Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 24 Berlin, 11. Juni 1920 NeNagr zur „allgemeinen Leitung deK Judentums". LarrrsponLen?en und Aschrichten. Deutschland. E. M, Bevlin, 8. Juni. Zur Wahrung ihrer gemeinischaftlichen Interessen hat sich hier ein „Bund der jüdischen Krankenhäuser und Pflegeanstalten Deutschlands" gebildet. Der Sitz des'Bundes ist in Berlin,. Den Anstoß zur Begründung dieser neuen Organisation gab die Errichtung des Reichsbundes, der privaten (also der nicht staatlichen und nicht städtischen) gemeinnützigen Pflegeanstalten in Deutschland. Dieser Dachverband umfaßt alle Verbände, deren- Mitglieder auf gemeinnütziger Grundlage private Kranken- und Pflegeanstalten unterhalten und deren Wirkungskreis sich über ganz Deutschland erstreckt, und die Ortsgruppen solcher Anstalten. Dieser Reichsverband soll versuchen, Einfluß aus die Gesetzgebung zu gewinnen und Mähnahmen, die die immer drückender werdenden Lasten der Wohlfahrtsinstitute noch vermehren könnten, zu verhindern oder herabzuwindern. Der Reichsverband will ferner eine Zenäralauskunftsstelle einrichten, um die Mitglieder über sie interessierende wichtige Fragen zu unterrichten und ihnen durch Bildung einer großen Einkaufsgenossenschaft wirtschaftliche Borteile zu bieten. Zu diesen genannten Verbänden gehören, insbesondere die großen religiösen Verbände, Rote-Kreuz- Vereine usw. Aus der konstituierenden Tagung in Frankfurt wurde rnit Bedauern sestgestellt, daß ein jüdischer Verband, der sich über ganz Deutschland erstreckt und die in Frage kommenden jüdischen Wohlfahrtsanstalten zusammenfaßt, nicht vorhanden ist. Diese Lücke soll der neue Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten ausfüllen, der bereits dem Reichsverband als vollberechtigtes Gliedangeschlossen ist. Die Mitglieder des jüdischen Bundes nehmen an den Einrichtungen des Gesamtverbandes teil. Dem jüdischen Bunde sind bisher 26 Anstalten mit etwa 2060 Betten angeschlofsen, darunter die Wohlsahrtseinrichtungen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Breslauer und Frankfurter Anstalten. Der Bund nimmt nicht nur Krankenhäuser, sondern alle Wohlfahrtsinstitutionen auf, die pflegerischen Zwecken dienen. Die Geschäfte des Bundes jüdischer Krankenhäuser und Pflegeanstalten Deutschlands wurden provisorisch vom Vorsitzenden des Berliner 'Jüdischen Krankenhauses Kommerzienrat Dr. Netter -geführt, -dem der Syndikus des Gesamtverbandes, Rechtsanwalt Dr. P h i l i p p s b o r n, Beirat des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde, zur Seite steht. Die Geschäftsstelle befindet sich im Gemeindeb-ureau. Den jüdischen Wohlsahrtsanstalten kann der Anschuß an >den Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten nur angelegentlichst empfohlen werden. Berlin- 8. Juni. Der Verein „Lehrlingsheim Pankow" hielt am 3. d. M. unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Rudolf Masse seine ordentliche Generalversammlung ab. Im Aufträge des Kuratoriums erstattete der Anstaltsdirektor Israel den Verwaltungsbericht. Er gab in großen Zügen einen Ueberblick über die segensreiche Wirksamkeit des Vereins im abgelaufenen Geschäftsjahre. „Von schwerer Sorge wird der Verein bedrückt, da durch die herrschende Teuerung die Ausgaben, gewaltig gestiegen sind, während die Einnahmen ungefähr dieselben geblieben sind wie vor dem Kriege. Nur reichliche Unterstützungen können den Verein weiter instand setzen, seine Tätigkeit zum Wöhle der schulentlassenen jüdischen Jugend fortzusetzen. Es wird daher an unsere begüterten Glaubensgenossen die herzliche Bitte gerichtet, den Verein durch Zuwendung von- Geldmitteln in seinen Bestrebungen zu unterstützen."—Alsdann erstattete Herr Hugo Krebs namens .der Revisionskommission den Kassenbericht und beantragte die Entlastung, die einstimmigerfolgte. — Bei den hierauf vollzogenen Wählen wurden die bisherigen Revisoren, Herr Hugo K r-ebs, Herr S. Kai ser und Herr Ed. 'Pi n c us, wiedergewählt. Hiermit war die Tagesordnung erschöpft und mit Dan'kesworten an die Erschienenen schloß der Vorsitzende die Versammlung. E. LI Berlin, 8. Juni. Die Le h r anstal t für di e Miss ens ch a f t d e s Judentums zählte 1919/26 während des Sommersemesters 22, im Wintersemester 35 ordentliche Hörer, die sämtlich das Zeugnis für das akademische Studium besitzen. Hierzu kommen noch 18 Hospitanten, die sämtlich aus Deutschland stammen; 19 Neuimmatrikulationen fanden statt. Das Lehrerkollgium besteht aus 5 ordentlichen Lehrern: Professor Dr. Jsmar Elbogen, dem Vorsitzenden des Kollegiums, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Professor Dr. Baneth, Professor Dr. Julius Guttmann und Dr. Harry Torczhner. Professor Dr. Guttmann hat zu Beginn des Sommersemesters, Dr. Torczhner im Wintersemester fein Lehramt angetreten. Außer den 5 Mitgliedern des Lehrerkollegiums wirken Rabbiner Dr. Jsmar Freund und Rabbiner Dr. S. H o ch f e l d als Dozenten an, der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Vou ehemaligen Hörern der Lehranstalt wurden im Laufe'des Jahres berufen: Dr. Julius Cohn in Hoppstädten als Rabbiner nach Karlsruhe i. B., Dr. Eugen Gärtner, bisher in Dresden, als Rabbiner nach München, Dr. Benno Gottschalk (Könitz) als Rabbiner nach Posen, Dr. Oskar Karpel i s (Prerau) als Rabbiner nach Bodenbach a. d. Elbe, Dr.Hugo Klein, zuletzt Erzieher i-m Auerbachschen Waisenhaus zu Berlin, als Rabbiner nach Chemnitz, Dr. Siegfried Klein als Rabbiner nach Düsseldorf, Dr. Hermann L o e b (Berlin) als Rabbiner nach Gothenburg, Professor Dr. Arthur Rosenzweig (Außig) als Rabbiner nach Stuttgart, Dr. Isidor Zlocisti (Insterburg) als Rabbiner nach Mannheim. Die Anstaltsbibliothek hat durch Kauf und Schenkung reichen Zuwachs erfahren. Leider ist in der Zahl der Mitglieder ein erheblicher Rückgang eingetreten. Dem Eisernen Fonds sind insgesamt 31 220 Mark zu geflossen; für laufende Ausgaben gingen außer den Jahresbeiträgen der Wohltäter der Anstalt 23606 Mark, für Stiftungen 20 500 Mark ein. Als Reserven für laufende Ausgaben wurden 37 500 Mark gesammelt. Die Mittel der Anstalt reichen bei weiten: nicht mehr aus, den gesteigerten und noch wachsenden Ansprüchen einigermaßen zu genügen. Mehr als je bedarf die Lehranstalt der bewährten Opferwilligkeit der Glaubensgenossen, die sicherlich der für die Erhaltung des Judentums und seiner Wissenschaft so bedeutsamen Anstalt ihre werktätige Hilfe nicht versagen werden. 3fr 3fr Berlin, 8. Juni. In zwei stark besuchten Versammlungen, welche die Berliner Zionistische Vereinigung nach dem großen Saale des Palasttheaters, am Zoologischen Garten und nach der Philharrnonie einberusen, hatte, wurden, die Beschlüsse der Friedenskonferenz in San Remo gefeiert. Die bekanntesten Redner der zionistischen Bewegung gaben der großen Befriedigung der deutschen Zionisten über diese Beschlüsse Ausdruck. Zu Tausenden waren die Juden Berlins zu diesen Feiern gekommen. Besonders zahlreich war die Jugend erschienen, die mit unendlichem Enthusiasmus den Rednern zujubelte. Aus dem künstlerischen Teil der Veranstaltungen sind die Gesänge hervorzuheben, mit denen Oberkantor David s oh n die Feiern verschönte, sowie die Oraelvorträge des Organisten Otto Le v y. W. Posen, 4. Juni. Zur Geschichte der Posener Juden und ihres Schulwesens schreibt Dr. G. Perser in der hier erscheinenden „Posener Jüdischen Zeitung" unter anderem: Noch folgereicher waren die Bestimmungen, welche das Schulwesen betrafen, sie sind -ein Markstein in der kulturellen Entwicklung der Juden der Provinz Posen geworden. Die Vorstände der Korporationen wurden dafür verantwortlich gemacht, daß kein jüdisches Kind, vom 6. bis zum vollendeten 14. Lebensjahre sich dem Besuche einer öffentlichen Schule, einer jüdischen- oder christlichen, entziehe. Die Bestimmung, welche das Verfügungsrecht der Eltern über ihre Kinder so wesentlich einschränkte, mutet uns heute fremdartig an. Man stelle sich vor, was es bedeutete, daß jetzt die Entwicklung jedes jüdischen Knaben gewissermaßen amtlich beaufsichtigt wurde. Aber es ist kein Zweifel, daß die Anordnung, konsequent durchgeführi, von segensreichsten Folgen sein mußte. Das empfanden auch die Judender Provinz, denen der Posener Dolmetscher I. W. Eichborn die Verordnung, in zwei Schriften erläuterte. Dex 2. April 1834, an dem die ersten Repräsentanten gewählt wurden, wurde von ihnen festlich begangen. Man speiste die Armen und kleidete die Waisenkinder neu ein. In Posen wurde die Verordnung auf einem Sammetkissen durch die Judenstrahe getragen, abends war sie festlich beleuchtet. Die Ausführung der Verordnung wurde streng gehandhabt. Die Listen der jüdischen Schulkinder mit