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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-11 · Heft 24 (11.6.1920) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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diese Lösung muß doch vom christlichen Standpunkt weit eher befriedigen als die Beibehaltung desbisherigen Zustandes. Die Frage hat aber noch ein anderes Gesicht, und hier muß der Zwnismus nachdrücklich fordern, daß die Christenheit ihm mit Verständnis begegnet. Auch den Juden ist Palästina das Heilige Land, doch nicht allein heilig wegen der religiösen Erinnerungsstätten, die auch das Judentum dort findet, sondern heilig als das beut jüdischen Volk von Anbeginn seiner Geschichte zugeschworene Land. Wenn sich die Christenheit vcr manchen Orten 'und Platzen- Palästinas in religiöser Andacht neigt, so ist ganz Palästina den Juden das Land der nationalen Sehnsucht,' des Glückes, der Freiheit und — in unseren. Tagen — der Wiedergeburt der jüdischen Nation. Tie christlichen Völker mögen bedenken, daß das heimatlose, in Osteuropa 'verfolgte, in Westeuropa geschmähte jüdische Volk in Palästina, und nur -in Palästina die Heimat für seinen Volksorganismus wiederfinden kann. Dies bedeutet zugleich die Besiedlung und Entwicklung, eines heute verödeten und verwüsteten Gebietes. Kein anderes Kulturvolk kommt als Einwandererelement für Palästina in Betracht. Ist es in unserer Zeit des Produktionsruius und der Weltverarmung nicht freudig, zu begrüßen, daß das jüdische Volk nach Palästina zurückströmt, um aus der steinigen Einöde von heute wieder einen prangenden Garten zu machen? Und bedeutet es nicht Intoleranz und Uebelwollen gegen das Judentum, ihm diese für sein Dasein lebensnotwendige Kolonisation in Palästina zu verwehren? Soll das jüdische Volk weiter heimatlos herumirren und sein Land brachliegen lasten? Die christliche Welt muß also bedenken, daß es sich bei der Palästinaf-rage -nicht nur um die Frage der heiligen Stätten, sondern zugleich um die wirtschaftliche und politische Zükunf-t des Landes, umseine Bewohnerschaft und zugleich um die Existenzfrage der jüdischen Nation handelt. Bei einer gerechten Prüfung aller dieser. Gesichtspunkte muß sich der Zionismus als eine harmonische Lösung der wirtschaftlichen, politischen- und kulturellen Seite des Palästinaproblems darstellen, und seine Förderung, bedeutet zugleich einen Akt der Menschlichkeit gegenüber dem jüdischen Volk. Die Frage'der heiligen Stätten ist unabhängig von, der Kolonisation des Landes durch die Juden. Sie kann ohne Schwierigkeit eine Lösung finden, uüd wir meinen, daß schon in der Aufsicht des Völkerbundes über Palästina eine Gewähr dafür geboten ist, daß die Empfindungen der Christenheit volle Berücksichtigung finden, ganz gewiß keine geringere Berücksichtigung, als unter der vierhundertjährigen Türkenherrschast. So viel zur Aufklärung über den Zionismus. Noch ein anderer Punkt des obenerwähnten Leitartikels der „Germania" sei erwähnt. Es wird in dem Artikel die Frage aufgeworfen, wie es kam, daß die an Zahl geringen Juden, ihre Absichten bei den vers ch i e d e n e n R e g i e r u ng e n verwirklichen könnt e n. Vollkommen richtig ist, daß sowohl die Ententemächte wie die Zentralmächte sich im Laufe des Krieges für den Zionismus interessiert haben. Aber dieses Interesse ist aus andere Weise erweckt worden, als in dem Leitartikel der „Germania" angenommen wird. Nicht einige persönliche Freunde und Ratgeber führender.'Staatsmänner haben diese für den Zionismus gewonnen (wenn auch selbstverständlich hier und da eine persönliche Beziehung benutzt worden ist), sondern die Zionistische Organisation als solche hat frei und offen mit den Regierungen verhandelt, hat ihnen die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der N-eubestedlung Palästinas durch die Juden vor Augen geführt, und hat so das Interesse der Regierungen gewonnen. Hinter dem Zionismus stehen 90 Prozent aller Juden auf der Welt, deren Zahk^heuie 15 Millionen beträgt. Die Staatsmänner haben eben eingesehen, daß hier ein Volk zur Heimat zurückkehren will, und ihre Weitsichtigkeit hat erkannt., daß es vom Standpunkt der Menschlichkeit wie der staatlichen Interessen zu begrüßen ist, wenn das jüdische Volk als' tätiges Glied wieder in die Reihe der lebenden Nationen eintrit-t. Die Zionisten haben ihre Pläne von der ersten Stunde an in voller Oefsentlichkeit verkündet. Sie haben nichts zu verschweigen, und sie protestieren nachdrücklich gegen die antisemitische Unterstellung, daß das Judentum sich durch Verfolgung g e h e i m e r P l ä n e u n. d Ben u tz u n g verborge n e r Wege irgendwo in der Welt Vorteile zu sichern suche. Solche ^Behauptungen, die auf die dunklen Instinkte der unwissenden Menge spekulieren und sehr geeignet sind, eine gefährliche Verwirrung in den Köpfen anzurichten, - werden jetzt Tag für Tag von der antisemitischen Presse verbreitet. -Anklänge daran finden sich bedauerlicherweise auch in dem Leitartikel der „Germania". Es wird auf geheime Pläne und Abmachungen des internationalen Judentums hingedeutet und erwähnt, daß die Meinung bestehe, Juden und Freimaurer benachteiligten die Valuta der katholischen Länder. Ferner soll die Ueberweisung Kon staut in opels, Danzigs und Fiumes an den Völkerbund mit jüdischen Einflüssen Zusammenhängen. Es muß mit aller .Entschiedenheit sestgestellt werden, daß alle derartigen Kombinationen vollkommen haltlos sind. Gerade die Zionisten haben das volle Recht, indieser Sache zu sprechen, denn sie verfügen Über eine internationale Organisation und pflegen den Zusammenhang der Juden in der ganzen Welt. Eben deshalb wissen die Zionisten am besten, daß die jüdischen Bestrebungen in der Welt nichts anderes zum Ziele haben, als was in voller Oessentlichkeit jetzt, und früher verkündet worden ist. In den letzten Kriegsjahren haben in der Tat die Zionisten und unter ihrer Führung weiteste jüdische Kreise nachdrücklich jüdische Politik getrieben, vor allem während der Pariser Friedenskonferenz. Die Ziele dieser Politik sind niemals -verheimlicht worden, sie waren: 1. die Durchführung der zionistischen Forderungen betreffend Palästina; 2. die Durchsetzung der bürgerlichen und nationalen Gleichberechtigung der Juden in den Ländern Osteuropas, in denen -sie diese Gleichberechtigung 'bisher nicht besaßen, bzw. in den von der. Pariser Friedenskonferenz geschaffenen neuen Staaten in Mittel- und Osteuropa. Die Juden nehmen für sich das Recht in Anspruch, zugunsten ihrer bedrängten Brüder in der ganzen Welt zu handeln, und sie werden von diesem Recht stets Gebrauch machen. Aber sie haben nichts zu verheimlichen, und die Behauptungen, die die alldeutsche und antisemitische Presse heute über angebliche jüdische Geheimpläne und Weltherrschaftspläne verbreitet, sind ui ch t s als eine S a m m l u n g der d ü irt m st e n und s r e ch st e n Lügen. Wir sind überzeugt, daß die katholische Welt von einer so niedrigen Judenhetze, wie sie heute betrieben wird, sich ihrer Tradition getreu freizuhalten bestrebt ist. Kein Mensch von religiösem Empfinden, welchem Glauben er auch angehören mag, kann es billigen, daß gegen andere Menschen fortgesetzt eine so niedrige, verlogene Kampsesweise angewandt wird. Letzten Endes wird dadurch nicht die jüdische, sondern die d e u t s ch e Sache Schaden erleiden, denn das Gift solcher Lügen kann die Juden nicht verderben, wohl aber die Moral derjenigen, die sich des Giftes bedienen, und des Volkes, das solche Giftnahrung ausnimmt. Die Zionisten wollen ihr Werk von Verdächtigungen reinhalten; die 'ganze Welt soll wissen, was der Zionismus will und was er tut. Wir sind überzeugt, daß es nur der Aufklärung und einer gerechten Beurteilung bedarf, damit der Zionismus die Zustimmung der gesamten Kulturmenschheit findet. Diesen Ausführungen schickt die „Germania" eine etwas gewundene redaktionelle Bemerkung voraus, die bezeichnend für die Gesinnungstüchtigkeit dieses den Antisemitismus Perhorreszierenden Blattes ist. Die Bemerkung lautet: Die „Germania" ist bekanntlich nie antisemitisch gewesen und kann es nicht sein. Deshalb geben wir nachstehenden Ausführungen in unseren Spalten gern Raum. Wir berühren solche Themata nur aus dem Bestreben heraus, der Wahrheit den Weg zu bahnen; daran muß auch das Judentum selbst interessiert sein, daß alle jüdischen Probleme, die wahrend des Krieges und seit Friedensschluß mehr denn je erörtert werden und zweifellos manchen loyalen Christen Schwierigkeiten bereiten, restlos aufgeklärt werden. Ob das in der palästinischen. Frage und in anderen Angelegenheiten, die in der „Germania" vom 5. Mai behandelt wurden, in den bezeichneten Artikeln geschieht, müssen wir dem Urteil der Leser überlassen.

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