Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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25? Geschäftsmann, der em antisemitisches Pamphlet von seinem Hause ab reißen wollte, so bedroht wurde, daß er in seinen Laden flüchten mußte; das sei am hellen Tag geschehen. Oberbürgermeister Wächter weist die Vorwürfe res Vorredners gegen die Polizei zurü-ck. Es sei der Polizei mehrmals gelungen, Zettelankleber zur Anzeige zu bringen. Das Ergebnis der erstatteten Anzeige war aber so,'daß die Zettelantlober zu ihrem Treiben nur noch ermutigt wurden. Frau Stadtrat S t u i b e r : Ich möchte im Namen der Deutschen demokratischen Partei die Erklärung abgeben, daß auch wir die Hetze gegen unsere jüdischen Mitbürger tief bedauern. Bedauerlich ist be- . sonders die Verschärfung der Gegensätze, die eher gemildert werden sollten. Es ist die Aufgabe der Deutschen demokratischen Partei, ausgleichend zu wirken. Jeder Bürger hat das Recht auf gleichen Schutz. Justizrat Dr. Werner: Nachdem Sie alle ohne Widerspruch die Ausführungen -des Oberbürgermeisters und der Vertreter der Parteien angehört haben, darf ich annehmen, daß Sie mit meinen Ausführungen einverstanden sind. Ich kann Ihnen dafür nur meinen wärmsten Dank aussprechen, daß hier von den Vertretern der Stadt die Art und Weise, wie die Antisemiten gegen die Juden Vorgehen, vernichtend verdammt wurde. Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung,' daß Sie uns eine gerechte Beurteilung gewähren wollen und daß insbesondere der Oberbürgermeister gegen dieses schamlose Treiben einzuschreiten gewillt ist. Ob diese Schritte von Erfolg begleitet sein werden, ist allerdings zweifelhaft. Ten Kampf selbst, wenn er anständig geführt wird, fürchten wir nicht. Ob er freilich sein muß, ob eine Konfession diie andere bekämpfen muß, ist eine ankere Frage. Wenn heute gesagt worden ist, daß von seiten der Juden eine Verurteilung der unlauteren Elemente ausgesprochen wurde, so wundert mich das. Eine solche Erklärung ist bereits seitens des Deutscher: Vereins jüdischer Staatsbürger erfolgt. Nur um zu zeigen, daß wir das auch offiziell erklären, habe ich heute meine Erklärung abgegeben. Die innere Mission wird bei uns ebenso scharf geführt wie bei anderen Konfessionen, aber räudige Schafe gibt es überall. * Die Zionistis ch e Vereinigung für Deutschland erlaßt eine Gegenerklärung gegen den in der „Deutschen Tageszeitung" veröffentlichten Leitartikel des Grasen Reventlow: „Pax Judaica", der, an das Buch „Die Geheimrüste der Weisen von Zion" anknüpfend, behauptet, es seien Beweise für die Bestrebungen zur Errichtung einer „jüdischen Weltherrschaft" erbracht. Die offizielle Erklärung der deutschen Ziont>Len lautet: „Der geschäftsführende Ausschuß der Zronistrschen Vereinigung für Deutschland stellt hierdurch in seiner Eigenschaft als bevollmächtigter Vertreter der deutschen Landsmannschast der internationalen zionistischen Organisation fest, daß die Angaben des Buches „Die Geheimnisse der Weisen von Zron" und seiner englischen Ausgabe von Anfang bis zu Ende freie Erfindung und tendenziöse Lüge und dap das Ganze das Werk eines rrussischen Regierungsspitzels ans den Kreisen der berüchtigten Ochrana ist. Die gesamten Verhandlungen des ersten Zionistenkongrestes (Basel 1897), auf dessen angeblichen Sitzungsberrchten sich die Behauptungen des erwähnten Buches aufba.uen, sowohl wie der folgenden zehr: Kongreßtagungen find in den stenographischen Protokollen enthalten, die in die Oeffentlichkeit gelangt sind. Die Beratungen der Kongresse haben stets lediglich den Fragen der Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina und der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in der Diaspora gedient. Das Phantom von der Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft hat stets nur in den Köpfen einiger Antisemiten gespukt. Der geschästMhrende Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland erhebt.schärfsten Einspruch dagegen, daß ein großes Berliner Blatt Angaben, die den Stempel der Erfindung und der böswilligsten Judenhetze aufgedrückt tragen, in seinen Spalten verbreitet. * Gegen ein jüdisches Palästina. Die Nachricht von der grundsätzlichen Billigung eines Judenstaates -durch die Konferenz von San Remo hat in katholisch-spanischen Kreisen lebhaftes Aufsehen erregt. Cs wird ein Protest von Millionen von Spaniern vorbereitet, der beim Papste wie beim Könige von Spanien eingereicht werden soll. Die Nachricht entstammt dem „Bayerischen Kurier" unb ist nur mit Vorsicht aufzunehmen. # Ungarisch-christlicher Bolschewismus. ‘ Nach dem Bericht des Budapester „Magyar Orszag" hat in einer Sitzung der ungarischen Nationalversammlung der Abgeordnete Bela F e n g l e r , Mitglied der Gruppe des früheren Ministers Friedrich, folgende Rede gehalten: „Man muß einen jüdischen Kataster aufstellen. Man muß alle Juden einzeln vo-m Gesichtspunkte der Treue zur ungarischen Staatsidee prüfen. Man muß im jüdischen Kataster drei Gruppen aufstellen. In die erste gehören diejenigen, die Kommunisten waren, in. die Zweite die Verdächtigen, in die dritte die Anständigen. Denjenigen, die in die erste und zweite Gruppe gehören, muß das Vermögen abgenommen werden, sie dürfen keine Dienstboten halten, ihre Geschäfte müssen gesperrt werden und sie dürfen nur ein Zimmer bewohnen ohne Küche. (Stürmische Heiterkeit.) Der Handel befindet sich vollständig in jüdischen Händen. Infolgedessen soll jeder anständige christliche Jüngling das Recht erhalten, zu bezeichnen, welches jüdische Geschäft er übernehmen will. Der Jude muß ihn: das betreffende Geschäft überlassen. (Große Heiterkeit. Rufe: Das verstößt ja gegen das Privatrecht! Das ist ja Bolschewismus!) Früher hat es -eineu jüdischen Bolschewismus gegeben, jetzt müssen wir den christlichen Bolschewismus verwirklichen." Ja, von den ungarischen Antisemiten können selbst unsere deutschen noch etwas lernen! * Pogrome in Budapest. Der Korrespondent der Telegraphen-Union berichtet: lieber die am 20. Mai stattgefundenen Pogromexzesfe bringensämtliche Budapester Ator.genblnt.ter nur ganz kurze lmd stellenweise von o-er Zensur gestrichene Berichte. Die meisten Blätter beschränken sich daraus, den Bericht der Polizei-Korrespondenz wörtlich nachzudrucken. Dennoch geht aus den Berichten hervor, daß die Zahl der Schwerverletzten fast 100 betrug und daß bis jetzt drei Personen ihren Verletzungen erlegen sind. An vielen Stellen fanden die Au-sschr-oi-tungen unter m-ibitürischer Assistenz statt. Nach einem Bericht wurden die Exzesse durch die Mitglieder eines hauptstädtischen Vereins, gemeint ist der „Verein der erwachenden Ungarn", ausgeführt, doch ließ die Zensur die Veröffentlichung des Namens nicht zu. * Pol>en. Der Jüdische Reichstagsklub wandte sich an den Außenminister mit der Bitte um Intervention bei der ungarischen Negierung in Angelegenheit der Verfolgung jüdischer Flüchtlinge nu§ Galizier:, die seit dem Kriege in Ungarn sich aufhalten. In seiner schriftlichen Antwort erklärte das Ministerium, daß der polnische Vertreter in Budapest sich bemühen werde, allen Flüchtlingen ohne Unterschied der Nationalität und Religion die Rückkehr in die Heimat zu erleichtern. Gegen die Verfolgungen der Juden in Ungarn habe der polnische Vertreter bei der ungarischen Regierung energischen Protest erhoben. (?) _ Ter Klub der jüdischen Abgeordneten hat vom Kriegsministerium eine Abschrift des Befehles erhalten, der erlassen wurde, um den sich in letzter Zeit neuerlich wiederholten antijüdischen Exzessen ein Ende zu bereiten. Der Minister erklärt, daß die Lockerung der Disziplin bei den auf der Fahrt sich befindenden militärischen Formationen strenge Strafen nach sich ziehen werde, und erinnert die Bahnhofstonunandanten an ihre Verantwortung für die Aufrechterhalt:n:g der Ordnung an den Bahnhöfen. Jeden Mittwoch geht von Warschau ein Spezialzug der jüdischamerikanischen Emigratwnsgesellschaft „Hajas" ab, der die von der „Hajas" beförderten Emigranten nach Danzig befördert. Die Reisekarten liefert die „Hajas" zu Selbstkostenpreisen, und zwar 202 Mark die zweite und 136 Mark die dritte Klasse. Der „Hajas" steht auch in Danzig ein großes Gebäude zur Verfügung, wo die Emigranten bis zum Abgang des Schiffes verweilen können. Es