-Vorträge vor etlva 17 Jahren vor einer gesellschaftlich hochstehenden Versammlung in Berlin hielt, drückte ihm der damalige Kaiser seine allerhöchste Anerkennung aus und fügte hinzu: „Wenn infolge Ihrer Forschungsergebnisse der Nimbus des auserwählten Volkes einigermaßen verblassen sollte, so würde das auch nicht schaden." Wer hätte es damals ahnen können, daß anderthalb Jahrzehnte später der Nimbus, der diese Persönlichkeit mit helleuchtendem Glanze umstrahlte, zerstört und von seinem Haupte die stolze Krone, zu der wir mit Verehrung aufgeblickt, gefallen sein würde? Professor Delitzsch hat nun in seiner neuesten, wie man trotz seiner l Verwahrung sagen muß, sine stuckte et cum ira abgefaßten Veröffentlichung den Versuch unternommen, eine noch weit ältere und ehrwürdigere Krone als die der Hohenzollern herunterzureißen, nämlich die Krone der Thora, die er für unecht, erborgt und erschlichen, für eine große Täuschung erklärt. Ob ihm dieser Versuch gelingen wird? Professor Dr. Hugo G re ßm a n n (Berlin) schließt eine Besprechung dieser Schrift in der „Vossischen Zeitung" vom 17. April mit den Worten: „W i r schämen uns ihrer!" Es ist nun nicht meine Absicht, auf das Ganze oder die Einzelheiten dieser aus antisemitischem und religionsfeindlichem Geiste geborenen Tendenzschrift schlimmster Sorte heute näher einzugehen. An Entgegnungen wird es nicht fehlen. Christliche Fachgelehrte von Weltruf, wie Professor S t r a ck, H e r in a n n Gunkel und Geheimrat Sellin, haben bereits das Wort ergriffen und mit tiefernster Besorgnis zum Ausdruck gebracht, daß, weNn die Grundlage ins Wanken gebracht ist, die Gefahr der Erschütterung für das darauf ruhende Stockwerk des Christentums noch größer ist als für das Judentum. Meine Absicht ist es vielmehr heute nur, auf eine Stimme der Gerechtigkeit über das biblische Judentum aufmerksam zu machen, die, vom Kriegslärm übertönt, es verdient, in ruhiger gewordener Zeit in weiteren Kreisen gehört und beachtet zu werden. Im Jahre 1917 ist von Professor Traugott Konstantin O e st e r - reich in Tübingen eine Schrift: „Einführung in die Religions'psychologie" (bei Mittler u. Sohn, Berlin) erfchienen, in welcher auf Seite 138 ff. eine längere Auslastung sich findet, die wie eine vorweg genommene Entgegnung auf Delitzsch' Ausfälle und Anfälle sich liest und folgendermaßen lautet: „Dauernde Weltbedeutung für die Zukunft der Religion erlangte nur der religiöse Aufstieg, der sich im palästinensischen Zweig des Semitentums vollzog. Wir haben heute gelernt, die israelitische Religion als eine vorderasiatische Religion neben anderen anzusehen. Aber das heißt jetzt nicht mehr als, daß wir die übrigen und ihre Wechselbeziehungen zum Judentum besser als vordem kennen. Die Erwartung, daß sie diesem auch qualitativ näher rücken würden, als man früher glaubte, hat sich nicht erfüllt. Der Rangunterschied ist nicht zu verwischen. Im Anfang hat der alttestamentliche Gott noch recht menschliche Züge. Sein Zorn und wilder Grimm mit ihrer harten Unbarmherzigkeit machen einen furchtbaren Eindruck, und ein eng nationaler Charakter haftet ihm noch an, ja er macht den Eindruck eines eigentlichen Kriegsgottes. Die Ursachen, weshalb dann weiterhin die jüdische Religiosität höher stieg als die der anderen semitischen Völker, bleiben im Dunkel. Wir können nur seststellen, daß diese religiös-sittliche Ueberlegenheit die tiefste Eigenart dieses Volkes ausmacht, wir vermögen noch zu erkennen, daß es nicht sofort auf der Höhe sich befand, der es seine geschichtliche Stellung verdankt. Aber das ist auch alles. Schon die Frage, wie groß der Niveauunterschied zum ursprünglichen Judentum gewesen ist, ist umstritten. Die Ansichten der Fachleute gehen hier so gegeneinander, daß von gesicherten Erkenntnissen wohl noch nicht gesprochen werden kann. Von der einen Seite (Wellhausen, R. Smith u. a.) wird ein allmählicher Aufstieg von einer Primitiven Stufe als vollkommen nachweisbar und rekonstrnktionsfähig mit der gleichen Bestimmtheit behauptet, wie er von der anderen Seite (Orelli u. a.) geleugnet und statt seiner eine Primäre sittlich-religiöse Ueber'legenheit Israels trotz aller zeitweiligen Infektionen von außen behauptet wird. Die zentrale Stellung der Sittlichkeit wird auch durch den Monotheismus nicht erklärt (wie der Vergleich mit dem Islam beweist). Die Erklärung liegt in der hohen moralischen Veranlagung des Judentums. So fremd es dem Nichtsemiten in manchen Zügen seines Wesens bleibt, die starke Veranlagung zu warmen Beziehungen der Menschen untereinander spricht sich schon in seiner jeder anderen überlegenen sozialen Gesetzgebung in einer ganz unverkennbaren Deutlichkeit aus. Es fehlt diesem Zweige der Menschheit die Eigenschaft der Roheit in einem Maße, in welchem auch kulturell weit höher entwickelte Völker, wie die Griechen, nicht davon frei sind. Auch in der modernen Kriminalstatistik tritt das Freisein des Judentums von Roheitsdelikten trotz stark neurotischer Veranlagung eindrucksvoll zutage. So sehr allmählich für weite Kreise das rituelle Wesen in den Vordergrund rückte, so wenig steht es doch im Mittelpunkt der Religiosität aus ihren Höhen, wie sie

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