Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- Seite 261 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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261 beraten, erscheint wohl and) für damalige Zeiten schon «ls selbstverständlich. Wir wissen, daß solche Versammlungen von Rabbinern und Gemeindeältesten 1385 in Weihensels"") und 1391 in Erfurt-") stattfanden. Vom inneren Gvineindeleben ist wenig besannt. Es be* stand ein besonderer Ritus in Sachsen, dessen Eigentümlichkeiten von Menad)em von Merseburg in seinem Bndie: „Nimukim""") gesehildert werden"'). Isak Or Sarua, der std) eine Zeitlang in Sachsen aufhält""), berichtet einiges rüber Gobräud)e in „uirserm Lande Sachsen"-'") und insbesondere in Meisten'"). Jakob Weil, der in Erfurt Rabbiner ist, erwähnt von besonderen Erfurter Bräuchen nur sehr wenig""). Unter anderem weist er daraus hin, daß man in Erfurt am ersten Nistan Selid)vth zu sagen und den halben Tag zu fasten Pflegte""). Die deutsche Lichtung der Juden im 19. Jahrhundert. Von Dr. K ü t f) e R o s e n 11] a l (Breslau). .fßrft im 18. Jahrhundert lockerten sich wieder die enc^eu Schranken, die das Leben der deutschen Juden begrenzten. Einige wenige treten in Verbindung mit der anderen Welt, werden von ihr ergriffen und gebildet. Einer von diesen, Moses Mendelssohn, gibt dem deutschen Inden durch die deutsche Bibel die deutsche Sprache und damit die Möglichkeit, in die sich öffnende deutsche Geisteswelt hineinzuwachsen. Nun bietet sich eine weitere geistige Sphäre. Der jüdische Geist, der sich in 'die Bibel und den Talmud verbohrte, wird von einem lebendigen Leben berührt, das ihn mit seiner Gegensätzlichkeit erschüttert und durch seine Frische fortreißt. So zeigt der Jude der Emanzipation in feinem hervorstechendsten Typ eine Sehnsucht nach Selbstanfgabe, ohne daß aber seine Entwurzelung im alten und seine Verwurzelung im neuen Boden gleichen Schritt hielten. Die geistige Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert gibt -M) Magdeburger Schöppenchronik 8. 287. Lübecker Chronik (Deutsche Städtechronikm XIX), Seite 585. Hermann Korner, cd. Schwalm (Göttingell 1895), Seite 81, Nr. (»58, Seite 321, Nr. 983 it. et. -!)) An dieser na (inten teil: •Yno rrpTir *vno )r\: n"no psrS n"no ba1« n"no V't orrca Israel Isserlein, Pejakim Ketawim, Nr. 24. Die Identifizierung der fünf Genannten bei I. Caro, „Die Nabbinersynode zu Erflirt 1391" (Nahmers Jüdisches Liternturbiatt 1882, Nr. 28 u. 29, Seite 110 f). '"') Im Alt Hang ztt Inkob Weil,- Recht sgutacksten, cd. Venedig 1549, l'ol. 100b bis 107b, cd. Hanau 1610, lol. 80b bis 86b, siehe Benjakob, „Th-esatlrus", Seite 349, Nr. 1690, Michael, „Or hachajim", Seite 527, Nr. 1109. Lek et Ioscher, cd. Fremtanir XI.IV, Nr. 95. *') ppi anar 07001 owi na-n p-iia'T -ras onao Yno Pot t*wot nmoa ^so non im*? 'iod eno -ovn -iod im« nns Ttra? nna an» Jakob Weil, Recht sg nt achten, cd. Venedig 1549. tot. 511>, Nr. 133. 3S) Tykoeinski, „Vlonatsschrist" 1911, Seite 495. 3:>) &TWC? ’Oa ed. Sitomir, I, Seite 200h, Nr. 712, K^EJItpa lyniaSoai II, Seile 138b, Nr. 320. M) nosan rvaa vm pp nanon ^«»a ^121 p ni Os ist Tim mPw moir IV, Seite 55b, ohne Ortsangabe in H>ag. Ascheri zu- Aboda Sara 43b, c<1. Wilna, Seite 168; siehe meine „Thüringisch-sächsischen Inden" I, Seite 25, Anm. 1. 3r‘) Chiddusche Aguddnh fol. 99b, 100a. 3ft) Rechtsgutachten, cd. Venedig 1549, Nr. 41 fol. 93b. Eine andere Verordnung über das Anzünden der Channkatichter ebenda Nr. 65 fol. 95a. .. . dann dem Juden die Möglichkeit der Atrsbitdnng und Wirkung. Und dennoch steht er auch weiter als geistige Persönlichkeit abgesondert, mehr bewußt oder unbewußt, ttnd beansprucht nach Temperament und Art irgendwie eine Sonderstellung. Werden hier die in deutscher Sprache schassenden jüdischen Dichter des 19. Jahrhunderts zusammengestellt, so handelt es sich um einen Versuch, die Leistung der Inden innerhalb der detttschen Dichtkunst ztl ordnen und zu übersehen. Nur was eigenartig und aus-wirkend war, soll hier eingehender betrachtet werden. So seien übergangen Ernst Ludwig Robert, der Bruder der Rahel Lewin, mit seinem bürgerlichen Trauerspiel „Die Macht der Verhältnisse", und Dorothea Schlegel-Mendelssohtt mit ihrem Roman „Florenkin", einem auf gewissem Niveau anerkannten, die Friedrich Schlegels che „Lneinde" mu1jahmenden romantischen Produkt. Die Linie der Betrachtung beginnt mit Michael Beer (!800 1832). Der Bruder des Komponisten Meyerbeer verfaßt Gedichte, eine Novelle, vor allem Theaterstücke. In seinen Tranerspielelt, die am meisten Können verraten, ist er Epigone der Klassikerzeit. Was hier ans einer bestimmten Stimmung und einem lebendigen Gefühl heraus entstand, das wird von Beer in seiner Wirkung erfaßt und diese nett versucht. Beer ist ans dem Wege zum Effekt, nicht zur Ausbildung und Gestaltung eines Seins. Auch die stärksten Wirkungen 'seines besten Trauerspiels „Struensee" sind erborgt. In seiner Besprechung des „Struensee" weist Heine darauf hin, daß Beers „Paria." und „Struensee" sich in die Frei hei tsbewegnug der Zeit einreihen. Dieser von Heine hervorgehobene Zug verbindet in verschiedener Ausprägung die hier genannten Dichter. Hub mit dem „Paria" und einem Gedicht „Ter fromme Rabbi" trägt bereits Beer das jüdische Problem in die deutsche Literatur hinein. Das erste eigentlich schöpferische Talent, das die Juden der deutschen Dichtung geben, ist Heinrich Heine (1797 bis 1856). Heine ist Nachfahre der 'Romantik, er wird erfaßt von dein politischen Geiste seiner Zeit, er weift Beziehungen zu naturalistischen Dichtern atlf. Er ist ein feiner Mitschwingender, eine reiche, bildsame Begabung, die nicht ztir völligen Durchbildung und Reife kam, ein glänzender Geist, der sich nicht genügend vertieft. In seinem Leben ist er ein ewig Enttäuschter. Er kommt nicht zur Räche, und er ist Jude. Sehnsucht ist in ihm und Glaubenstosigkeik. Ihre Vereinigung j erklärt seinen Spott. Heilte ist Journalist und Dichter. Als Tagesschriftsteller reiht er Schlaglichter über das politische, literarische und Alltagsleben übersichtlich aneinander. Heines Prosa erreicht dort ihre stärkste künstlerische Wirkung, wo es sich darum handelt, eine Siimmung kurz und knapp zu erraffen. Das entspricht seiner Begabung für die Balllade. Das „Buch Legrand" gehört hierher mit seinen Schlachtenbildern, der „Rabbi von Bacharach" nüt seiner erregten Schilderung der Flucht, die abgelöst wird ditrch die tiefberuihi'gte Fährt aus dem Rhein. Gestalt und Handlung erfaßt Heine nicht. Er neigt zu stark zum Typisieren und jitiit Zu Mud li chwerden. Seine eigentliche Begabung sind Lied und Ballade. -Der Klang tritt mehr vor als die Gestalt. Er singt ttnd spielt in verschiedenen Rollen. Nur selten strömt er aus sich heraus. Heine macht die Zusammenstellung seiner Gedichte zu einem Ganzen, einem Zusammenhang. Damit, wie mit seiner Art, besonders der aus dem Volkslied gewonnenen Form der zwei bis drei Vierzeiler, hat Heine befruchtend innerhalb der deutschen Literatur und darüber hinaus gewirkt. Seine Art wird von Späteren ausgenommen und variiert. War bei Beer das Iudesein bereits Problem, so tritt bei Heine das Bestreben hinzu, gewisse Gebräuche und Typen festzuhalten. Damit gibt er einen Ansatz der Milierp