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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-04 · Heft 23 (4.6.1920) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 23 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
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r 262 schilderung, wie sie von Späteren auch firr das jiddische Milieil versucht lvird. Nach Heine und neben ihm wächst «die Zahl der m den literarischen Bewegungen' Mitstreitenden. Auch die Zahl der Dichter mehrt sich. Hieronymus Lorm, der Blinde und Taube, verfaßt schmerzliche, nat.urferne Gedichte. Mosenthal und Fanny Lewald machen Unterhaltungsliteratur in Traum bzw. Roman. -Eine höhere Stellung beansprucht Berthold Auerbach (1812—-1882). Seine Kunst ist ruhig wnh bodenständig, etwas lehrhaft, bisweilen Predigerhaft. Durch die ,,Schwarzwälder Dorfgeschichten" wurde fein Ruhn: begründet. Die Figuren sind idealisierte Bauern, mehr typisch gegeben. Aber die Vorliebe des Publikums für das 'Milieu übersah die Fehler der Gestaltung. Auerbach war der Entdecker eines neuen Stoffgebietes. Und es geht auf die durch seine Novellen geschaffene Anregung zurück, wenn in die sich ans allen Teilen Deutschlands regende Milieuschilderung auch das jüdische Misten einbezogen wird. Nicht an eine Landschaft band sich diese Richtung, sondern an das Getto und die kleinjüdische Gesellschaft. Mosenthal hatte seine „Jüdische Geschichten" nur durch jüdische Namen gekennzeichnet. Frankl, Bernstein und Kompert versuchen mehr. Bernstein steht dem, was er schildert, zwar gemütvoll-anhänglich, aber doch bereits aus einiger Entfernung überlegen lächelnd gegenüber. Bet Karl Emil Franzos überwiegt das Agitatorische. Hinein in die Atmosphäre fühlt sich eigentlich, nur Leopold Kompert (1822 -1886). Er sieht nicht die Lage seines Stammes, ersieht diese gehoben durch die Geschichte, iu der sie wurde. Für ihn haben die alten Gebräuche einen Sinn. Er versteht den Vien scheu, der sie fordert, der ohne sie in der Fremde ist. Franzos' Produktion erweitert sich nach ihrem Stoff über das jüdische Milieu. Er und Moriz Hartmann wandeln agitatorisch und lehrhaft in den Bahnen des jungen Deutschland. Innerhalb der Milieufchilderer sei Ilse Frapan genannt. Eine bedeutendere und eigenartigere Persönlichkeit reiht sich hier an: Jakob Julius David (1859—1906). David ist von Conrad Ferd. Meyers plastischem Willen erfaßt. Was er vom Milieu gibt, gibt er nicht als Schilderer, sondern als Gestalter. Seine Gedichte find Aussprache, enthüllen einenin Niederungen aufrechten, mitfühlenden, starken Menschen. Davids Stärke liegt in der Novelle. Auch diese erreicht, wie es der ringenden Zeit entspricht, kaum einen reinen Stil. Sie tut es in dem mächtig getürmten, balladen-" hasten „Totenlied", sie erreicht ihren Höhepunkt in der „Hanna", einem Gewächs und Spiegel von Davids Heimat- Landschaft, der Stimmung und dem Geiste ihrer Menschen. 'Reben David, in verwandtem Streben mit ihm, stehen Friedrich Adler, der früh verstorbene Ludwig Jacobowski, Hugo Talus. Salus ist durchaus Lyriker, zu wenig eingestellt auf straffe Form. Bei David tritt das Gefühl des Judestins in ehr zurück. Nur in den Gedichten taucht es bisweilen als etwas quälend Bewußtes auf. Salus' „Ahnenlied" ist aus dem Gefühl des vom natürlichen Zusammenhänge gelösten Juden entstanden. Hatten diese Dichter die Hauptströmung ihrer Zeit nur berührt, so hatte doch die naturalistische Richtung auch die jüdischen Geister angeregt. Georg Hirschfeld erweist früh ein Talent, gelangt zit keiner Reife, und besonders feine Prosa versandet in Gelegenheitsarbeit. Der Romanschriftsteller Felir Holländer schließt sich dem Naturalismus an. Auch Moritz Heimann wird von ihm nicht frei. Bon natnralistischem Wollen beeinflußt ist das literarische Wien. In seinem Mittelpunkt steht Artur Schnitzler (geb. 3862). Schnitzlers Entwicklung steht unter einer antiplastischen Tendenz. Die Methode des Naturwissenschaftlers bleibt ihm eingewurzelt. Wie ein Entdecker steht er der Welt gegenüber, und diese Einstellung haben auch 'feine Gestalten. Ein Nichtglauben ist in ihnen und ein Wissenwollen. Schnitzler hat Grazie, dichterische Wärme, auch Tiefe. Aber die Welt, die er gibt, ist eng begrenzt. Er bleibt innerhalb der sogenannten „Gesellschaft", er kritisiert von innen ihre Eigentümlichkeiten und Vorurteile, ohne sie zu überwinden. In feiner Zeit hat sich der Roman jüdischer Typen bemächtigt, und auch Schnitzler führt im „Weg Ins Freie" in die Interessen und Lebensführu-ngen der Wiener jüdi scheu Gefellschaftskreise. Hier wie im „Professor Bernhardi", der das jüdische Problem mehr von der politischen Seite greift, erscheint es als ebenso bestehend wie unlösbar. Schnitzler steht nicht am Ende seiner Entwicklung. Seinen Namen trugen seine Einakter hoch, seine Stärke liegt in der Novelle, und hier wächst er bereits mit umfassender vertieften Gestalten in eine neue Schaffenszeit hinein. Beeinflußt von Schnitzler ist Felir Salten. Gleichzeitig mit ihm entwachsen derselben Stadt Hugo v. Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann. Hofmannskhal (geb. 1874) ist durchaus Lyriker, auch iu der Prosa wie im Drama. Tie Stimmung lockt ihn mehr als die Gestalt. Die Musikalität seiner Verse erreicht eme Höhe. Er ist zu empfangend eingestellt, zu strcherisch, geschmäcklerisch und ewig unerfüllt, um sich zu vollenden. Und diese Stimmung, die auch die Stimmung seiner Zeit ist, hat er in der „Ballade des äußeren Lebens" und in „Der Tor und der Tod" am schönsten ausgesprochen. Reihen sich Hofmannsthal und Beer-Hofmann, auf den ich noch zurückkomme, an die, von Goethe abzweigend, durch die deutsche Lyrik des 19. Jahrhunderts gehende Hauptlinie an, so sucht Alfred Mombert (geb. 1872) die gelösten Rhythmen von Goethes Sturm- und Drangzeit zu erneuen. Etwas Gewolltes ist in seiner Art. Und so ringt seine rhythmische Begabung sich zum Musikalischen nicht -durch. Beeinflußt von ihm sind Emil Rudolf Weiß lind Else An-sker- Schüler. Für die sogenannte expressionistische Richtung jüngster Lyriker ist er nach vieler Richtung ein Vorläufer. Von Frnuenlyrik seien hier Margarete Susmanu und Hedwig Lachmann erwähnt, wegen einiger starker Gedichte der Kritiker Alfred Kerr. In Momberts Kunst bereits beginnt sich der Mensch vom Außen zu lösen. Er fühlt und spricht freier, er phantasiert. Eine neue Zeit bricht an, mit einen: bewußteren Gefühl für das Metaphysische, das nicht durch die Sinne Wahrnehmbare und Nachweisbare. Eine grvßstnigere Tragik wird gesucht. Und in -die Reihen dieser Sucher reiht sich Beer- Hofmann (geb. 1866) mit seinem „Grasen von Charolais". Beer-Hofmann ist unterschieden von seinen Zeitgenossen, denn er gibt wenige Werke und strebt in ihnen nach Vollendung. In „Jaäkobs Traum" hat er neuerdings als Sprachkünstler und Gestalter sich in den Vordergrund gerückt, nachdem neben dem „Charolais" auch sein „Schlaflied für Mirjam" fast vergessen war. Im 20. Jahrhundert beginnt eine neue Entwicklung, wenn auch aus dem alten noch die Fäden herüberwiachsen. Jakob Wassermanns Entwicklung gehört zu stark in die neue Zeit, als daß sie hier gestreift werden könnte. Erwähnt seien noch die Romanschriftsteller Georg Hermann, Ulla Wolff-Frank, Max Ring und der Theaterschriststeller Ludwig Fulda. In der „Nacht des Doktor Herzfeld" entwirft Hermann ein seines Bild des alternden Bohemien. In die junge deutsche Dichtung der Juden reiht sich als neues Element wachsend der Einflu-ß des Zionismus und der kulturellen Bestrebungen, die er im Leben der deutschen Juden erweckte. Dieser Entwicklung gebührt eine Sonderbetrachtung.

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