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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-11 · Heft 24 (11.6.1920) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
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Nie Woche. Berlin, 7. Juni. er gestrige Wahltag ist ruhig verlaufen, und nach den vorliegenden Nachrichten zu urteilen, ist auch die Wahlhandlung sowohl in Berlin wie auch im Reiche ruhig vonstatten gegangen. Freilich der wochenlang vorangegangene erbitterte Wahlkampf, insbesondere die unausgesetzte Hetzarbeit der deutsch-völkischen Parteien gegen uns Juden, ließ das Schlimmste erwarten, und es fehlte nicht an ängstlichen Gemütern, die den 6. Juni als einen kritischen Tag ersten Ranges bezeichneten. Man sprach von Pogromen, Putschen und Gefahren, von gewaltsamen Störungen und wütenden Angriffen der Radikalen von rechts und links! Es gab wirklich vorsichtige Leute, die ihr Eeld^ bei Freunden versteckten und ihre Familien aufs Land schickten, weil sie Straßenkämpfe und Bedrohungen gegen politisch Mißliebige erwarteten. Doch hatte die Regierung, wie der Reichskanzler einem Mitarbeiter der „P. P. N." erklärte, zur Sicherung der WahlharMung „alle Maßnahmen getroffen", und sie haben sich erfreulicherweise vollauf bewährt. Bemerkenswert in diesem Zusammenhänge sind die Auslassungen des Reichskanzlers über den vorangegangenen Wahlkampf und seine unausbleiblichen Folgen: „Auswüchsen", führte er aus, „konnte in den allermeisten Fällen erfolgreich begegnet werden; keinerlei Machtmittel besaßen wir aber gegen d e m o r a l i s ch e n A u s s ch reit n n gen, die diese r W a h l ka m p f rn e r s ch re cl e n d e r Weise gezeigt h atu n b s u r die t n e r c r L t v i c d i e Recht s Parteien verantlv örtlich zu machen sind.' Jene Parteien, die stets so überlant von der Gefährdung der Staatsautorität sprechen, haben gerade in den Wochen des Wahlkampfes kein Mittel unversucht gelassen, u-m das deutsche Ansehen nach innen und nach außen auf das schwerste zu schädigen. Daß es im Wahlkampf hart aus hart geht, ist selbstverständlich und unvermeidlich, und daß der Meinungsaustausch der Geister sich nicht innner gerade in den vornehmsten gesellschaftlichen Formen ab spiel h ist ebenso erklärlich!; aber der jetzt zu Ende geführte Wahlkampf ist durch eine volksvergiftende Tendenz der Rechtsparteien gekennzeichnet, die bereits einen Vorgeschmack gibt für ihre Art, den Gesllndungsprozeß unseres Volkes fortzusühren, wenn es ihnen gelingen würde, die Regierung auf Grund des Wahlergebnisses zu bilden." Nun, ob ihnen das gelingen wird, wird die nächste Zukunft lehren. Das Wahlergebnis ist freilich nicht besonders ermutigend. Die Stimmenzahl der beiden Oppositionen aus der Rechten und auf der Linken ist stark gewachsen und die Zahl der für die Koalition abgegebenen Stimmen etwa im gleichen Maße zurückgegangen. Das Schwergewicht des Verlustes trifft die Demokraten, auf deren Kosten die deutschvölkischen Parteien ihre Stimmenzähl und damit automatisch auch die Zähl 'ihrer Mandate fast verdreifacht haben. Auch der Stimmenverlust der Sozialdemokraten ist stark, wenn auch nicht so stark wie bei den Demokraten. Von den drei Koalitionsparteien hat sich das Zentrum am besten gehalten. Der Ausgang der Wahlen überrascht uns so wenig wie die Tatsache, daß unter den Flüchtlingen aus dem demokratischen in das Lager der Deutschen Volkspartei sich auch zahlreiche Juden befinden. Freilich steht es auch einem Juden frei, seiner politischen Ueberzeugung zu folgen. Allein die jüdischen Wähler, welche die für die Rechte der Juden stets eintretende demokratische Partei verließen, um mit ihrem Stimmzettel einer Partei zum Siege zu verhelfen, die sich, trotz aller Dementis und. gegenteiliger Behauptungen, nur wenig von den ausgesprochenen antisemitischen Parteien unterscheidet, dürfen das Wort „politische Ueberzeugung" für, sich nicht in Anspruch nehmen. Ihr bedauerlicher Schritt war kein Akt politischer Klugheit, auch keine Handlungsweise, die sie selbst mit Befriedigung erfüllen kann: er verrät nur politische Schwäche und Kopflosigkeit. Er zeugt aber auch von wenig jüdischem Solidaritätsgefühl und geringer Selbstachtung. * Judenschikanen in Bayern. Wir hatten, schreibt uns das Arbeitersursorgeamt, vor einigen Tagen ausdrücklich a l l e a u s l ä n d i s ch e n I u b e n davor gewarnt, sich ohne Einreiseerlaubnis nach Bayern zu begeben. Inzwischen sind uns von Freunden unseres Blattes Einzelheiten über die Behandlung ausländischer Juden in Bayern zugegangen, die jeder Beschreibung spotten. Es ist z. B. auf der bayerischen Grenzstation Lichtenfels eine ganze Zahl von Ostjuden, die zum Teil seit langen Jahren, einige seit dem Jahre 1912, in Deutschlandwohnhaft sind, in brutaler Weise aus dem Zuge heraus verhaftet, in das Gefängnis ubergeführt und nach. Absitzung von 14 Tagen Haft gefesselt nach Ingolstadt in das dortige Internierungslager gebracht worden. Dort sollen diese völlig unbescholtenen Personen, zum Teil Arbeiter, so lange festgehalten werden, bis sie nach Polen abgeschoben werden können. Man höre und staune: Das einzige Verbrechen, das gegen diese Opfer der schlimmsten antisemitischen Willkür vorliegt, ist, daß sie keine Kenntnis davon hatten, daß in Bayern eine besondere Einreiseerlaubnis vorgeschrieben ist. Es wäre verfehlt, wenn man diese barbarischen Akte der humanen bayerischen Bevölkerung anhängen wollte. Um so rücksichtsloser sollten aber jene Bureaukraten bloßgestellt werden, die mit einem Federzug die Exfftenz völlig unschuldiger M-enschen ruinieren. Unsere Freunde bitten wir dringend, alle ausländischen Juden daraus aufmerksam zu machen, daß für sie ein Betreten bayerischen Bodens ohne Einreiseerlaubnis schlimmere Folgen nach sich zieht, als wenn man sich heute im demokratischen Deutschland eines wirklich gemeinen Verbrechens schuldig gemacht hat. Aus Göttingen erhalten wir folgende Zuschrift: Notabelnversanrntlrrng in Göttingen. Die mittleren deutschen Universitätsstädte sind, wie bekannt, die Mittelpunkte der Reaktion und des Antisemitismus geworden. Die jugendlichen Heißsporne, besonders die in den Korporationen sitzen, sind die Gefolgschaft der politischen reaktionären Führer geworden, an denen es auf den deutschen Hochschulen nicht fehlt. Seit den Tagen der Revolution hat sich in der regsamen Stadt Göttingen ein Antisemitismus breitgemacht, der besonders von dem politisch tief gesunkenen „Göttinger Tageblatt" mit den absurdesten Mitteln geschürt und in dem bekannten 'deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund sowie in der Deutschnationalen Volkspartei einen Hort gefunden hat. Daß den täglichen Aeußerungen des Hasses nicht bloß mit den Mitteln des politischen Abwehrkampfes beizukommen ist, liegt auf der Hand. So reifte in hiesigen jüdischen Kreisen der Entschluß, durch eine Notabeln versa mm l u n g eine Aussprache herbeizuführen, die die strittigen Punkte klären sollte. Es war zu erwarten, daß dadurch der politische Kampf an Leidenschaftlichkeit verlieren würde. Es muß gesagt werden, daß die Versammlung sorgfältig vorbereitet wurde. Herr Professor D. Staerk (Jena), Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft an der dortigen Universität, war für einen einleitenden Vortrag über das Thema „ I u d e n t u nt u n d sittliche Kultur" gewonnen worden. Die Einladungen waren unterzeichnet von den hiesigen Universitätsprofessoren Professor Dr. Titius, Bertholet, Reichend ach und von Rechtsanwalt Pros kau er. In erster Linie waren zu der Aussprache sachlich-wissenschaftlicher Art aufgefordert worden die Kreise der Universitätsdozenten, der gesamten Lehrerschaft, der Stadtverwaltung, die führenden Persönlichkeiten der

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