Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
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269 was den Gegenwärtigen als lobens- oder tadelnswert erscheint. So verfährt auch Delitzsch. Er findet, z. B. eine Etymologie „haarsträubend", weil sie nach den Erkenntnissen der gegenwärtigen Sprachforschung! so beurteilt werden müßte. Aber der Geschichtschreiber weiß, daß vieles von dem, was in dev Gegenwart allgemein anerkannt wird, einst ganz anders gewesen ist und daß er daher die Vergangenheit nicht sowohl nach absolutem, ein für allemal feststehendem Maßstab beurteilen darf, sondern gewisse relative Maßstäbe anzuwenden verstehen muH. So ist z. B. der Monotheismus, zu dem sich Israel auf seiner höchsten Stufe emporgeschwungen hat, eine ungeheure Erhebung über die Vielgötterei des Altertums und darum als ein gewaltiger Fortschritt anzuerkennen; anderseits hat es der Gottesbegrifs Israels nicht vermocht, die Gedanken der Nationalreligion, aus der er entsprossen war, endgültig von sich abzustoßen, und er ist insofern aus niedrigerer Stufe stehengeblieben. Daß Delitzsch aber diesen beiden unerläßlichen Forderungen einer vernünftigen, gerechten und besonnenen Geschichtsforschung nicht nachkommt, erklärt sich im letzten Grunde daraus, daß er die Stellung seiner Jugendjahre zur Bibel nicht grundsätzlich überwunden hat. Denn auch die Orthodoxie kennt in der Bibel um: Einzelheiten, einzelne Sprüche oder einzelne Geschichten und beurteilt alles unbefangen als Gottes Wort, d. h. nach absolutem Maßstab. Die Geschichtsforschung hat ihn also nur oberflächlich berührt, und nicht im Innern umgewandelt. So ist die Orthodoxie bei ihm in ihr Gegenteil umgeschlagen: eilte maßlose Verehrung ist zu einer ebenso maßlosen Verurteilung geworden. Ein solches Buch wie das von Delitzsch kann gewiß unter solchen, die der Wissenschaft ferner stehen, -viel Verwirrung anrichlen. Für die Forschung selber kommt es nicht in Betracht. Sie wird es, ohne viel Worte darüber zu machen, grundsätzlich '.blehnen und sich begnügen, gegenüber der leidenschaftlichen Verwerfung der israelitischen Religion darauf hinzuweisen, daß das Judentum der Mutterschoß des Evangeliums gewesen ist. An dieser weltgeschichtlichen Tatsache läßt sich nicht rütteln; und dabei ist es ganz gleichgültig, ob Jesus selber israelitisches Blut in den Adern hatte. Wenn Delitzsch ein hebräisches Lexikon schreibt, wollen wir gern von ihm lernen; Delitzsch als Geschichtschreiber der Religion ist uns keine Autorität. Nun hat das Buch aber noch eine andere Seite, die freilich mit der wegwerfenden Beurteilung des Alten Testaments nur lose zusammenhängt. Ja, es scheint beinahe so, als ob diese Seite erst nachträglich hinzugefügt worden sei. Doch stellt das Büchlein so wenig eine planvolle schriftstellerische Einheit dar, daß wir uns mit diesem Urteil auch irren können. Zu dem Zorn gegen die angeblich unwürdige Heilige Schrift gesellt sich dazu, besonders gegen Ende, der Zorn gegen das Volk, das sie hervorgebracht hat. Dieses Volk, so versichert er, stand von Anfang an „auch sittlich auf sehe tiefer Stufe". Später können „der Staat Juda und der Staat Israel als die verlottertsten Staatswesen bezeichnet werden, die jemals auf Erden existierten". Noch in der lebten Zert sind gewisse „abergläubische Bestimmungen" des Gesetzes „ein bedauernswertes Zeichen für den grenzenlosen Aberglauben selbst der Intellektuellen". Besonders aber, ereifert sich Delitzsch dagegen, daß, als Chrus den nach Babylonien fortgeführten Juden die Rückkehr in ihre Heimat erlaubte, doch nur ein kleiner Teil davon Gebrauch gemacht hat: das sei ein „Schandfleck" — so behauptet Delitzsch — . auf dem jüdischen Namen; damit habe, das Judentum seinen „ureigentlichen Charakter" enthüllt und sich selber „das Kainszeichen eines vaterlandslosen Volkes" aufgedrückt. Und nun springt er mit kühnem Sprunge in die Gegenwart über: „es liegt auf der Hand, daß ein solches absichtlich vaterlandsloses Volk für alle übrigen Völker der Erde eine furchtbare Gefahr darstellt". „Auch das deutsche Volk wird beizeiten sich den Schlaf aus den Augen reiben wüsten, um zu erkennen, daß die jüdische Frage vielleicht diejenige von allen Fragen ist, welche die ernsteste Behandlung erheischt." So endet der Gegner des Alten Testaments als „Antisemit", und zwar als Antisemit im eigentlichen Sinne: er weist auf das Schicksal des sumerischen Volkes hin, das von den in Babylonien eingewanderten Semiten schließlich aufgesogen worden ist. Letzteres ist freilich schon ziemlich lange her: etwa vier Jahrtausende! ' Fragen wir zunächst, rein vom geschichtlichen Standpunkt aus, chie diese Urteile von Delitzsch aufzufassen sind. Sie sind im ganzen ebensolche Uebertreibungen und Schiefheiten wie seine Urteile über die Bibel. Zwar der israelitische Volksgeist hat ebenso wie jeder andere seine Mängel und Flecken, die kein objektiv Denkender vertuschen wird. In Israel ist vielerlei geschehen, wovor man das Antlitz verhüllen möchte, und wo wäre es anders? Das älteste Volk zeigt manche barbarische Züge — aber daneben doch auch großartige! Seine späteren Staaten müssen zuletzt arg zerrüttet gewesen sein; — aber gerade in diesen Nöten sind die gewaltigsten Propheten erstanden und haben nicht nur ihrem Volke, sondern der Welt die hohen Ideale der Sittlichkeit verkündet. Das spätere Gesetz hat gewisse Reste aus der Urzeit aufbewahrt, die uns heute als Aberglaube erscheinen; — aber jede große geschichtliche Religion birgt — wie jeder Religionsforscher weiß — solche urtümlichen Bestandteile. Und etwas komisch wirkt die pathetische Deklamation gegen jene babylonischen Juden, denen ein sicheres Dasein in der neugefundenen Heimat besser erschien als ein Fortziehen in die verfallenen Trümmer der alten. Delitzsch übersieht dabei völlig, daß es ein gewaltiges Wagnis war, das frühere Vaterland, das, längst von Fremden in Besitz genommen war, aufzusuchen und sich an den schwierigen, gefahrvollen und vielleicht unmöglichen Wiederaufbau zu machen! Und bedenkt er nicht, daß die Idealisten, die für Heimat und Gott alles darangeben, in jedem Volke — auch in dem unsrigen — eine Minderheit darstellen? „Vaterlandslos"' aber sind die Juden — auch das steht über allem Zweifel fest — vor allem geworden durch die furchtbaren Gewalttaten der Weltreiche, die sie zur Ueberstedelung in die Fremde zwangen. Aber alle diese Uebertreibungen mögen hingehen. Unverzeihlich erscheint uns, daß Delitzsch von solchen Einzelheiten aus grauer Vergangenheit sofort den Sprung in die Gegenwart macht. Denn auch das ist ein schwieriges Ding, den Charakter eines Volkes zu beurteilen. Wie viele sorgfältigen und das Ganze umfassenden Untersuchungen sind dazu nötig! Ferner ist es dem Geschichtsforscher ein vertrauter Gedanke, daß auch die Völker sich in den Jahrtausenden ebenso wandeln wie die einzelnen Menschen in ihrer kurzen Lebenszeit, so daß oft, wie von dem Knaben zum Greisen, so vom Volk der Vergangenheit zu dem der Gegenwart kaum eine Brücke zu führen scheint. Darum verschone man uns damit, von Eiuzelzügen Israels oder des älteren Judentums aus irgend etwas über die Juden der Gegenwart aussagen zu wollen! Nur wer sich imstande fühlt, ein Gesamtbild israelitischen Wesens, wie es durch die Jahrtausende dahingegangen ist, zu entrollen, der möge uns zeigen, wie sich gewisse Seiten des Volkstums bis auf die spätesten Nachkommen vererbt haben! Dem Dilettanten verschließen wir das Ohr. Wahre, gerechte Geschichtsforschung kann auch in Fragen der Gegenwart von großer Bedeutung sein. In der Hand eines aufgeregten Mannes, gerade wenn er auf anderem Gebiete ein wohlverdientes Ansehen besitzt, können einseitige und mißverstandene geschichtliche Darlegungen eine schreckliche Wirkung tun und in einer Zeit, die mehr als jede andere des inneren Friedens bedarf, die Massen gegeneinander peitschen. * Aus Budapest wird uns geschrieben: Während in Budapest eine gewisse Sorte verantwortlicher Demagogen sich in denheftigsten Ausfällen gegen die ungarischen Juden ergeht und ihnen jede Berechtigung, sich als Ungarn fühlen zu dürfen, absprechen will, gehen die ungarischen Juden ruhig und unentwegt ihren Weg weiter. Wie sie ihre langebliche Agitation gegen Ungarn betreiben, ist auch aus den Nachrichten ersichtlich, die aus Amerika über die Tätigkeit dort weilender ungarischer Juden zu uns gelangt sind. Der noch jugendliche Sohn des Erzsebetsalvaer vetrt Vorort Budapests) jüdischen Kantors Turteltaub hält den freien Bürgern der United States Vorträge über Ungarn, in 'denen er die große Not, das Elend der ungarischen Hauptstadt schildert und um Gaben für sein ungarisches Vaterland fleht and in denen er für die Rechte seines ungarischen, von der Entente mit Zerstückelung bedrohten Vaterlandes in solch beredten Worten eintritt, daß er stets stürmischen Beifall auslöst und dem Ungartum schon unzählige Freunde gesichert hat. Und diesem Vaterlandsverräter Turteltaub schließen sich in würdiger Weise an: der einstige Buchdrucker und derzeitige Redakteur des „Amerikai Magyar Näpszava", Göza Berka, der in seiner Zeitung mit unverbrüchlicher Energie und stammender Begeisterung, für die Rechte Ungarns eintritt, der Pittsburger Insasse Ignatz Roth, der vor dem Präsidenten des ameri-