Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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84. Jahrgang. Nr. 22 Bertin, 28. Mai 1920 Der Oemetndebore. Vettage zur „AUgemetnen Lettung dr^ Judentums". korrrsponLm?rn und Aachnchtrn. LrutWanL. SXD Berlin, 25. Mai. Die Gesellschaft H achn a s s a t h K a l la h (zur Ausstattung bedürftrger Bräute) beging am Sonntag, den 16. d. M., im roten Saale «des Brüdervereins ihr 200jühriges Bestehen durch eine schlichte, aber eindrucksvolle Feier. Erschienen waren außer den Mitgliedern zahlreiche Gäste, Vertreter des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, der Repräsentantenversammlung, der Jüdischen Reformgemeinde usw. Vor der blumengeschmückten Rednertribüne stand ein Tisch mit alten Silbergeräten, welche der Gesellschaft gehören und die ein hohes Alter ausweisen. Die Feier wurde eingeleitet durch einen von Herrn Nathan Cohn verfaßten (an anderer Stelle dieser Nummer abgedruckten)^ von Fräulein Martha Kirschstein gesprochenen- Prolog,. Hierauf folgte, in der Komposition von. Schubert, von Frau Paula Weinbaurn vorgetragen: „Dem Unendlichen". Sodann, hielt Herr Rabbiner Dr. Weiße die Weiherede. Er führte etwa folgendes aus: „Die Gründung des Vereins fiel in eine Zeit, die der Berliner Jüdischen Gemeinde viel Demütigung und Not auferlegte. Das Tragen des „gelben Fleckens" wurde den Juden erst nach Erlegung großer Geldsummen erlassen. Die jetzt noch besteh'ende Alte Synagoge wurde 1714 zwar in Gegenwart des Königs Friedrich Wilhelm I. und des Hofes eingeweiht, aber fast alle gesetzlichen Bestimmungen und Reglements zeigen Mißtrauen und Geringschätzung und verfolgen den Zweck, die 120 in Berlin geduldeten jüdischen Familien zum Aussterbenzu bringen. Schon sechs Jahre nach Einweihung der Synagoge wird der Verein Hachnassath Kallah, der armen Mädchen zur Gründung eines eigenen Heims beistehen soll, ins Leben gerufen. Das Judentum wurzelt nicht vor allem irr den Gotteshäusern, sondern in dem Familienleben; da wurde der Sinn für Religion und Sittlichkeit geweckt und gepflegt. Diese waren im Judentum zu allen Zeiten eng verbunden. Die Schließung der Ehe war ein gottesdienstlicher Akt. Die Ehe hat sittliche Ziele, die Erhaltung des Stammes. Diesen Segen der Familie, der Ehe, wollten unsere Vorfahren auch den Armen und Unbemittelten verschaffen. Man hat bei uns früher n i e die unsoziale und inhumane Befürchtung gehabt, daß arme Ehen das Proletariat vermehren. Zahllose Namen beweisen, daß aus armen Familien führende Persönlichkeiten entstammt sind. Um einige^zA zu nennen: in alter Zeit: Hillel — Akiba; aus neuerer Zeit: Moses Mendelssohn — Hermann Cohen. Es liehen sich Tausende jüdischer Namen anführen. Unser Verein hat in seinen Statuten das Leitwort, als Ueberschrift: „Jeder Verein, der in gottgefälliger Absicht gestiftet wird, hat Bestand". Dieses Wort hat sich erfüllt. Unser Verein gehört zu den wenigen, die noch nach 200 Jahren wirken. Er hatte allerdings-edle Führer: David Cassel, Martin Simo n und jetzt Emil Pincus." — Nach einem Adagio von Spohr, vorgetragen, von Herrn Alfred Witt e n b e r.g, nahm -der Vorsitzende, Herr Emil Pincus, das Wort zu seiner Festrede, die wir nur kurz skizzieren können. Redner warf einen historischen Rückblick auf die Gründungsz-eit. Zunächst und während der ersten 21 Jahre sammelte der Verein milde Gaben, um notleidende Personen und arme Bräute zu unterstützen'. Dann wurde der Beschluß gefaßt, die Fürsorge lediglich bedürftigen Bräuten zuzuwenden. Während zunächst nur kleine Beträge als Aussteuerbeihilsen gewährt werden konnten, war es durch die errichteten Stiftungen immer mehr möglich, tatkräftiger einzugreifen. Während früher Nichtmitgliedern— der Verein war eigentlich ein solcher auf Gegenseitigkeit — nur 150 Mark als Höchstgabe zugebilligt werden konnten, wurde diese Summe später auf 300 Mark und in einer der Jubelfeier unmittelbar voraufgegangenen außerordentlichen Mitgliederversamrnlung auf 600 Mark erhöht. Der Redner erklärte dann die ausgestellten Silbergeräte. Ein großer Pokal mit Widmung und Namen der Vorsteher stammt aus dem Jahre 1740, ein zweiter, fast gleicher, aus dem Jahre 1761. Ferner sind zu beachten der ausgestellte Kidduschbecher, der prachtvolle Thorabehang und die Sammelbüchse, mittels der früher auf Hochzeiten der wohlhabenden Glaubensgenossen milde Gaben für bedürftige Bräute gesammelt worden sind. Der Redner teilte mit, daß die Sammlung zum „Jubilüumsfonds 1920" etwa die Summe von 60 000 Mark ergeben habe. Mit Dank an die erschienenen Gäste, Ehrengäste und alle diejenigen, welche ihr besonderes Interesse für Hachnassath Kallah bekundet haben, schloß der Redner. Hierauf sprach das Vorstandsmitglied Herr Heinrich Frankel namens des Vorstandes von Hachnassath Kallah Herrn Emil Pincus, der fast ein Vierteljahrhundert im Vorstand, davon 15 Jahre Vorsitzender ist, warme Worte des Dankes und der Anerkennung aus. Zuletzt ergriff im Aufträge des zwar anwesenden, aber etwas indisponierten Vorsitzenden des Gemeindevorstandes. Herrn Geheimrat S te rn, Herr Dr. Jsmar Freund das Wort, um die Glückwünsche des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde darzubringen und mitzuteilen, daß der Vorstand beschlossen habe, der Jubilarin „Hachnassath Kallah" als praktisches Angebinde für ihre Zwecke 5000 Mart zuzuwenden. Mit dem Gesang des 126. Psalms, Komposition von Reimann, vorgetragen von Frau Paula Weinbaum, schloß die erhebende Feier. L2 Berlin, 25. Mai. Im Repräsentantensitzungssaal der Berliner Jüdischen Gemeinde tagte am 16. und 17. d. M. eine Konferenz des Verbandes der Ostjuden in Deutschland, an der 40 Delegierte aus den verschiedenen Teilen des Reiches teilgenommen haben. Während der zweitägigen Verhandlungen wurden alle das Ostj.u-dentum berührenden aktuellen Fragen eingehend erörtert. Nach der Wahl des Präsidiums — Lewit (Berlin), Reich (München), Bader (Köln), Lin (Berlin), Dr. Taubes (Stuttgart) -- erstattete der Generalsekretär des Verbandes, Herr L i n, den. Tätigkeitsbericht und wies auf die Leistungen des Verbandes insbesondere auf den Gebieten der sozialen Fürsorge und des Rechtsschutzes hin. Gleichzeitig hob er hervor, daß der Verband an den großen Aufgaben des Gesamtjudentums aktiv mitzuwirken habe. Herr F. M. Kaufmann, der Generalsekretär des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, beleuchtete sodann an Hand statistischen Materials die ostjüdische Einwanderung in Deutschland und legte dar, daß die jüdischen Emigranten, deren Zahl maßlos übertrieben wird, produktionsfähige Kräfte sind und für die deutsche Wirtschaft nutzbringend verwendet werden könnten. Herr Jakob Reich, Vorsitzender des Gesamtausschusfes der Ostjuden in München, sprach über.die Aufgaben des Verbandes, der danach zu streben hat, daß die Ostjuden in allen sie betreffenden Angelegenheiten nicht als Objekt, sondern als Subjekt fungieren sollen.- Im Anschluß an die Referate berichteten die Vertreter der Ortsgruppen über die Lage der Ostjuden in ihren Städten und schilderten insbesondere das tragische, ergreifende Los der ostjüdischen Flüchtlinge. Die Frage der jüdischen Wanderung undderFlüchtlingsfürsorge behandelteHerrDr. Taubes in einem eingehenden Referat und wies besonders darauf hin, daß Deutschland vornehmlich eine Etappe auf dem Wege der jüdischen Wanderung bildet. Einen Hauptgegenstand der Verhandlungen bildete der Ausbau der Organisation. Es wurde ein zwölfgliedriges Zentralkomitee, als Leitung der ostjüdischen Gesamtorganisation in Deutschland gewählt, dem 5 Mitglieder aus Berlin und 7 aus der Provinz angehören. Die Debatten nahmen einen würdigen Verlaus und führten zu voller Uebereinstimmung in allen einschlägigen Fragen. Die Konferenz setzte die Richtlinien für die künftige Tätigkeit des Verbandes fest. Zum Schluß drückte sie ihren Dank an die jüdischen Organisationen in -Amerika aus für ihre segensreiche Hilfsaktion zugunsten der notleidenden Juden in Osteuropa. 2/D BeEn, 25. Mai. Wie wir vom Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands erfahren, laufen ausländische Juden, insbesondere Flüchtlinge, die ohne besondere Einreiseerlaubnis sich nach Bayern begeben, Gefahr, auf bayerischem Gebiet sestgenommen zu werden, wo sie dann längere Zeit in Haft sitzen. Alle mit der Flüchtlingsfürsorqe betrauten Stellen, insbesondere auch die Durchreisekom'missronen und Fürforgestellen für Wanderarme, werden gebeten, die Flüchtlinge entsprechend zu informieren, da es schwer hält, für bereits schuldlos, aus Unkenntnis in Hast Genommene aus bayerischem Gebiet die Freilassung zu erwirken. E. M. Berlin, 25. Mai. Z u m Andenken au den 10 0. Geburtstag von Israel Hildesheimer soll dem Rabbinerseminar in Berlin eine Hildesheimer-Jubiläumsspende angegliedert werden, die einer Erweiterung der Aufgaben des Seminars