Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
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Nnerkenmmls tzeines in LngisnÄ. Bon Dr. E. A s ch n c v. itr die Bedeutung der Persönlichkeit Heines ist es' höchst bedeutsam, daß sie selbst in England Verständnis gefunden hat, obwohl doch gerade dieses Land von Heines Spottlust und Haß so scharfe und nicht ungerechte Angriffe erfahren mußte. Der Vorkämpfer dieses sachlichen Verständnisses war der leider noch viel zu wenig anerkannte Dichter Matthew Arnold, dessen Essay „Heinrich Heine" (1866) uns in der Oxforder Ausgabe 1914 jetzt bequem zugänglich ist. Für- Arnold ist Heine ein markanter europäischer Dichter, wie er in Deutschland erst seit Friedrich Nietzsche genannt wird. Heines Modernität besteht darin, daß er „a brillant, a most offective soldier in the war of liberation of humanity" war. Nicht die Romantiker waren, wie Carlyle vorgab, Goethes direkte Nachfahren, sondern er, der wie Goethe „befreiend" wirkte. Heines Kampf galt dem Philistertum/ für das es in England kein Wort gibt, wenn-auch die Sache selbst dort nur zu sehr in Schwung ist. So erklärt sich die Vorliebe des deutschen Dichters für Frankreich, während er England haßt, das Mangel an Idealität hat. Allerdings, meint Arnold, sei das idealistische Deutschland bei dem Regiment Bismarcks angelangt, während das praktische England sich moderner, liberaler Freiheit erfreue. Nun folgt eine kurze Lebensgeschichte, die darauf hiuausläuft, daß Heine der größte „Ebampion ok tlie idea" sei und eine schöne Einheit zwischen Romantik und Modernität her-gestellt habe. In England war Shakespeare der letzte große moderne Dichter, wogegen die englische Romantik (Scott, Byron, Wordsworth) in anti- 'quierten Vorstellungen verschimmelt sei. Heines Lieder sind „schöner als unsere". Einige der schönsten werden in Prosaübersetzungen mitgeteilt. Eine eigene Betrachtung, die viel Richtiges und Feines, doch nichts Neues enthält, wird Heines Stellung zum Judentum gewidmet. Sie wird durch Uebersetzungen aus den Reisebildern, der Prinzessin Sabbat, Jehuda ben Halevy näher gekennzeichnet. Aum Schluß werden auch HeineS persönliche Mängel nicht verschwiegen. Heinen fehlte die Selbstachtung; er war ein Kämpfer für die Freiheit, jedoch kein höchster, absoluter Typ des großen modernen Dichters un Sinne Goethes: „A half result, for want of moral balance, and of nobleness of .soul and character." Dasselbe gilt ähnlich auch für Byron. Dieser streng abwägende, jedoch nicht übelmeinende Essay wird ergänzt durch ein stimmungsvolles Gedicht „Heines Grab" (Arnolds Poems lLondon, Macmillan 1895s, S, 199 f.), in dem des Engländers unverhohlene Sympathien noch heller und schärfer hervortreten: An einem schönen, herbstlichen Septembertag steht Arnold vor dem Grab des deutschen Sängers auf dem Montmartre. Heines Jnvektivcu auf England nimmt er nicht übel, da er sie nicht falsch findet. Er gibt offen zu, daß seine Landsleute stupid und geistlos ihre vorgezeichnete Straße gehen. Auf Heine treffe Goethes Wort zu, er habe jede Gabe besessen, aber Liebe gebraucht. Rührend schildert er HeineS Sehnsucht nach Deutschland aus der kalten Fremde. Wie jubelt Heine auf dem Harz im Anblick seines lachenden, grünenden Deutschlands. Doch während'Goethe einst den Harz verließ, um zu wirken und zu leben, so Heine nur, um zu lachen und zu sterben. Doch nicht bitter und lieblos will der Brite von dem Grabe scheiden, sondern „mit Ehrfurcht". Heine war, faßt er alles zusammen, ein sardonisches Lächeln des Weltgeistes. Von diesem erfleht sich Arnold ein linderes Leben, als es der unglückliche Deutsche gelebt. Wie in alter, verklungner Zeit Aus Mailands italischer Pracht, Von marmornem stillen Palast, Terrassen bildsäuleniimkräiizt, Lauben, wo ladend und rund Duftschwere Orangen glühn, Deutschlands blonder Kaiser so oft Sich heimgesehnt zum Gefild, Zum Strom, und zur winkligen Stadt Mit den Dächern so hoch und steil Seiner deutschen Heimat, so, so Hast du, ach wie manches Mal, Aus Lutetieus schimmerndem Saal, Blendender Lampen Glanz, Festlicher Menge, gesternt Und mit Juwelen besät. Von berühmten Herren und von Der Damen geschürztem Esprit, Vom wirbelnden Weihrauch des Lobs, Das süß den Verstand übertäubt lind die Sinne verwirrt - ach wie oft Dich müd und verdrossen gesehnt Aus dem Lärm in die süße Ruh Des kühlen geruhigen Lands In der Ferne, nach Deutschland, dem Heim Deiner Jugend, und, ach, deines Glücks! Esther. (9. Forts.) Roman von C l e »i e n 1 i n e Krämer. nd weshalb dies?" . „Sagen Sie mal, Esther Stein, ich weiß,-Sie nennen mich in Ihrem Herzen einen „Bürger" mit einer einzigen Seele bloß, einer Philisterseele, und wenn ich Ihnen jetzt den Grund meines Besuches in Ihrem Heimatsvrt sage, so bestärke ich Sie noch in dieser Anschaumig, lind doch, hören Sie: ich mußte wissen, woraus Sie komme»." „Ich bin nicht nach Mutter, ich bin nach meinem Vater geraten", macht Esther nachdenklich. „Davon abgesehen, ich — ich — meine bürgerliche Seele, wissen Sie — die mußte den Boden kennen, dem Sie entwachsen sind." „Und?" fragt die Frau ohne Ton in der Stimme. „Und", erwidert der Mann, „die andere Seele in mir, die unbefreite, wissen Sie, die verflackert sich fast — Sie haben das vorhin so schön gesagt —, die drängte zu Ihnen hin, und nun hat sie von der braven Bürgerseele die Erlaubnis dazu erhalten." „Nein," macht Esther rauh, „Sie kennen mich nicht. Darum noch lange nicht, weil Sie mein Elternhaus gesehen haben und die alte Frau, die — wahrhaftig ganz zufällig — meine Mutter geworden ist." „Esther, Sie wollen mich nicht verstehen. Damit mir auch nicht der kleinste Rest unklar bliebe, bin ich nach Haiderstadt gefahren. Nicht, um Sie kennenzulernen. Das Verstehen kommt mir aus einer anderen Quelle. Esther, ich kenne Sie, weil — ich Sie so lieb habe . . . Und Sie, Estherlein?" fährt er fort, „ach, bitte, entschließen Sie sich, mir auch ein bißchen gut zu sein, ein flein bißchen gut sein, ein klein bißchen, ja?" Und er nimmt ihre Hand und küßt sie liebreich. Und streichelt sie. „Nein," schüttelt sie, „das ist ja gar nicht wahr, daß Sie mich kennen. Nicht die Sterstein. die Tänzerin. Und Sie kennen ferner nicht das Judenmädchen — die Esther. Ich will Ihnen aber von beiden mal ein wenig erzählen: Es war einmal ein Judenmädchen. Und schrieb sich Esther Stein. Und