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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-04 · Heft 23 (4.6.1920) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 23 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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- 256 stunde, um sich zu erkundigen. Einen Herrn, der sich ihm als Turnwart vorstellte, fragte er: „Sie wollen meine Tochter als Jüdin nicht behalten? — „Nein", antwortete der, „wir nehmen nur Deutsche auf." — „Was verstehen Sie unter Deutschen?" — „Nun, wirnehmenkeine Ausländer auf, keine Franzosen, keine Dänen, keine Polen — und wir nehmen a u ch k e i n e I u d e n." — „Ich war vier Jahre tut Felde", antwortete ihm der zu den „Ausländern" geworfene Jude, „da hat mich an der Front kein Mensch gefragt, ob ich Jude war". — „Ja, ich muß streng nach ineinen Vorschriften handeln", schloß achselzuckend der „tetttsche" Turner. Selbstverständlich, bemerkt dazu der „Vorwärts", kann jeder Verein aufnehmen oder ausschließen, wen er will. Aber eine tüchtige Portion Dreistigkeit gehört dazu, nach unserem viereinhalbjährigen „Volkskrieg" die deutschen Juden auf eine Stufe mit „Ausländern" stellen zu wollen. Die „Deutschen Turnvereine" benutzen wie andere Turnvereine die Turnhallen der Stadt Berlin gegen eine Vergütung, die vielleicht die baren Auslagen, aber keineswegs die Abnutzungskosten deckt. Warum sind sie in ihrer Abneigung gegen die Juden nicht so konsequent, die Benutzung der doch auch a u s St euergros chen der Juden gebauten und erhaltenen Turnhallen abzulehnen? * Der A ntise m itismus ist i n der Zentrumspresse zu einer ständigen Einrichtung geworden. In einem Artikel zur Judenfrage orakelt die Berliner „Germania", das führende Zentrumsorgan, von „geheimen Plänen und Abmachungen des internationalen Judentums", die ebenso unkontrollierbar oder noch unkontrollierbarer sind als ähnliche Tinge aus der Freimaurerei. So z. B. wird es dem Judentum wie der Freimaurerei zugeschrieben, daß die Valuta der katholischen Länder so wenig begünstigt wird, und daß K o n st a n t i n o p e l, Danzig und Fiume dem Völkerbund überwiesen werden als die drei Spitzen des Dreiangels der großen Hafenplätze für Ein- und Ausfuhr Mitteleuropas. Allerdings muß sogar die biedere „Germania" zugdben, daß diese Nachrichten und Kombinationen wenig Ueberzeugendes an sich haben. Man sieht, vom Geiste eines Wind hör st ist wenig in einer Partei zurückgeblieben, die fieltte nocfi in Süddeutschland jüdische Stimmen gtt den Reichstagswahlen sucht. * Der Bamberger Stadtrat gegen die Hetze der Antisemiten. Aus Bamberg wird uns geschrieben: In der Vollsitzung des Stadtrats vom 20. Mai richtete unser Glaubensgenosse Justizrat Werner an den Stadtrat folgende Anfrage: „Billigt der Stadtrat und der Herr Oberbürgermeister die durch den Teutschvolkischeu Schutz- und Trutzbund dahier systematisch betriebene Aufhetzung der Bevölkerung gegen die Juden und was wird geschehen, um die Wiederholung der durch diesen Bund veranstalteten Bolksversammlungen und die damit verbundene schamlose und aufreizende Hetze gegen die Juden sowie die infolge ' derselben mehrfach vorgekonunenen Beleidigungen, Bedrohungen und Mißhandlungen hiesiger Juden in Zukunft hintanzuhalten?" Tr. Werner begründete die Anfrage mit folgenden Worten: Bor einigen Wochen fand dahier eine von der Ortsgruppe Bamberg des Teutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes veranstaltete öffentliche Volksversammlung statt, welche schon dadurch einen aufreizenden Charakter an sich trug, daß den Inden der Zutritt hierzu nach den öffentlichen Bekanntmachungen verboten war. Der für diese Versammlung gewonnene Redner sollte die „Ostjudenfrage" behandeln. Ter Redner in der erwähnten Versammlung, Herr Dr. Rohmeder, hat aber — wohl mit Einverständnis', jedenfalls mit voller Zustimmung des Schutzunb Trutzbundes — sein Thema nur als Deckmantel benutzt, um eine wüste und schamlose Hetze auch gegen die einheimischen Juden und die Juden in der Allgemeinheit zu betreiben, und hat sich nicht geschämt, in- Anwesenheit von Frauen und Mädchen sowie unerwachsener Knaben angebliche Zitate vorzubringen, welche nicht nur empfindlichen Personen die Schamröte ins Gesicht zu treiben geeignet waren. Die ältesten, längst widerlegten Antisemitenmärchen und -Mätzchen aus der Zeit eines Ahlwart und Genossen wurden wieder aufgetrscht, um gegen die Juden zu Hetzen und sie als minderwertige, verachtungs- und verabscheuungÄvürdige Subjekte hinzustellen. Leider hat das Vorgehen des Schutz- und Trutzbundes schon, schwere Mißstände im Gefolge. Die Schüler unserer Mittelschulen sind mit dem Giftstoffe des Antisemitismus derart durchtränkt, daß sie es ablehnen, ihre jüdischen Mitschüler anzu sprechen oder gar mit ihnen zn verkehren. Und das sollen doch unsere späteren Führer, Lehrer und Erzieher, Verwaltungsbeamte und Richter werden! Einzelne Juden wurden schon auf der Straße angepöbelt und bedroht, so daß sie gezwungen waren, zu flüchten: andere wurden beim Abreißen antisemitischer Zettel bedroht und mißhandelt. Diese Besudelung der Häuser, Firmenschilder, Austagefenster ist dahier eine wahre Landplage geworden. Für uns Juden aber ist dieser empörende Zustand geradezu unerträglich. Wir können nur durch eine öffentliche Mißbilligung des ver- 'l werflichem Vorgehens des Schutz- und Trutzbundes seitens des . Stadtrates und des Herrn Oberbürgermeisters eine Beruhigung! und eine Besserung erhoffen, wir müssen aber auch um nachhaltigen! und wirksamen Schutz gegen jede weitere Vergiftung unserer Jugend und gegen Beleidigungen und Mißhandlungen unserer jüdischen Einwohner bitten. Bis zum Auftreten des Schutz- und Tvutzbundes war gerade hier in Bamberg ein wohltuendes einträchtiges Zusammenwirken aller Konfessionen zu vermerken. Bei allen sozialen und charitativen Unternehmungen und Bestrebungen haben Christen und Juden einmütig zusammengewirkt. Tie Inden wollen dies auch in Zukunft so halten; sie wollen, soweit es in ihren Kräften steht, Mitwirken an dem Wiederaufbau unseres arg bedrängten Vaterlandes, zu welchem alle Kräfte notwendig sind. Sie verlangen aber auch anderseits die ihnen zn kommen de Achtung und eine gerechte Beurteilung als Menschen und Bürger, und sie verlangen Schutz ihrer Ehre und ihrer Person. Oberbürgermeister Wächter: Jeder, der für seine eigene Person, für seine religiöse und politische Auffassung Achtung beansprucht, wird sie anderen auch gewähren müssen. Das ist der Standpunkt, auf dem sich die Angehörigen der einzelnen Religionen und Parteien zusammenzusinden haben. Es ist unbedingt notwendig, daß dieser Gesichtspunkt allenthalben durchgeführt wird. Dieser Auffassung hat auch im Landtag der Ministerpräsident Ausdruck gegeben und gesagt, mit d.r Judensrüge dürfe die Ausländerfrage nicht verwechselt werden. Das ist auch der Standpunkt des Stadtrates. — Oberbürgermeister Wächter schließt mit einem Appell cm. die Gerechtigkeit. Bürgermeister Rattel bemerkt, daß ein Verbot der Antisemitenversammlung nicht erfolgen konnte. Derselben Ansicht se'en die Herren Dr. Wassermann und Dr. Morgenroth gewesen. Als Vertreter seiner Partei sage er: Wir, die wir auf dem Boden der Verfassung stehen, verlangen Gerechtigkeit für uns wie für die anderen. Ter Kampf muß immer Formen annehmen, welche unter gebildeten Menschen üblich sind. Redner spr'cht seine Freude darüber aus, daß Justizrat Dr. Werner ein so scharfes Urteil gegenüber jenen Juden gesprochen hat, die sich im Schiebertum und in der Revolution übermäßig breit gemacht haben. Bürgermeister S teitz spr'cht sich ebenfalls sehr scharf gegen die Hetze und den Antifemitenbund aus, der nur die reaktionären Bestrebungen fördere. T<n Versprechungen glaube er nicht, weil der ganze Antisemitismus auf Radau eingestellt ist. Wenn der Freute Ausdruck gegeben wurde, daß die Juden von den Schiebern abrückenso könne Redner vom Antisemitismus verlangen, daß er von jenen Schiebern abrückt, die keine Juden sind. Es fc\u bekannte Namen in Bamberg dabei. Bürgermeister Steitz erhebt scharfe Vorwürfe gegen die Polizei, die gegen den Antisem'tismus lax auftrete. Tie Zettelankleberei wäre nicht möglich, wenn den Antisemiten schärfer aus die Finger gesehen würde. Er habe beobachtet, wie ein hiesiger

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