Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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‘274 - Ihm standen mehrere namhafte Gelehrte zur Sette, darunter auch Semitisten von Fach, obzwar für sie wenig zu tun war, da mir die allerwenigsten Inschriften dieser Katakombe, was übrigens auch von den anderen jüdischen Katakomben gilt, hier und da eine formelhafte hebräische oder aramäische Sprachwendung aufweisen, und etwas schwieriger zu entziffern war nur die Nummer 142. der Sammlung, die ganz hebräisch ist, aber auch nicht entziffert werden konnte ... Da wird der Meister noch erst kommen müssen. Der Großteil der Inschriften ist griechisch, und da hat Herr N. A. Bees seine ganze große griechische Gelehrsamkeit spielen lassen, um in diesen Winkel der griechischen Welt hineinzuleuchten. Meines Erachtens ist er hierin in nebensächlichen Dingen sogar zu weit gegangen. Aber auch Herr Professor A. D e i ß m a n n in Berlin, der Leiter jenes Seminars, ein Mann übrigens, den ich im persönlichen und schriftlichen Verkehr zu achten und zu schätzen gelernt habe, hat fein spezielles Studium, die neutestamentliche Gedankenwelt, allzusehr in diese schlichten jüdischen Denkmäler hineingearbeitet, manchmal, wie es mich bedünkt, zu unrecht, was ich aber an dieser Stelle im einzelnen nicht erweisen kann. Doch das Gebotene nehmen wir dankbar an. Aber ich frage: Wo bleibt in diesem Stabe von Gelehrten der speziell rabbinische — nicht bloß jüdische — Gelehrtes? Hätte es nicht ebenso nahe gelegen, für diese „neutestamentliche Zeitgeschichte" das rabbinische Schrifttum anznrufen? Anch dessen Gedankenwelt ist in diesen jüdischen Denkmälern zum Ausdruck gekommen! Die Gesellschaft zur Förderung der Wisfenjschaft des Judentums, die Patronin des Unternehmens, hat es an diesem einen Stück der Fürsorge dennoch fehlen lassen. Wir geben unumwunden zu, daß keiner der in unseren Gesichtskreis fallenden jüdischen Gelehrten die Sache hätte so gut machen können wie N. Müller und nach ihm N. A. B e c s; aber das schließt doch nicht aus, daß ein rabbinisch geschulter Mann zu Rate gezogen werde. Ein 'solcher hätte znm Beispiel nimmer zugegeben, daß der Name M a n ch a s, als Homonym von Me nach em schon richtig erklärt, an Mansch äth (Gen. 36, 23), der ein Abkömmling Edoms ist. erinnere, wie auf Seite 3 angemerkt wird. Eine Anzahl der Inschriften ist lateinisch, und gerade unter diesen gibt es welche, die von großem Werte sind, zum Beispiel gleich die Nummer 1, in der ein „Archont des Hohen Oberrates" erwähnt wird, oder die schon seit der kurzen Zeit der Veröffentlichung berühmt gewordene Regina-Inschrift (Nr. 145), in welcher der erste Herausgeber, Professor E. B o r - mann in Wien (seitdem verstorben), „Spuren von der Wirkung des Apostels (Paulus) oder derer, die vor oder nach ihm in diesem römischen Kreise, dem jüdischen, die Lehre des Heilands verkündeten", erblicken wollte'). Bei dieser Lage der Dinge kann es sogar zweifelhaft sein, ob die gedachte Inschrift jüdisch und nicht vielmehr christlich ist; das gewöhnliche jüdische Emblem dieser Gräber, der siebenarmige Leuchter, fehlt in der Tat aus dieser Marmorplatte. Bei anderen in die Sammlung aufgenommenen Inschriften ist wieder der heidnische Charakter nicht ganz abzuweisen. Darüber, wie heidnische oder christliche Personen in die ausgejsprochen jüdische Grabstätte sollten hiueingekommen sein, sprechen sich merkwürdigerweise unsere Gelehrten nicht aus; von meiner Ansicht, daß einzelne Grabgenossenschaften sich einfach in den Besitz von früher existierenden Grabstätten setzten"), so daß z. B. Juden oder Christen eindrangen in heidnische Kataff Professor Eugen Mittwoch, der genannt wird, hat sich um die Sache offenbar keine besondere Mühe gegeben. ff Professor De iß mann hat zu dieser Inschrift eine schone sprachliche Analyse geliefert, die auch theologisch sehr belehrend ist. ff Zur Katakombenforschnng. In der Berliner- Festschrift (1908), Seite 212. famten, deren heidnische Gräber und heidnische Symbole nicht einmal notdürftig entfernt worden waren — von dieser Ansicht haben sie keine Notiz genommen. Der Gewinn, den wir aus den neuveröffentlichten, über 180 Inschriften ziehen, ist ein ungeheurer. So nichtssagend, so formelhaft, so trocken in den überwiegend meisten Fällen diese Inschriften auch sind und so vieles auch von ihnen durch Zerstörung und Verwitterung verloren gegangen ist, so bleibt doch ein beträchtlicher Rest zurück, der eine beredte Sprache führt und uns Kunde gibt von Dingen, die wir sonst nie gehört hätten. In dieser Beziehung können freilich die Inschriften am Montoverde nicht für sich allein betrachtet werden, sondern im Zusammenhänge mit den Inschristen der übrigen jüdischen Katakomben in Rom. weil das Bild des Lebens, das sie enthüllen, in allen so ziemlich dasselbe ist. Bekanntlich hat E. Schürer sowohl in einem Spezialwerke als auch in seinem großen Geschichtswerke auf Grund der Katakombeninschristen ein treffendes Bild der inneren Zustände der Juden in Rom entworfen, und dasselbe taten auch A. Berliner und Bogelstein-Rieger in ihrer „Geschichte der Juden in Rom""). Nun auch die Inschriften am Monteverde hiuzukommen, kann dieses Bild bedeutend ergänzt und erweitert werden, ja, gewisse Züge kommen neu hinein. Man denke sich nur auch die ungeheure Bereicherung der Namenkunde der Juden. Hunderte von Details treten hier neu aus. Interessieren können uns z. B. Namen, die aus der heidnischen Götterwelt genommen sind; so hieß z. B. ein Archont, das ist ein jüdischer Vorsteher, Hermogenes, das ist von Hermes geboren (Nr. 132). Hat man schon früher aus den Grabinschriften die Proselytin Beturia Pauli na in Rom gekannt, die mit ihrem jüdischen Namen Sara hieß, so kennt man jetzt (Nr. 77) die Proselytin Felicitas, jüdisch etwa Noemi geheißen (die Lesung steht nicht fest), deren Jahre, wie auch im Falle der Sara, von dem Momente des Uebertritts zum Judentum gerechnet werden. Das Grabmal hat ihr der ungenannt gebliebene „Patron" gestellt, wahrscheinlich der jüdische Herr, der aus der heidnischen Sklavin eine Gläubige in Israel gemacht hat. Ist das nicht ein Stück zärtlichen Familienlebens? Doch dafür sind wir nicht aus Andeutungen angewiesen; das innige, reine Familienleben, wie es einer jüdischen Gemeinschaft geziemt, ist durch die Katakombeninschriften hundertfach bezeugt. Ein köstliches Juwel unter diesem Grabesmoder ist die vorhin genannte Regina- Inschrift, das, lateinisch und metrisch verfaißt, wahrlich verdient, den weitesten Kreisen bekannt gemacht zu werdenff: Hier ist Regina beigesetzt, in einem so schönen Grabe geborgen. Wie es ihr Gatte, ihre Liebe vergeltend, nur hat errichten können... Wieder ins Loben, wieder zum Lichte wird sie zurückkehren ... Solches wird dir sichern deine Frömmigkeit, solches dein keusches Leben. Solches auch deine Liebe zum Stamm, solches deine Hochachtung des Gesetzes, Dein Verdienst um die Ehe, Heren Ruhm deine Sorge war. Für solches Tun darfst du Künftiges erhoffen. Und auch der trauernde Gatte sucht darin feinen Trost. Die innige Gemeinschaft zwischen den Ehegatten findet noch beredteren Ausdruck unter anderem in Nr. 34, 66, 112. Aber ebenso rührend ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern °) Es ist immer freudig zu begrüßen, wenn jüdisches Wissen unserem Volke auch in hebräischer Sprache, vermittelt wird. Aber das hebräische Werk von A. Kahana. „Geschichte der Juten in Rom", Warschau 1901, Verlag Tuschijja. ist wenig originell. ff Mit Auslassung von einigen Zeilen.