Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Vor teilt sie geflohen ist, erschüttert in ihrer schweiggewohnten Seele, da sie ihm gesprochen hatte von ihrem Allerinnersten. - v Wie sie daliegt, saust ihr das Blut in den Adern. Raschelt eZ nicht irgendwo? -r- In der Luderwirtschaft der Kurtze fehlt es gewiß nicht an Mäusen und Ratten. Ratten? — Esther sieht die Falliera vor sich und Grünerz, und mit ihnen denkt sie jenes Glaubens an die Ratten. Me ward das nun mit Grünerz' Prophezeiung? Ist sie eine berühmte Tänzerin geworden? — Eine ganz große? — Sie ertanzt ihren Unterhalt — knapp den Unterhalt, das Ueberflüssige müssen die Karikaturen hergeben. Geschieht ihr nicht unrecht vom Leben? — Ach nein, denn — eine Künstlerin, geboren für diese Kunst, die sie da übt, o nein, das ist sie nicht. — Wie hat doch damals Peter gesagt: „Sonderbar, daß Sie aus Haiderstadt sind." — Hatte er nicht recht? — Man ist nicht umsonst Veit Steins Tochter aus Haiderstadt. Man bleibt in seiner Seele das brave Judenmädchen und geht fast zugrunde über der ersten Liebschaft, weil sie — eben nur eine Liebschaft gewesen ist. Ach nein, aus diesem Holz werden nicht die großen Tänzerinnen geschnitzt. Aus welchem Holz denn, Esther? — Eine Kokotte großen Stils hat ein kleines Mädchen von einem Prinzen gehabt, oder aber bloß — bloß? — von einem aus Genieland. Oder eine nichtsnutzige Dirne gebar — Gott allein weiß von wem — ein lichthaftes Wesen. Siehst du, Esther, daraus werden die großen Künstlerinnen. Sie steigen empor, machen vieler Menschen Herzen froh, und — nach Jahren sagt dir eine Notiz in der Zeitung unterm Strich, die einst Gefeierte sei irgendwo in Amerika auf dem Strohsack verfault. — Oder? — sie habe „sich ins Privatileben zurückgezogen" und einen regierenden Herzog zur linken Hand erheiratet. — Alles nicht für Esther Stein aus Haiderstadt. Ach nein, die Ratten rascheln nicht ihr Heil. — — Gleich den ersten Abend, da Esther in Berlin auftritt, wird chr ein großer Blumenstrauß gereicht. Ein runder, bunter Strauß, von einer weißen Papiermanschette umgeben. Das moderne. Biedermeier. Doch sieh mal an: Diese Spitzen sind nicht aus Papier, auch nicht leicht aus Tüll, oder — nein, da hat man wirkliche Brüsseler Kanten herumgelegt. Donnerwetter — denkt Esther —, soll da nicht ein Irrtum sein —? Hinter der Kulisse wartet — der Prinz. Esther ist dankbar, mit einem Menschen plaudern zu können. Aber — nein die Spitzenmanschette — nein, dafür müsse sie danken. Sie könne nicht Geschenke annehmen von Menschen, bei denen sie sich — voraussichtlich — niemals werde revanchieren können — spricht Veit Steins Tochter. * Draußen am See macht Peter Pattendorss weite Spaziergänge. Allein. Oder auch mit seiner Cousine Rhena Rheinthal. Die kleine elternlose Rhena ist im Hause Pattendorff erzogen worden und bewohnt auch während des Sommers draußen mit der Familie das Landhaus. Und es verbindet sie mit den Söhnen ein frvundlich-geschwisterliches Band. „Rhena, sind wir nicht ein törichtes Paar Leute, du und ich?" „Ja, Peter, das kann nicht geleugnet werden." „Was müssen gerade wir zwei uns in Künsklerleute verlieben! UebrigenS den Horst wert' ich nächstens herkriegen. Er hat nicht seine Mimen ins Haus zu schleppen, bloß um unser Kind weinen zu machen. Schlag' ihn dir aus dem Kopf, Kleines." „Und was gedenkst du zu tun, Peter?" „Ich bin eben dabei, wie du siehst." „Und warum willst du das tun?" ,Weil — ach, das kann ich dir nicht sagen, das gehört nicht für ein junges Mädchen." „Unsinn, Peter, tu dich nicht so." „Schwesterlein, kleines," wird er weich, „ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst." „Also, Peter, hör mal zu, da sind dreierlei Möglichkeiten: entweder sie mag nicht heiraten wegen ihres Berufes. Oder sie sehnt sich nach einem anderen. Oder sie gehört schon einem. Oder — halt — da ist noch ein vierter Fall — oder sie hat einem anderen angehört und du . . ." „Donnerwetter, Rhena, du bist ja hellsehend." „Nein, aber ich bin eine Frau. Und dann — ich kenne die Künstler." Und sie seufzt. „Armes Kind, schau bloß, daß du ihn los wirst in deinem Herzen." „Ich — ich kann nicht, Peterl, ich kann wirklich nicht," und wischt insgeheim die Augen, „aber reden wir von dir. Sieh mal Peter, der Rudi hat mir immer was zu beichten, jeden Sonntag." „Das ist doch ein Mann." „Darauf kommt's nicht an; ein Künstler ist er, so wie sie eine Künstlerin." „Nein, Rhena, der Vergleich ist schief, sie ist zuerst Weib, will auch gar nicht anders genommen sein." „Na dann sei doch zufrieden, dann wird sie bald ganz allein nur dir gehören. Ich beneide dich, Peter. Und wenn ich du wär' ..." rV‘ _ „Dann tat’ ich nach Berlin schreiben. — Ihr wärt verlobt." — Darauf setzte sich Peter Pattendorff hin und schrieb. Wie er aber zu Ende war, schloß er den Brief in seinen Schreibtisch und studierte, zu welchen Stunden die Eisenbahnen nach der Hauptstadt des Reiches fahren.- Frau Kurtze hieß den jungen Herrn im Wintergarten Platz nehmen. Der „Wintergarten" war ein kleiner Korridor, der die vorderen Räume mit dem „Berliner Zimmer" verband. Und bestand aus zwei Palmen und einem Gummibaum. Fräulein Sterstein müsse jeden Augenblick nach Hause kommen. Und der Herr — „jewiß 'n Vawandta?" — könne ganz unbesorgt sein, das gnädige Fräulein habe die besten Kritiken, die ganze Pension wäre stolz aus sie.. Und letzten Sonntag zwischen zwölf und eins habe sogar ein leibhaftiger Prinz seine Visitenkarte „abjeworfen". Und wenn Frau Kurtze nicht so unzuverlässige Dienstboten hätte, würde sie schon selbst mal... Da ging die Türe auf. Und — „Peter!" — Da war Frau Kurtze überflüssig. Und alle anderen Menschen auch. Lüchrrrinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurüchenduyg der Bücher findet _ in keinem Falle statt. Erste und zweite Mitteilung auseinem Briefwechsel von S a m> son Raphael Hirsch. Zweite, nach den Korrekturen des Verfassers verbesserte Auflage. Verlag, vorr Sänger u. Friedberg, Frankfurt a. M. 1920. Preis elegant gebunden 10 Mark und 20 Prozent Aufschlag. ' Rebecca öder Das jüdische Weib in seinem religiösen Berufe. Eine Federzeichnung von Abraham L e v i. 2., Verbesserte Auflage. Frankfurt a. M., Verlag von Sänger u. Friedberg. 1920. Preis hochelegant gebunden 9 Mark und 20 Prozent Aufschlag, . Adam Röder. Der deutsche Konservatismus und die Revolution. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha. . Das romanische Judettbad im alten Shnagogenhiofe zu Speier am Rhein. Geschildert von Prof. Friedrich Zoh. Hildeb ranp. Mit 15 Abbildungen. Speier 1920, Verlag von.D,. Ä. Kochs Buchhandlung.