Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Tief von Hanse weg, weil sie einen Mann nicht nehmen wollte, vor dem sie Granen empfand. Und ward Tänzerin, weil sie dazn einiges Talent hatte. Mehr wie — zur Kleidermacherin etwa. Denn einen Beruf mußte sie durchaus haben. Weil sie Geld brauchte, um leben zu können. Und dann tanzte also das Judenmädchen vor den Leuten. Nicht ungern, aber auch gerade nicht mit Leidenschaft. Sagen Sie, Peter," unterbricht sie sich, „sind Sie gern Dozent?" „Ja," erwidert er, „freilich, sonst wäre ich doch was anderes geworden, nicht wahr?" Sie fährt fort: „Sie haben mir nicht viel von Ihrem Berus gesprochen. Ich weiß nur. Sie sind Literarhistoriker und haben — wie Sie es nennen — zwei Steckenpferde: die Moderne und Goethe. Und dann ist mir noch besonders bekannt, daß Sie augenblicklich einen dicken Wälser über den Wilhelm Meister schreiben." Er: „Tann darf ich Ihnen gleich noch >vas verraten: Ich habe daneben eine Broschüre über das moderne Judentum in Arbeit. Darin möchte ich mir nnd anderen erklären, weshalb das wirtschaftliche und geistige und soziale Emporkommenwollen der Juden die anderen mit Neid und Haß und Furcht erfüllt. Ich möchte die Beweggründe dartun, warum man gerade hier ein Bestreben nach aufwärts fast mit Verachtung ansieht. Ich möchte gern ohne Zorn und Eifer diese Wurzeln blvßlegen. Und es soll eine Absage werden an das Parvenutuin und eine Würdigung des organischen Werdens aus der Tiefe. Die Sklavenaufstände im alten Rom zum Beispiel . „Lieber Peter Pattendorff," unterbricht ihn Esther, „jetzt iverden Sie gar zu gelehrt, lassen Sie lieber mal mich was zwischensagen: und nach all dem würden Sie eine Frau haben »vollen, die Parvenü ist schlirnmster Sorte. Ein Beispiel: Wissen Sie, weshalb ich, als ich nach München kam. Französisch und Englisch gelernt habe? U»rd Geschichte und all so was? Nicht aus Liebe zu diesen Dingen, o nein — um mitreden zu können, nur mich nicht zu blamieren vor den Legten. Was sagen Sie jetzt?" „Daß viele Wege zum Ziel führen. Wenn auch der erste "Antrieb ein äußerlicher »var — das trifft man bei Frauen oft, daß sie von außen nach innen dringen. Wer aber dann den lieben, alten Fontane zum Beispiel so liest und genießt wie Sie, »ver den Wilhelin Meister . . ." Esther »vird rot: „Den Meister hätte ich auch nicht so verstehen können, wenn ich nicht . . ." „Na?" „Wenn »nir nicht seine Psyche durch Sie, Peter . . ." „Durch meine Erklärungen?" „Ach nein, nicht durch Ihre Erklärungen, aber - durch Ihr Sein." N»»n leuchten seine Augen: „Ach, Esther, dann — dann ist da gar nichts mehr geheim zu hatten, dann idealisieren Sie mich ja schon. Dann —- dann, Esther, dann müssen Sie mich einfach lieb haben, ganz arg lieb sogar. Ja, Estherlein?" „Ich glaub' es fast selber, aber . . ." „Aber?" „Wir sind vorhin scheinbar abgekvimnen, ich wollte sagen, daß ich weder den großen, ernsten Bildungshunger habe, andererseits aber fühle rch mich atlch nicht auserwählt für meinen Berns, wie Sie zuin Beispiel." „Jede Frau ist zuerst zmn Heiraten berufen, zu allererst, sage ich Ihnen. Das »st keine echte Frau, die nicht zuerst den Mann »vill. Und das Kind. Die echte Frau ist immer bloß an zweiter Stelle Berufsmensch. Ich habe das nie anders gesehen. Nicht bei den stürmischsten Frauenbeweglerinnen. "Alle bewegen sie sich zu tiefst in ihrein Herzen nach der Erfüllung ihres eigenen Schicksals hin. Und die es nicht hm, sind gekränkt worden oder verletzt. Irgendwie von außenher umgebogen, so daß sie nicht nach ihrem eigenen Gesetz m -- gerade und aufwärts wachsen konnten. Sind Sie jetzt zufrieden, liebes Estherlein?" „Nein", macht sie und entgeht dem sich traulich nähernden Freund. „Nein, denn das Schwerste bleibt noch zu sagen: Trotzdem ich also, wie ich Ihnen gesagt habe, nicht zur Künstlerin auserwählt bin, habe ich doch — das Leben einer . Tänzerin geführt. Lieber Freund" — Tränen sprechen in ihrer Stimme mit — „ich — ich habe einem Mann gehört lange Zeit hindurch, und — ich habe ihn nicht einmal von ganzem Herzen lieb gehabt." Er ist erschrocken bis in sein Allerinnerstes. Und der Literarhistoriker muß mit den Worten eines Dichters denken: „Darüber kommt kein Mann hinlveg." „Wie konnte das sein, Esther?" „Wie das sein konnte? Sagte ich nicht vorhin, sie sehen nur die Außenseite, die guten Bürgersleute, und darum beneiden sie einen. Wie das kommen konnte? Ja, das ist mit im Beruf, das —", doch mit eins springt sie von der Bank auf — „sehen Sie, davor Hab' ich inich lange gefürchtet, daß einer — daß Sie sozusagen — Rechenschaft fordern könnten. Aber — es soll mich keiner fragen dürfen." „Auch der nicht, der Sie liebt?" (Schluß folgt.) Literarilche Mitteilungen. — „D e r I u de", eine Monatsschrift, herausgegeben von Martin Bube r. Jüdischer Verlag, Berlin. Das erste Heft des fünften Jahrganges ist soeben erschienen und hat folgenden Inhalt: Marim Buber: In später Stunde. Michael Jrzchaki: Der 24. April. Theodor Herzls Verhandlungen mit dem lürtijchen Sultan (Ein Brief an Dr. O. Kokejch im-d ein ausführlicher Geheimbericht an das Zionistische Aktionskomitee). Max Brod: Heidentum, Christentum, Judentum. Moritz Bilesti: Das Kompromiß des deutschen Judentums. Gustav Mayer: Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung (mit einem bisher unveröffentlichten Brief des ichührigen Lassalle über die Reformierung des Judentums). S. I. Agnor: Die Geschichte des Rabbi Gadiel dem Kinde. Robert Welt sch: Die Präger Konferenz. Joses Sprinzak: Trunrpeldor. — Umschau: Siegmuuo Kaznelsou: Politik (Politische Chronik. — Staat und Nation). Na-chum Goldma-nn: Zionismus und nationale Bewegung. Adolf Bohm: Kolonisation. Elias Auerbach: Rassentunde. Elias Hurwicz: Völrerpsychologie. Erwin Kohn: Jüdisches Gewerbe in Wien. — Presserunofchau. Das Eintel he st M. 5,50, tschech. Kr. 6,50, poln. M. 14,—. * Dr. S oski n : „Kleinsiedlung und Bewässerung. Die neue Siedluugssocm für Palästina." Jüdischer Verlag, Berlin, 1920. Von der Dichtigkeit der Besiedlung hängt die Aufnahmefähigkeit Palästinas ab, die, um der starken Abwanderung, besonders aus dem Osten, gerecht 31t werden, die größtmögliche fein muß. Man beoenike, oaß die europäischen Staaten sich immer ablehnender gegen die Einwanderung der östlichen Juden verhalten und die Schn j ucht dieser selber auch mehr denn je Palästina ist! Es kann nur jede Arbeit begrüßt werden, die versucht, Mittel und Wege zu finden, um es diesen Massen zu gestatten, sich auf eigener Scholle anzusiedeln. Je intensiver die Bewässerung, u-m so größer die Fruchtbarkeit und um so kleiner das für jeden einzelnen nötige Land, ist der Leitgedanke! Dadurch werden aus gleicher Grundfläche mehrverfügbare Plätze geschaffen, die Ansiedlungskosten pro Familie geru.ger, die Bearbeitung des zugeteilten Bodens durch die eigenen Hattsleut'e ermöglicht und die Arbeiterfrage dadurch ausgeschaltet. Die kleinen Parzellen eignen sich auch mehr für den Gartenbau, der weniger physische Leistungen verlangt als die Landwirtschaft und die lieber sührung der Juden aus den städtischen Berufen ins Leben aus dem Lande erleichtert. Die modernsten Errungenschaften sind bei der kleinen Schrift berücksichtigt, und schon deshalb ist ihre Lektüre lehrreich, auch für die, die selber nicht nach Palästina zu gehen gedenken oder sich nicht für die Arten der Besiedlung des Heiligen Landes interessieren sollten. E. T o e p l i tz.