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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-28 · Heft 22 (28.5.1920) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 22 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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In diesem Augenblick gingen die beiden in einiger Entfernung einer Waldbank vorüber und hörten die Worte: „Ausgerechnet Die Tänzerin/ ein Mädchen aus der Gesellschaft fordert ein Prinz nicht auf, Kunststück." Esther knüpft an das Gehörte an: „Sie sehen nur das glänzende Außen und neiden es einem, nicht?" „Nein, so ganz einfach liegt es nicht", meint der Mann dagegen, „es ist etwas Besseres als der Neid, es ist — die zweite Seele". „Da haben Sie recht," gibt Esther zu, „für Die eine oder die andere muß man sich irgendwie entscheiden, das heißt: meist entscheidet das Löben schon selber, und so ist immer eine der beiden Menschenseelen ein wenig 'beleidigt. Wie ein gefangenes Vögelchen, das sich schier verflattert an den Stäben seines Käfigs." „Gewiß," stimmt er bei, „allemal wenn die eine Seele nichts von der anderen weiß. Natürlich gibt es auch harmonische Naturen. Biele freilich, die uns so erscheinen, sind auf saueren Umwegen dahin gelangt. Und die ohne Untiefen, die flachen, schalten wir von vornherein aus. Und so ist es also oftmals nicht bloß der Neid, der den Klatich erzeugt, sondern auch eine Art von enttäuschtem Sehnen, das sich auf solche Weise Lust macht."! i i / „Sie, Herr Pattendorff, zählen wohl zu den harmonischen Menschen, von denen Sie vorhin sprachen?" „Glauben Sie? — Lassen Sie sich mal was erzählen, Esther. Ich bin vor ein paar Tagen in Haidevstadt gewesen." „Ach?" „Was meinen Sie: warum?" „Studienhalber?" „Nein — ich — Esther — ich wollte Ihren Geburtsort — Ihr Elternhaus nochmals genau ansehen, und dann — vor allem — Ihre Mutter." <Forts«tzun« folgt.) Orolog zur zweiten Säkularfeier der Gesellschaft Hachnaffath Rallah zu Berlin am i6. Mai 1920, versaßt und gewidmet von Nathan Cohn, achnassath Kallah, hilfsbereit, Zweihundert Jahre jederzeit! Ihr, die ihr kamt, habt es vernommen, Ihr Wiegenfest ist heut' gekommen. Den Liebenden ein treuer Hort! Hast ernste Sorgen du gebannt. Dein Walten wirket fort und fort Und preisend wird es oft genannt. Hast manchem Paar ein Heim bereitet. Die Brust oft hoffnungsfroh geweitet. Der mancher Seufzer leis entquoll; Dir sei gebracht des Dankes Zoll. Und treu gehütet, treu geschützt. Erfüllt von deinem reichen Segen, Hast Tausenden du schon genützt, Heil kündend stets auf deinen Wegen. Zweihundert Jahre! Graue Zeit! Doch immer jung bist du geblieben. Dein Ruhm erstreckt sich weit und breit; Nicht Furchen hat die Zeit geschrieben Auf deine Stirn, du ewig Junge! Dein Lob erschallet immerdar Und rühmen wird dich manche Zunge. Du hast gewirkt nach Väter Sitte, Du hemmtest mancher Zähre Lauf, Weil du erfülltest vieler Bitte; Du richtest die Gebeugten auf. Und all die Mädchen bräutlich hold. Die voll Vertraun sich au dich wandten. Die danken heut' aus Herzensgrund, Weil du beschützt hast ihren Bun>d. Mög's in Aeonen bleiben so. Dann werden viele Menschen froh Die Retterin in dir erblicken Und ihr Gebet zum Himmel schicken. Was von den Vätern du ererbt. Erwarbst du, um es zu besitzen: Hachnassath Kallahs frommen Sinn Mög' Gott da droben ewig schützen! Lrsrkrüchte. Dehmel und der jüdische Schulet. Smnmy Gronemann erzählt in der letzten Nummer der „Neuen Jüdischen Niona-tshefte" von seinen Erlebnissen in Oberost und seinen Ausanunenkünsten mit Dehmel. Me der Dichter speziell über die jüdische Küche dachte, erhellt sich ans folgender Schilderung: Dehmel fuhr auf einige Tage nach Wilna, um diese Stadt kennen zu lernen und speziell auch das jüdische,' Leben dort. Ich riet ihm, es so einzurichten, daß er am Bersöhnungstag dort den Gottesdienst in der Alten Synagoge besuchen könne. Er kam im höchsten Maße angeregt und interessiert zurück. Ueber den Eindruck, den Wilna auf ihn gemacht hatte, sprach er geradezu überschwänglich. Er erklärte, daß Wilna auf ihn einen größeren Eindruck gemacht habe als selbst Rom. Vor allem hatte ihn das Treiben in den engen Gähchen um die Deutsche Straße herum, das eigentliche Judenviertel, gefesselt. Der Höhepunkt aber war, wie ich es nicht anders erwartet; hatte, der Gottesdienst in der Alten Synagoge. Er chatte den wundervollen Herschmann vorbeten gehört und behauptete, daS sei mit der höchste künstlerische Eindruck seines Lebens gewesen. Vor allem aber, sagte er, es sei ihm im Tempel zu Wilna zum erstenmal der Begriff der „betenden Gemeinde" aufgegangen, jetzt erst glaube er auch das Volk der Psalmen zu verstehen, jetzt wisse er, was es heiße, wenn der Ruf einer Menge zum Himmel emporsteigt. An einem Sabbatmittag geleiteten Hermann Struck und ich den Dichter zu dem primitiven, aber vorzüglichen jüdischen Restaurant von Michelsohn, in dem wir ständig aßen, um ihn mit den traditionellen Sabbatgerichten bekannt zu machen. Dehmel war an jenem Tage in großer Erregung. Er hatte an diesem Sabbat vormittag einen besonders heftigen Zusammenstoß mit der Bureaukratie gehabt und zog unterwegs gewaltig über die Machthaber her, welche dort durch schematische Verordnungen und in bornierter Ueberheblichkeit allerhand Unheil stifteten. Was er da auszusetzen hatte, kann in seinem Buch nachgelesen; werden. Aber damals ließ er sich mit einer Urwüchsigkeit und Offenheit, die kaum zu überbieten war, über diese Dinge aus und speziell auch über 'das Unverständnis, mit dem den jüdischen Wünschen und Eigenheiten gegenübergetreten wurde. Er erklärte schon damals, zornig den Stock aufs Pflaster stoßend, daß seines Bleibens dort nicht lange sein und daß -er vermutlich mit einem großen Krach verschwinden würde. Bei Tisch kam etwas von dem Geist des Sabbatfriedens auch über ihn und beim Genuß des Schalet, des gefüllten Hälschens, der Kuggel, glätteten sich allgemach seine Zornessalten und die beängstigende Röte seines Gesichts schwand. Er saß zwischen unserem Feldrabbiner Dr. Rosenack und Struck. Der Rabbiner gab allerhand hübsche Geschichten aus dem Midrasch zum besten. Ich machte gewissenhaft darauf aufmerksam, daß es nicht ganz sicher sei, ob der dort zulande übliche Schalet ganz identisch mit dem von Heinrich Heine besjungenen Nationalgericht sei, da am Rhein sich eine besondere Tradition in der Schaletbereitung entwickelt habe, während Struck, der sich ganz als Impresario der jüdischen Küche fühlte, mit ängstlichen Haussrauenblicken darüber wachte, daß seine bis ins Kleinste am Tage vorher gegebenen Anordnungen befolgt würden — hatte er doch sogar eine weiße Schürze für Frau Michelsohn und ein frisch geputztes Besteck durchgesetzt. Dehmel ließ sich trotz meiner küchenphilologischen Bemerkungen den Schalet gut schmecken, den er offenbar ebenso zu würdigen verstand, wie es einige Zeit vorher Herbert Eulenberg getan hatte, und hörte still und warm interessier,t die Sabbatgesänge und das Tischgebet an.

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