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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-06-04 · Heft 23 (4.6.1920) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 23 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 ist er auch bereit, diese Erklärung zu veröffentlichen. Die Prinzipientreue kann augenscheinlich einen 'höheren Gipfel nicht erklimmen. Alle Welt wird fidj. hoffentlich darüber einig sein, -aß eine Partei, die mit solchen Mitteln der Verlockung nach rechts und links, nach vorn und hinten arbeitet, eine nie dageweseüe Widerstandsunfähigkeit entwickeln wird, sobald -ernste und grundlegende Fragen int Parlament zur politischen Entscheidung gestellt werden. Der Opal unter den Steinen, das Chamäleon unter den Tieren wird an wechselnder Farbenpracht mit der anpassungsfähigen Geschäftstüchtigkeit des Herrn Stresemann kaum wetteifern können." * Reichswehr-Jrv-einhetze. Unter den im Ruhrrevier liegenden „Reichsweihrtruppen" treibt eine antisemitische Propaganda munter ihr Wesen, die schon stark nach Vorbereitung des Pogroms aussieht. Vor einigen Tagen wurden in Duisburg eine große Anzahl Häuser, in denen Inden wohnen, sowie die Synagoge mit zirka einem Meterhohen, aus roter Oelfarbe bestehenden Hakenkreuzen gekennzeichnet, außerdem wurden die bekannten antisemitischen Heßzettel angeklebt. Es steht einwandfrei fest, daß die Täter Reichs)oohrang.ühörige, und zwwr Baltikumer vom Bataillon Li bau, waren, denn sie wurden bei ihrem Treiben von einem Indischen Herrn überrascht. Als dieser den Soldaten Vorhaltungen machte und die Zettel abriß, wurde er mit dem Revolver bedroht. Der Führer der Reichswehrsoldaten, ein Unteroffizier namens Bartels, erklärte außerdem: „Die verdammten Juden werden noch in vier Wochen alle an den Galgen kommen, merken Sie sich das. Sie verdammter Judenbengel." Diese Judenhetze, schreibt der „Vorwärts", kommt aber nicht von unten her, sondern sie wird von den oberen Komma ndostellen mit allen Mitteln gezüchtet. Als Beweis veröffentlichen wir ein militärisches Nachrichtenblatt des Militärbefehtshabers in Düsseldorf: Militärischer. Befehlshaber Düsseldorf, den 14. 9. 1919. Düsseldorf. L. l b Nr. 021 geheim! Bodenständig. Nur durch Offiziere zu bearbeiten. Nachrichtelbblatt Nr. 52. Nach zuverlässigen Nachrichten aus Berlin ist zurzeit die Negierung int Zuiierii nicht mehr Herr der Lage. Tie Verschiebung von Geschützen, Munition und sonstigen Waffen .durch die Luiden hat einen derartigen Umfang angenommen, daß in den besten Kreisen Berlins die Absicht ans gesprochen ist, daß di.e augenblickliche Regierung nur dein scheine nach -existiert. Mit großer klügst sieht man den komnr.-nden Wochenentgegen-. Auch a-u.s die zurzeit int Berlin stationierten Truppen soll zurzeit kein Bertas; mehr sein, da auch sie in den Handelt der Juden sind. Aus zugeschickten- Briefen geht hervor, das; der geplante Putsch zwischen 9'. und 15. Oktober losgehen soll. Zuverlässige Nachrichten aus München besagen, daß mich dort die Truppen in Händen der Luden und nur nach die Korps Epp und die 14. Husaren mg i er angst een sind. gez. Deelsen, Oberst, F. D. B. (zez. P l a t h o f f, Leutnant d. Re;. An dem Nachrichtenblatt ist besonders interessant, daß mau mit der Hetze gegen die Juden auch eine bestimmte Hetze gegen die Regierung verbindet. Das Nachrichtenblatt dürfte aber auch ein schlagender Beweis dafür sein, wie seitens der reaktionären Offiziere in der Reichswehr der Kapp-Putsch vorbereitet worden ist und wie weit diese Vorbereitungen zurückliegen. Der Regierung kann nur immer, wieder von neuern zugerusetl werden: „Säuberung der Reichswehr von dieser reaktionären antisemitischen Gesellschaft." . * Antisemitische Einwohnerwehren. Wie in München, .so treten auch in anderen Orten Bayerns immer stärkere Bestrebungen hervor, die darauf hinzielen, die Einwohnerwehr prn Instrument der reaktionären Bewegung ztl machen. Die sozialdemokratische „Münchener Post" veröffentlicht ein Rundschreiben, das streng vertraulich unter den Wehrmännern der Stadt Rosenheim verbreitet ward, mit folgendem Wortlaut: „Der vielseitige Wunsch aus Ausscheiden der .Juden aus dem Ein- \ vvhnen oehrve rband Rosenheim soll verwirklicht wer de in Tie Gründe sind jedem Deutschen nunmehr doch hinlänglich bekannt. Ans dem Kopfvortrag der E inschrei bl iste, welche geheim bleiben m«uß, ersehen Sie das Mittel hierzu, das im Weigerungsfälle auch wirtlich an gewendet werden muß. Es wird tuen um Ihre freundliche Unterstützung ersucht, indem Sie die Liste jedem dentschrassigen Nkitglied Ihrer Gruppe persönlich zur Unterschrift übergeben. Den Sammelbogen wollen Sie bis längstens 12. Mai an Herrn .... persönlich oder verschlossen znrückgebeu. N. B. Getraue Adresse der jüdi selben Nlichliieder Ihrer Gruppe bitte am Schluß der Zeichmutgsliste zu vertuerken." Ferner wird folgender Protest in Umlans gesetzt: „Protest. Die Unterzeichneten Rlitglieder «der Eittwohnerw>eh>r R'ofeuheim verlangen, daß die Wehr sich nur aus detttschrassigen Mitgliedern zusamtnettsotzt, lmD erwarten daher das Ausscheiden der jüdiifchett Rasse aus dettr Verband. Sollte das nicht freiwillig erfolgen, so lehnen wir innerhalb der Wehr weitere Kameradschaft mit der jüdischen ^affe ab und verweigern ihr jede Unterstützung und jedetl kameradschaftlichen Schutz." Neben den „deutschvölkischen" Einlvohnerwehrleitten mtd Ordnungsblockmännern sind, wie die „Münchener Post" betont, die antisemitischen Zeitfreiwilligen die Hauptstützen der Konterrevolution. Für die Zeitfreiwilligen sind offenbar bereits Waffen, Munition und Proviant in Privatwohnungen anfgespeichert worden. Darüber geht dem Blatt folgende Dritte: lung zu: „Seit der Rückkehr der Zeit freiwilligen aus dem Ruhr re vier ist allerlei Heeresgut verschoben worden, darunter Geschütze, schwere Maschineng-elvehr-e und viel Mtmition. Auch viele Nahrungsmittel besonders Fleischkonserveu, und mancherlei Ausrüstttugsgegenstände, darunter Woilachs, sind uns den Militärdepots entfernt und in Privattvohnuingen sotvie aus Gütern in der entfernteren Umgebung Münchens nutergebracht worden. Sie wlirden gut ttm, dem Verbleib dieser Dinge tiachzugehen. Handelt es sich um Diebstähll'e, so ist vielleicht das Ntatcrial znrüchzuhvlen .und die Schuldigen! sind Der Bestrafung zuzuführeu. In der Türkenkasertt-e loerden sich Feststellmtgeu tnachen lassen sowohl bei der Minettwerferkompagnie 141 als besonders bei den Leuten, die von der 15. Abarmtompagnie Walsen I und Ausrüstung Der zuritckgü-ehrten Zeitfreitvilligetr zu üibernehnreu hattet!." Die „Münchener Post" bemerkt, daß ihr mit diesem Bericht wgleich die N'amen und Adressen der an diesen Verschiebungen Beteiligten mitgeteilt worden seien. Die verantwortlichen Stellen werden nicht umhin können, die Allgaben des sozialdemokratischen Blattes einer gewissenhaften Nachprüfung zu unterziehen. # Er „nimmt keine Arrslürrver"! Bei einem „Dettt scheu Turnverein Jahn", der zuui Gau Brandenburg des „Deutschen Turnerbundes" gehört! und in Berlin auf dem Gemeindeschulgrundstück Wilhelmstraße 117 die Turnhalle benutzt, meldete sich aus der Gemeindeschnle eine neunjährige jüdische Schülerin zum Eintritt in seiner Schülerimwnabteilnng. Erst nachdem die nut schriftlicher Einwilligung des Vaters aufgenommene Schülerin sich schon einige Male an dem Vereinsturnen beteiligt hatte, wurde durch Befragen festgestellt, daß sie j ü d i s ch ist. Darauf erklärte ihr ein.das Turnen leitendes Fräulein: „I a, da n n f a n n st d u n i ch t m e h r h i e r bleibe n." Der Vater, der die Ausschließung ans solchetn Grund für mcht recht möglich hielt, ging persönlich zur nächsten Turn-

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