Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 und dem Göttlichen, die Leide in der menschlichen Brust leben, sie werden so Prägnant und sicher gezeigt, daß selbst das Kind es versteht. Nicht nur die alte Geschichte Israels, sondern auch die Psyche des Juden verstehen wir erst, wenn wir in den Geist der Bibel cindringen. Wenn die Sprache ein wirkliches Instrument sein soll, so muß sie im Einklänge mit unserer Natur stehen, muß sie für alles, was uns bewegt, den natürlichen Ausdruck finden. Da kann, namentlich stir uns Juden, die wir ja bewußt oder unbewußt immer aus dem Leben der Vergangenheit schöpfen, die Bibel die beste Lehrmeisterin sein. Je näher wir dem Geiste der Bibel stehen, desto leichter lernen wir die Kunst, in wenigen Worten viel zu sagen. Wir haben nur dann das Recht, zur Lessentlichkeit zu sprechen, wenn wir etwas zu sagen haben, und wir haben die Pflicht, klar und verständlich zu sein. Die Berschnörkelung ist keine Kunst, sondern das Merkmal einer armen, schwachen Natur, und sie ist für jeden gesund empfindenden Menschen eine Lual. Die Schönheit der Sprache muß. wie jede wahre Schönheit, dem Innern entspringen und nicht künstlich hineingetragen werden. Der alte Buffon hat recht: „Ter Stil ist der Mensch." Im Stil offenbart sich der Charakter. Der gerade, schlichte Mensch wird stets seine Stärke in der natürlichen, klaren Ausdrucksivcise suchen. Wer manieriert wird, wer sich künstlich ein Geleis schafft, in das er sich einzwängt, zeigt damit, daß er auf geradem Wege nichts zu bieten hat. Wer mit hohlen Worten kokettiert und sich mit dem Nimbus der Tiefe umgibt, ivill meistens durch die künstliche Form über den Mangel an Inhalt hinwegtäuschen. Das erste Gebot des Schriftstellers ist: Natürlichkeit, Klarheit. B e r st ä n d l i ch k e i t. Wer aus andere wirken will, muß ihnen eine Kost geben, die sie verdauen können. Das Merkmal des wahren Künstlers ist, daß er auch für das Höchste und Tiefste eine Form findet, die vielen verständlich ist. Die Schwerfälligkeit ist ebenso ein Nebel wie sie Seichtheit; Inhalt ohne Form ist ebenso ungenießbar wie Form ohne Inhalt. Es ist auch in der jüdischen Literatur viel auf diesem Gebiete gesündigt worden, und ivcnn die Distanz zwischen den Schaffenden und den Empfangenden zu groß ist. so liegt die Schuld aus feiten der Schriftsteller und Gelehrten. Noch fehlt unserem Judentum die eigentliche Bolksliteratur, noch fehlen uns die geeigneten Bücher für die Frauen und für die Jugend, noch fehlt die Verbindung zwischen Literatur und Leben. Ter Stil, in dem nur das Denken des Volkes befruchten, durch den wir Wärme, Belehrung und Begeisterung geben, muß erst geschaffen U'erden. Die Bibel wird uns die Bausteine und der Geist der Zeit die Architektur dafür geben. Wie es für die Sittlichkeit nur einen Weg gibt, d i e R ü ck - kehr zur Natur, zur Wahrheit, so ist auch für die Sprache die Linie vorgezeichnet: Einfachheit, Wahrhaftigkeit und k r a f t v o l l e K ü r z e. Die Sprache ist ja das Spiegelbild des Lebens. Jede Schönheit auf Kosten der Wahrheit ist verfehlt, jede Kunst, die nicht ehrlich und schlicht ist, bringt den Menschen keinen Gewinn. Die Kunst ist kein Lurns, der neben dem Leben herläuft, sondern die innere Ausstrahlung des natürlichen Schönheitsdranges. Wieviel könnten wir aus der Bibel lernen, wenn sie uns vertraut wäre? In England gehört zu den Geboten allgemeiner Bildung, die Bibel zu kennen, und bei uns ist sie häufig selbst den Nachkommen der biblischen Helden ein fremdes Buch. Wir bilden uns au alten Misteln, nur nicht an der Bibel. Die Bibel m u ß w i c d e r unser Volk s buch werden, das ist die erste Forderung einer jüdischen Kultur, die aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft schöpfen will. Die Geistcsschäße des Judentums sind nicht für die Bibliotheken, sondern fürs Leben da. Sprechen wir zum Volke seine Sprache, und es wird uns verstehen. Bit Woche. Berlin, Mai. Ar Charakterisierung der Deutschen Volkspartei, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Stellung zum Antisemitismus veröffentlicht das „Berliner Tageblatt" in der Morgenausgabe vom 30. Mai folgende interessante Zuschrift: In einer Zusammenkunft von hervorragenden Personen des wirtschaftlichen Lebens, die am 27. Mai stattgefunden hat, wurde für Herrn Stresemann und seine Partei eindringlich geworben. Es wurde hier auch die Frage erörtert, wie die Deutsche Volkspartei gegenüber dem Antisemitismus sich verhalte. Eine der prominenten Persönlichkeiten der Versammlung war in der Lage, über diesen Punkt.das Folgende auszusagen: „Es wurde mitgeteilt, daß der Führer der Deutschen Vplkspnrtei, Herr Stresemann, von einem vertraulichen Vvrstandsbeschluß seiner Partei Mitteilung gemacht habe, dahinlautend, daß die Deutsche Bolkspartei. sich darin vor allem wesentlich von der Teutschnationalen Bolkspartei unterscheide, daß sie keinerlei antisemitischen Charakter habe. Auf die Herrn Stresemann vorgelegte Frage, warum dieser Beschluß des Parteivorstandes der Deutschen Volkspartei geheim gehalten werde, habe Herr Dr. Stresemann! geantwortet, daß der geeignete Zeitpunkt zur Veröffentlichung dieses Beschlusses noch nicht gekommen sei, daß er sich aber Vorbehalte, wenn es ihm taktisch geeignet erscheine, diese Erklärung zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung dieser Erklärung würde ifjntaußerordentlich erleichtert werden durch eine Entschließung, wonach die deutschen Inden mit aller Entschiedenheit abrücken von den unser öffentliches Leben zersetzenden Erscheinungen, von Personen der äußersten Linken und von Presseorganen — auch der Demokratie, und wonach die deutsche Jndenschaft sich mit besonderer Entschiedenheit für die Deutsche Bolkspartei einfetzen würde. Gestützt auf eine solche Erklärung, die von hervorragenden Führern und Jntellektnellen des deutschen Judentums unterschrieben sein müßte, glaube Herr Tr. Stresemann sicher eine den Wünschen der deutschen Juden entsprechende Erklärung der Deutschen Volkspartei abgeben zu können." Die Persönlichkeit, die die Erklärungen über die Unterredung mit Herrn Dr. Stresemann abgegeben hat, ist durchaus zuverlässig, und somit ist nicht daran zu zweifeln, daß Herr Abgeordneter Stresemann Aeußerungen wie die vorstehenden gemacht hat. Was sagen die konservativen Freunde des Herrn Dr. Stresemann — was sagt insbesondere die antisemitische Deutschnationale Polkspartei zu diesem Standpunkt? Was sagen die RationMiberalen im Lande, die in ihre Parteiorganisation Juden nicht ausnehmen, zu dieser Auffassung? Was sagen jene nationalliberalen Versammlungsteilnehmer dazu, die bei jeder antisemitischen Aeußerung eines Redners jauchzend in die Hände klatschen und die jeden nationalliberalen und konservativen Redner niederbrüllen, der für die Aufrechterhaltnng der Gleichberechtigung unter allen Deutschen eintritt? Vollends geheimnisvoll aber ist die Mitteilung, daß seitens der Deutschen Volkspartei ein Vorstandsbeschluß bestehe, wonach die Partei „keinerlei antisemitischen Charakter" habe. Dieser streng im Tresor der Partei gehütete Beschluß kann es natürlich nicht verhindern, daß der antisemitische Charakter der Deutschen Volkspartei vielfach in offensichtlichster Weise jetzt während der Wahlbewegung zutage tritt, lind es ist ein eigentümlicher Standpunkt, daß, wenn prominente Juden sich in einer öffentlichen Erklärung der Deutschen Vokkspartei an'schließen würden, hierauf diese geruhen werde, eine „den Wünschen der Juden entsprechende Erklärung" abzilgeben. Ein derartiger Vorschlag zeigt eine hübsche politische Moral. Nicht aus prinzipiellen Gründen bekämpft der Führer der Deutschen Volkspartei den Antisemitismus und nicht aus prinzipiellen Gründen läßt er es zu, daß die Inden bekämpft werden, sondern je nach -den Chancen hält er mit einer Erklärung des Vorstandes der Partei zugunsten der Juden zurück oder