Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Erlverbsschichten, und der freien Berufe. Bei der stanzen- Anlage der Versammlung war es unmöglich, breite Schichten der Jüdischen Gemeinde einzuladen. Es war ja keine parteipolitische, sondern lediglich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung geplant. Die Versammlung wurde von Professor Titius geleitet. Herr Professor Staerk hielt einen sehr interessanten Vortrag, in dem er wesentlich das biblische Judentum mit hoher Begeisterung und mit gründlicher -Gelehrsamkeit würdigte. In der Debatte wurde der Wunsch laut, insbesondere die Frage zu diskutieren, ob das moderne Judentum noch dem Idealismus der Bibel und der Geschichte entspreche. Ausdrücklich wurde der Komplex der Probleme des Ostjudentums von der Erörterung ausgeschlossen. Als erster Redner trat nun der bekannte Antisemitensührer Professor Dr. Willrich vom hiesigen Staatsghmnasium auf. Er versuchte seine Argumente gegen das Judentum in ruhiger und sachlicher Weise vorzubringen. Die Herren Rabbiner Dr. Behrens und Rechtsanwalt Proskauer konnten ihn vom religionswissenschaftlichen und politischen Standpunkte aus schlagend widerlegen und fanden Unterstützung in den unbefangenen Ausführungen einer Lehrerin, Fräulein Pohlmann, die mit ihrem freimütigen Eintreten für die zu Unrecht verfolgten Juden stürmischen Beifall fand. Herr Professor Willrich wurde in seiner Erwiderung erheblich kleinlauter. Da hielt es Dr. med. P e y s e r, Assistenzarzt an der Chirurgischen Klinik, FührerderhiesigenZionisten, für notwendig, in diesem Kreise den deutschen Juden ihr Deutschtum, ihre deutsche Art in schärfster und rücksichtslosester Demagogie zu bestreiten. Herr Professor Willrich und seine zahlreichen Anhänger beugten ihr Haupt in Ehrfurcht und Befriedigung vor diesem ehrlichen Gegner, wie sie sagen. Wir aber müssen dieses Auftreten eines deutschen Zionisten als den Gipfel der Disziplinlosigkeit verurteilen, denn man reitet kein parteipolitisches Steckenpferd, wenn man den Abwehrkampf auf sachlich-wissenschaftlicher Basis versucht, und Herrn Dr. Pehser hatte niemand herausgefordert — und niemand zu dieser Versammlung eingeladen. Herr Dr. Pehser hat uns erheblichen Abbruch getan, aber auch seiner Parteisache einen schlechten Dienst erwiesen . . . Dixi. * Professor Friedrich Delitzsch, der bekanntlich mit seinen Schriften „Babel und Bibel" den lebhaftesten Widerspruch wissenschaftlicher Kreise herausforderte, gab nunmehr eine neue Schrift „Die große Täuschung" heraus, die sich gegen das Alte Testament und die Juden richtet, indirekt aber auch, woraus von christlich-orthodoxer Seite bereits hingewiesen worden ist, die Grundsäule des Christentums zerstört. Gegen diese Schrift wendet sich nun Hermann Gunkel in der „Frankfurter Zeitung" vom 30. Mai mit folgenden lehrreichen Ausführungen: Die große Täuschung. Unter diesem Titel hat Professor Friedrich Delitz sch in Berlin, der bekannte Urheber des in der schnellebenden und von näherliegenden Sorgen bedrängten Gegenwart fast ganz verschollenen, aber vor anderthalb Jahrzehnten die deutschen Gebildeten aufs stärkste aufregenden „Bibel-Babel-Streites" ein seltsames Büchlein herausgegeben (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin 1920). „Sine ira et studio“ ist es geschrieben, versichert uns der Verfasser. Wunderliche Selbsttäuschung! Denn in Wirklichkeit ist es eine flammende, von Zorn und Haß erfüllte „Kampfschrift" wider das Alte Testament. Mit funkelnden Augen und zitternden Lippen schreit der Verfasser in die Welt hinein, so laut er nur schreien kann: Täuschung über Täuschung ist dies sogenannte Gotteswort, an das die Frommen glauben! Seine Geschichtserzählung strotzt von Unmöglichkeiten, von Albernheiten, von groben — auch bewußten — Täuschungen des Leichtgläubigen Lesers, von heillosesten Widersprüchen, von Beschönigungs- und Bemäntelungsversuchen, von Ausgeburten echt orientalischer, ausschweifender, fast krankhaft zu nennender Phantasie! Sein Gesetz hat zum Mittelpunkt eine einzige große Täuschung, womit der Name Gottes gröblich mißbraucht wird, und enthält durchaus nichts Neues, besonderer Offenbarung Wertes und Bedürftiges. Sein Gottesbegriff ist der engherzigste und zugleich -unwürdigste; wieviel Unsittlichkeiten und Abscheulichkeiten sind im Namen dieses „Jaho" gesprochen und getan worden! Dieser „Jaho" ist ein „Götze", ein „Schandgötze", die „Karikatur" eines Äottes, rückständig, auch auf sittlichem Gebiet, nichts als die Fiktion prophetischer Phantasie! Ein Irrglaube ohnegleichen, daß Israels Nationalgott mit unserem „Gott" etwas zu tun habe! Darum hinweg mit dem Alten Testament! Hinweg damit aus Kirche, Familie und Schule! Man versteht den aufgeregten Verfasser aus einigen Andeutungen, die er selber dem Leser gibt. Er ist aus einer streng rechtgläubigen Familie hervorgegangen und hat in seiner Jugend das Alte Testament als Gottes Wort aufs tiefste verehrt. Dann sind in ihm durch die Wissenschaft, von der er bereits als Student gehört hat, allerlei Bedenken gegen die wörtliche Eingebung der Heiligen Schrift erweckt worden, Zweifel -an der Glaubwürdigkeit alles des Berichteten, an der unbedingten Reinheit der hier vorgetragenen sittlichen und religiöseü Anschauungen; \mb schließlich hat er sich nach Renegatenweise gegen den Glauben seiner Kindheit in wildem Zorn empört. Wäre nun dev Verfasser ein junger Mann, so würde man sein Buch mit allerdings schmerzlichem Mitgefühl wohl begreifen; ist es doch das Recht der Jugend, das Kind mit dem Bade auszüschütten; und darf man doch bei dem Jüngeren hoffen, daß er nach einigen Ausschreitungen zur Vernunft zurückkehre. Aber Delitzsch ist in reiferen Jahren und — was uns den Fall besonders schmerzhaft macht — ein mit Recht weltberühmter und hochverdienter Orientalist. Freilich — dies müssen wir hinzusügen — nur als Philologe, als Sprachforscher, kann er als Autorität gelten, als Geschichtsforscher, zumal auf dem Gebiet des Alten Testaments, hat er sich nicht hervorgetan. Und wir sind also in der unangenehmen Lage, den Sprachforscher Delitzsch auf die grundstürzenden Fehler aufmerksam zu machen, die er in dieser Schrift, mit der er sich auf einen geschichtlichen Gegenstand hervorgewagt hat, begangen hat. Delitzsch hat versucht, ein Urteil über das gesamte,' am Alten Testament überlieferte Schrifttum des alten Israel zu finden. Nun ist eine solche Aufgabe in Wirklichkeit mit außerordentlich großen Schwierigkeiten verbunden. Denn in einem so umfangreichen, über so manches Jahrhundert sich erstreckenden Werke ist der Natur dev Sache nach sehr Verschiedenartiges enthalten. Da finden sich zum Beispiel sicherlich alte Volkssagen und legendarische Erdichtungen späterer Zeiten, aber daneben auch zuverlässige Geschichtserzählungen. Und auch in sittlicher Beziehung ist hier Mannigfaltiges zusammengekornmen: neben gelegentlichen Roheiten ältester Unkultur stehen an anderen Stellen höchste sittliche Ideale. Und so ist es auch auf dem Gebiete der Religion: hier reden zuweilen Bannerträger der wahren, sittlichen- Frömmigkeit, und anderseits braucht man manchmal nur wenige Seiten umzuschlagen, um auf Reste irrtümlichen Aberglaubens oder auf schlimme Ausschreitungen eines nationalen Fanatismus zu stoßen. Will man also ein alle Erscheinungen umfassendes Urteil gewinnen, so muß man die Augen von den Einzelheiten ablenken und auf die Gesamtheit des geistigen Lebens richten; diese Gesamtheit aber kann nichts anderes sein als die große Geschichte des israelitischen Geistes, dessen Offenbarungen alle diese Einzelheiten sind. Delitzsch aber sündigt gegen dieseselbstverständliche Forderung, indem er immer nur aus einzelne Züge schaut. Dabei zeigt er sich insofern als in hohem Grade voreingenommen, da er überall solche herausnimmt, die ihm minderwertig zu sein scheinen, aber das Erhabene und Erhebende, dessen im Alten Testament wahrlich sehr viel ist, äusläßt oder nur vorübergehend daraus hinweist. Die eigentliche Seite des israelischen Wesens, um desseNtwillen es seine hohe Stellung in der Geschichte der Menschheit einnimmt, kommt bei ihm kaum vor; über Propheten und Psalmen ist seine Darstellung in hohem Grade lückenhaft oder ganz unzulänglich. Eine andere Schwierigkeit des geschichtlichen Urteils besteht darin, daß der Maßstab, nach dem gerichtet werden soll, nicht ohne weiteres feststeht. Zwar der Dilettant ist hierin rasch fertig. Er nimmt einfach denjenigen Maßstäb, der zu seiner Zeit und für Erscheinungen seiner Zeit als der gegebene gilt; er lobt und tadelt,