Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 23 Allgemeine Berlin, 4. Juni 1920 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «Schentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebssiellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. I-uävlg Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Htthitlf" Bibel und Papiernot. Von Fabias Schach. — Die yiUJUU« Woche. — Hebet die Landessprache im jüdischen Palästina. Von Dr. O. B. Metze r (WÄrgb'irvg). — Aus dem Genieindeleben der deutschen Juden im Mittelalter. Von Rabbiner Dr. Siegb-ert Neufcld (Insterburg). — Tie deutsche Dichtung der Inden im 19. Zahrbundert. Von Dr. Käthe Nos'enthal (Breslau). — Anerkonmmg Heines in England. Von Dr. S. s ch n e r. — Fe u i l l e t o n : Esther. Roman von C l e m e n t i n e K r ä m e r. [9. Forts.j — Literarische Mitteilungen. Der Oemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Ademel. Hamburg. Elberfeld, Düsseldorf, Basel. — Von Rah und Fern. Libr! und Ospirrnot. Von Fabias Schach. ie immer größer werdende Papiernot stellt die Schriftsteller vor eine neue große Ausgabe, sich kürzer zu fassen, ohne daß die Schönheit und Klarheit darunter leidet. War die Länge, namentlich bei Zeitungsarbeiten, stets ein Uehel, so ist sie heute zur Unmöglichkeit geworden. Aber auch die Kürze ist nur dann eine Würze, loenn sie mit Kraft und Feinheit verbunden ist. Wilhelm Scherer nennt die Konsonanten die Knochen, die Vokale die Fleischfasern der Sprache. Man könnte weiter gehen und die kraftvolle Sprache die muskulöse, die breite, weichliche die nufgeschwemmte Fettsprache nennen. Die Sprache hat eben auch, wie jeder lebende Organismus, ihre Anatomie und Physiologie, und sie ist nicht nur den äußeren grammatikalischen, sondern auch inneren Gesetzen unterworfen. Wir werden also, um der Natur der Sprache und den Forderungen der Zeit zu genügen, einen neuen Stil schaffen müssen, und es ist dieses in der deutschen Sprache, die nicht wie die französische einen allgemeinen Stil hat, kein leichtes Problem. Der Stil ist nicht dazu da, um seine Gedanken zu verhüllen oder über die Gedankenarmut hinwegzutäuschen, sondern um das, was man denkt, klar, sicher und verständlich auszudrücken. Unter den Fesseln der Zensur mag es wohl nötig gewesen sein, durch künstliche Mittel das, was man sagen will, nur anzudeuten und sprachliche Akrobatensprünge zu machen. Heute aber wäre dieses gänzlich verfehlt. Aller Zierat ist geborgte Schönheit; wo natürliche vorhanden ist, ist sie nicht nötig. Die innere Schönheit ist stets im Klange, in der Schlichtheit, in der Eigenart der Verbindung von Wort und Gedanke. Die alten Sprachen sind schöner als die neueren, weil sie logischer aufgebaut sind und weil der Mensch da der Natur noch näher stand als heute. Die hebräische Sprache ist ein Musterbild für die Verbindung von Kraft und Schönheit, Kürze und Tiefe. Und die B i b el kann uns, wie kaum ein zweites Buch, bei der Stilbildung ausgezeichnete Dienste leisten. Denn die Bibel ist nicht nur inhaltlich, sondern auch künstlerisch eins der hervorragendsten Bücher der Weltliteratur. Die größten Geister aller Zeiten haben aus der Bibel geschöpft, und Goethe gesteht herzensfreudig, wieviel er der Bibel verdankt. Der Stil der Bibel ist natürlich, schlicht und kurz. Die Bilder sind der Natur entlehnt, die Schönheit ist mit Keuschheit gepaart. und die Sprache wirkt tief auf uns ein und gibt der Phantasie reiche Nahrung. Darin liegt das Rätsel der gewaltigen Wirkung der biblischen Poesie. Wer sich nach einer Lektüre sehnt, die das Tiefste in uns auslöst, wird immer wieder zur Bibel zurückkehren. D i e B i b e l i st d i e S p r a ch e des n a t ü r l i ch e n , unverdorbenen Menschen, daher die beste Verbindung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Selbst über die empfindlichsten Vorgänge berichtet sie klar und keusch. Sie verhüllt nicht die Sünde, sie verschleiert nicht die menschlichen Schwächen. Sie ist die Sprache der Wahrheit und der Natur, darin liegt ihre ewige Größe. Es ist interessant, den biblischen Ausdruck mit dem unserer Zeit zu vergleichen. Wenn nur „ein schönes Mädchen" sagen, meinen wir eins, das nicht besonders häßlich ist. Ein wirtlich schönes Mädchen bezeichnen wir mit „sehr schön", „kolossal schön", „riesig schön" und wie die unnatürlichen Uebertreibungen alle lauten. Der Superlativ ist bei uns nicht die höchste, sondern die niedrigste Stufe, und wir müssen immer neue Steigerungen schaffen, weil die alten schnell verbraucht sind. Die Bibel sagt selbst von Esther, der schönsten Frau des Reiches, uur „sie war schön von Ansehen und schön von Gestalt"'. Bei Ruth wird nicht einmal das gesagt, und doch kann sich der Leser eine Ruth ohne Anmut und Schönheit gar nicht vorstellen. Welche Fülle von Worten brauchen wir, um Heldentum und innere Größe zu schildern! Die Bibel tut es mit einem Strich. Sparsam geht sie mit den Ausdrücken, „fromm", „schön", „anmutsvoll", „weise" um, und doch verstehen wir die biblischen Helden in ihrer ganzen Größe, weil uns durch kräftige Worte der wahre Charakter enthüllt wird. Wir würden heute ganze Kapitel brauchen, um die Größe eines Moses dem Verständnis näher zu führen. Die Bibel ruft durch kurze Andeutungen die größte Wirkung hervor. Sie spricht nicht über die Menschen, sie läßt sie handeln. Sie führt sie uns vor in ihrer Nacktheit, und wir verstehen ihre Größe. Sie macht gar keinen Versuch, die Sünden und Schwächen der Großen zu verschweigen, und doch stören sie ihre Größe nicht, weil wir sie lebendig vor uns sehen und ihre Schwächen wie ihre Tugenden aus ihrer Natur heraus verstehen. Es ist der Stil der Wahrheit, die Sprache der Göttlichkeit, die alles versteht, alles verzeiht. Selbst das Pathos der Bibel ruht auf fester Grundlage und entfernt sich nicht von der Natur. Die kräftigsten Bilder der Na.ürr bei Jesaia, die Schilderung des Kriegsrosses bei Hiob sind kurz, voller Größe und wirken daher so gewaltig. Die schwierigsten Rätsel des Lebens, die feinsten Regungen brs Herzens werden poetisch durch kurze Sähe wiedergegeben. Die Natur in ihrer ganzen Größe und Schönheit wird uns an vielen Stellen der Psalmen gewaltiger als durch ganze moderne Bücher in. einigen Sätzen vorgeführt. Das Ringen der Seele nach Hoheit, der ewige Kamps zwischen der Sünde