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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-11 · Heft 24 (11.6.1920) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 und umgekehrt. Wenn such so manchem Weibe in dieser Gräberwelt nachgerühmt wird, es sei „emmannig" (das ist nur einmal verheiratet), und so manchem Manne, er sei „keusch" gewesen in seiner Ehe, so kamen natürlich dennoch Fälle vor, wo z. B. der Mann Nach dem Tode der Frau wieder zu einer Ehe ischritt. Davon scheint mir zu zeugen (die Herausgeber bemerken das nicht) die Nummer 121, wo der Mann das in zweiter Ehe geborene Töchterlein nach der Frau erster Ehe benennt; das ist doch bemerkenswert! Nicht verschwiegen soll mich werden der in einer anderen Grabstätte (Via Appia Pignatelli, hier Seite 170 angeführt), einem Manne gewordene' Nachruf: „Viele Menschen hatte er im Leben erfreut." Archer den allgemeinen Sprachverhältnissen, die von den Inschriften sozusagen herabznlesen sind, indem man Griechisch vorherrschend findet vor Lateinisch, wohingegen Hebräisch fast gar nicht hervortritt, sind auch noch spezielle Spracherscheinungen in großem Maße wahrnehmbar. Man merkt die Anknüpfungen an den weltbeherrschenden Hellenismus, aber auch die Abweichungen von demselben. Namentlich gibt es schon genug Wortformen, die an das Neugriechische erinnern. Besonders interessant aber gestalten sich diejenigen ' Sprachwendungen, die an eine Bibelstelle anknüpfen; da sieht man akkurat, daß die Juden der Diaspora sich nicht an den griechischen Septuaginta-Text hielten, sondern die Aquilasche Uebersetzung bevorzugten; jener Text nämlich ist ihnen durch den Gebrauch, den die christliche Kirche davon machte, verleidet worden. In bezug aus die nachher so weltbeherrschend gewordene lateinische Bibel konnte ermittelt werden, daß es Ansähe zu einer lateinischen Bibelübersetzung schon damals gegeben haben müsse, und da kommt wenigstens mir unwillkürlich der Gedanke, daß die Juden Noms möglicherweise an dieser Uebersetzung sogar beteiligt waren; gelehrt waren sie dazu genug. Doch, den meisten Ertrag ziehen wir aus diesen neuen Inschriften für die Kenntnis des intensiven Synagogenlebens in Rom. Zu den alten Synagogennamen in Rom kommen hier neue, und mit jedem dieser Namen, mit jedem Vorsteher, Gelehrten oder Beamten einer Synagoge, der auf einer Grabschrift genannt wird, lebt für uns ein Stück Altertum auf. Auf drei Inschriften (Nr. 109, 110, 111) wird hier das erste Mal die Synagoge der Vernaculi genannt, das ist die Synagoge derer, die einst als Sklaven des kaiserlichen Hauses geboren worden waren und die hernach — so dürfte zu ergänzen sein — ihre Befreiung erlangt hatten. Bei diesem Begriff fühlt man sich sofort an die Libertiner-Synagoge in Jerusalem (Apostelgeschichte 6, 9) erinnert8). Solche Kaisersklaven gab es natürlich auch in der Provinz, unter anderem auch in Kleinasien, wie das Wort „es grüßen euch die aus des Kaisers Hause" bei Paulus (Phil. 4, 22) beweist. Wäre aber da nicht zu erinnern an die zahlreichen „Gleichnisse" in Talmud und Midrasch, in denen von einer F a m i l i a (das ist Sklavenstand) des „Königs" gesprochen wird? Nun, die rabbinischen Parallelen fehlen noch in dem glänzenden Werke! Das ungemein intensive Synagogenteben hat auch seinen Ausdruck gefunden in den Abbildungen synagogaler Art, die man'so zahlreich auf diesen Grabsteinen findet. Es sind das nicht sowohl Symbole des Judentums, womit sich der Ver-! storbene etwa als zugehörig zum jüdischen Volke bekennen' wollte, sondern Vorstellungen vom Tode und vom Jenseits, Hoffnungen und Wünsche, die durch die stummen, aber dennoch gut verständlichen Zeichen der Synagoge ausgedrückt werden sollen. Der Verstorbene nimmt eigentlich die Synagogeneindrücke, die er im, Leben gewonnen, mit in das Grab. Darum wohl ist aller figuraler Schmuck dieser Gräber aus der Syn- 8) Lateinisch I i b e r i i n i. heißt: befreit» Sklaven. agoge genommen: der siebenarmige Leuchter, der Thvraschrein, Palmzweig (Lulab) und Ethrog, Horn (Schofar), Oelkrüglein und noch einige Kleinigkeiten. In unseren neu gewonnenen Inschriften ist namentlich der Thoraschrein manchmal so gelungen dargestellt (man sieht B., wie etwa 6 Rollen in den Fächern des Schreines liegen), daß wir gleichsam das Innere einer alten römischen Synagoge dargestellt wähnen. Dies mag uns hinwegtrösten über die schmerzliche Tatsache, daß uns keine Ruine einer altrömischen Synagoge erhalten geblieben ist. Noch aber harren diese Figuren der richtigen Deutung. Das Ding z. B. in Nr. 31, das neben der in sehr großen Maßverhältnissen abgebildeten Lampe zu sehen ist, ist keine Schreibbasel und auch keine „Rechentafel", sondern die geöffnete Thorarolle mit den zwei Pfosten, auf die das Pergament aufgewickelt ist. In Nr. 35 sieht man dasselbe Bild nur noch deutlicher, nur hat der Steinmetz") ungeschickterweise auch noch einen Giebel und Fächer eingeritzt, als ob es sich um einen Schrein handeln würde. Der ganze Schrein aber — das sieht man an den anderen Bildern'") — wäre unmöglich so unscheinbar klein ausgefallen neben der mächtigen Menorah! In Nummer 129, wo neben der Menorah drei Ringelchen zu sehen sind, begnügte sich Herr Müller zu sagen, „tellerförmiges Gerät" (so in der Einzahl), aber es sind die Oellämpchen, die man auf die Zweige der Menorah anfsetzt; außer ihnen befindet sich auch ein Oelkrug auf dieser Platte. Ganz anachronistisch ist es, in Nr. 40 von „Kerzen" zu sprechen; der Ausdruck ist wohl nur verfehlt statt „Oellampen", deren Bild man deutlich sieht. Wir scheiden von der Lektüre dieses Werkes mit der größten Befriedigung; die Herausgeber, der Verlag und die „Gesellschaft" haben da ganz Hervorragendes geleistet, und ihnen gebührt unser Dank um so mehr, als sie es in schweren Zeiten und unter schwierigen Verhältniffen getan hatten. ktther. MllL® (Schluß.) Roman von C l e m e it t i tt e Krämer. uch der nicht." Sie erwidert es trotzig und stößt den Sonnenschirm auf den Boden. „Auch der nicht! Denn ich habe nichts als meine Freiheit — und die will ich behalten. Ich kann mich nicht — auch wenn ich ihn sehr lieb habe - des Bürgermannes Urteil unterstellen." Er beißt sich auf die Lippen. „Bürgermann! — Hat sie recht? — Gewiß hat sie recht," denkt er. „Sie mußte so sein, so werden. Da gab es nichts zu verdammen, aber — darüber kommt kein Mann hinweg." * „Die Sterstein!!!" —- „Die Sterstein kommt!!!" — „Wann kommt die Sterstein???" — „Die Sterstein ist da!!!" So und ähnlich heißt es mitten in Berlin an den runden Säulen. Und wenn eS dunkel wird, schreit es die Lichtreklame den Vorbeigehenden in die Augen hinein. Dies hindert aber nicht, daß Esther in der billigen Pension der Frau Kurtze im Dunkel in ihr fremdes Lager kriechen muß. „Denn — sagt ihr die Frau — det Jas jeht nich, un der Jasmensch kommt nich, nischt zu machen." Und Esther liegt und sehnt sich heim. Heim? — Heim nach Haiderstadt? — Ach nein — heim — heim — zu — Peter. 9) Die Steinmetzen haben auch in die Inschriften viele Fehler hineingebracht. '") Siehe Nr. 179 und 180 (S. 44 fehlerhaft als Nr. 173. 174 bezeichnet).

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